HOME

Arztbesuche: Deutsche sind Wartezimmer-Weltmeister

Laut einer Studie sind Deutsche weltweit am häufigsten beim Arzt zu finden. Mit 16 Arztbesuchen pro Jahr erreichen sie den Spitzenwert. Die kassenärztliche Bundesvereinigung bezweifelt dies allerdings.

Die Kassenärzte bezweifeln die Ergebnisse der Studie zur ambulanten Behandlung, wonach die Deutschen mit über 16 Arztkontakten im Jahr "weltweit ganz vorne" liegen. Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Köhler, verweist in einem Gespräch mit der "Neuen Osnabrücker Zeitung" auf einen OECD-Bericht, die Deutschland bei den Arztkontakten im internationalen Mittelfeld sieht. Die Daten der am Vortag veröffentlichten Auswertung der Gmünder Ersatzkasse (GEK) müssten deshalb überprüft werden, sagte er.

Hochrechnung mit anonymen Daten

Zudem gebe es in Deutschland noch einen freien Zugang zu ambulanter und stationärer Behandlung - anders als in vielen anderen Staaten. Es bestehe der "weltweit größte Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherungen". Die GEK hatte die anonymen Daten von 1,4 Millionen Versicherten aus dem Jahr 2004 - also bereits nach Einführung der Praxisgebühr - statistisch ausgewertet und auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet.

Die Gmünder Ersatzkasse hatte berichtet, dass die Deutschen bei der Anzahl der Arztbesuche weltweit einen Spitzenplatz belegen. Von den im Schnitt 16,3 Arztbesuchen im Jahr entfallen dabei leicht überdurchschnittlich viele auf die Montage. Das Institut für Sozialmedizin ISEG hatte Daten von 1,5 Millionen Versicherten dieser Kasse repräsentativ ausgewertet. An Montagen, die kein Feiertag waren, hatten 2004 rund 5,8 Millionen Menschen einen Arztkontakt, während es im Schnitt aller Arbeitstage nur 4,8 Millionen waren.

Zu viele Ärzte locken

Die Experten kamen zu dem Schluss, dass der Anstieg der Arztdichte um rund 40 Prozent zwischen 1990 und 2004 zu den häufigen Arztbesuchen beitrug. Skeptisch beurteilte der Vorsitzende der Kasse, Dieter Hebel, deshalb Ärzteforderungen nach drastischer Aufstockung ihres Honorartopfs.

Die Studie geht hart mit internationalen OECD-Statistiken ins Gericht, nach denen Deutschland bei den Arztkontakten im Mittelfeld liegt. "Nach den jetzt realitätsnäher bestimmten Zahlen" gingen Deutsche im internationalen Vergleich besonders häufig zum Arzt.

Spitzenreiter bei den Diagnosen sind Infektionen der oberen Atemwege bei 26 Prozent, gefolgt von Rückenschmerzen bei rund 24 Prozent und Bluthochdruck bei 21 Prozent der Patienten. Verhaltensstörungen durch Alkohol wurden 2004 bei 832.000 Menschen in den Praxen erkannt. Die Wissenschaftler halten die Dunkelziffer hier für hoch.

Alarm schlugen die Studienautoren wegen 4,9 Millionen Menschen, bei denen unerwünschte Nebenwirkungen von Medikamenten diagnostiziert wurden. Von Depressionen waren mit 11 Prozent Frauen mehr als doppelt so häufig betroffen wie Männer mit rund 4 Prozent.

Frauen gehen öfter zum Arzt als Männer

Allein ein Prozent der Versicherten verursachten 13 Prozent der Behandlungskosten. Junge Männer gingen nur halb so häufig zum Arzt wie junge Frauen. Bei alten Männern lagen die Behandlungskosten mit im Schnitt 890 Euro aber um 175 Euro über denen alter Frauen. Nach Angaben des ISEG-Experten Friedrich Wilhelm Schwartz verursacht die ambulante Versorgung von Säuglingen im Schnitt 400 Euro Kosten im Jahr, bei jungen Männern sind es 140 Euro. KBV-Sprecher Stahl sagte: "Wir begrüßen es, dass eine Krankenkasse einräumt, dass die Pro-Kopf- Ausgaben im ambulanten Bereich in Deutschland im internationalen Vergleich niedrig sind." Auch in der Forderung der Ärzteschaft nach Aufhebung der Budgets und der festen Preise für ihre Leistungen sah sich die KBV im Gleichklang mit den Studienautoren.

AP/DPA / AP / DPA