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Krankenkassenstudie: Junge Männer sind Zahnarztmuffel

Einmal im Jahr zum Zahnarzt? Ein Drittel der Deutschen sieht das nicht so eng - vor allem junge Männer nehmen die Vorsorge lax. Zahnersatz wird hingegen immer teurer, zeigt eine Studie der Barmer.

Von Lea Wolz

Pfusch am Zahn: Zahnärzte sind eben auch nur Handwerker

Pfusch am Zahn: Zahnärzte sind eben auch nur Handwerker

Wie ist es um die zahnärztliche Versorgung in Deutschland bestellt? Wie häufig suchen die Bundesbürger in einem Jahr die Praxen auf? Und gibt es hinsichtlich der Zahnarzt-Kontaktfreude regionale Unterschiede? Fragen wie diese beantwortet der Zahnreport der Barmer GEK, der in diesem Jahr zu dritten Mal erscheint.

Für ihn wertete die mit 8,6 Millionen Versicherten größte Krankenkasse Deutschlands rund 55 Millionen Abrechnungen aus. Die Daten sollen dabei helfen, mehr Transparenz in die Zahnmedizin zu bringen. Schwerpunkt ist diesmal die Versorgung mit Zahnersatz. Erstmals nahmen die Wissenschaftler für den Report Daten zu Prothesen, Implantaten und Brücken unter die Lupe. Die Grundlage dafür bildeten Heil- und Kostenpläne aus den Jahren 2001 bis 2009, die von Versicherten der ehemaligen Gemündener Ersatzkasse (GEK) stammen.

Knapp 1400 Euro kostete demnach die Versorgung mit Zahnersatz und Zahnkronen 2009 pro Versichertem im Durchschnitt, was einem Anstieg um rund 18 Prozent seit 2005 entspricht. 776 Euro und damit gut die Hälfte der Kosten mussten die Patienten selbst tragen. Zwar seien die Eigenanteile nicht so dramatisch gestiegen wie befürchtet, sagt Rolf-Ulrich Schlenker, stellvertretender Vorstandsvorsitzende der Barmer. Dennoch sieht er einen schleichenden Trend zu höheren Privatkosten. "Nirgendwo sonst im Gesundheitswesen wird die Gefahr einer Aufspaltung in eine reduzierte Sockelversorgung und eine expandierende Privatbehandlung so anschaulich wie beim Zahnersatz", kritisieren die Autoren des Berichtes. Sprich: Eine solche Behandlung kann sich längst nicht mehr jeder leisten.

Zahnersatz im Süden teurer

Auch der Vergleich zwischen den Bundesländern zeigt Unterschiede: So ist der Zahnersatz im Süden der Republik teurer. Dagegen liegen die Eigenanteile etwa in Sachsen und Brandenburg unter dem Bundesdurchschnitt. Neben der privaten Finanzkraft des Südens spiele vermutlich auch ein anderes Angebotsverhalten der Zahnärzte und die häufiger in Anspruch genommenen Vorsorgeleistungen im Osten eine Rolle, sagt Schlenker. Er fordert den Anstieg der über die private Gebührenordnung der Zahnärzte (GOZ) abgerechneten Leistungen zu bremsen und das Modell der Festzuschüsse zu reformieren.

Für Kronen, Brücken und Prothesen erhalten gesetzlich Versicherte von der Krankenkasse einen Festzuschuss. Weitere Leistungen und einen besonderen Arbeitsaufwand rechnet der Zahnarzt direkt über die GOZ mit dem Patienten ab. Dabei ist nicht vorgeschrieben, was er dafür in Rechnung stellen kann.

Lücken bei der Vorsorge bei Kleinkindern

Einen Zahn zu erhalten oder einfach nur zu ziehen ist - kaum überraschend - günstiger: 2011 lagen die mittleren Kosten für konservierende und chirurgische Eingriffe wie Füllungen, Wurzelbehandlungen, aber auch Zahnextraktionen bei rund 105 Euro pro Versichertem. Etwa 29 Prozent der Bevölkerung suchen pro Jahr den Zahnarzt auf, um sich mindestens einen Zahn wegen Karies behandeln zu lassen.

Insgesamt waren im Jahr 2011 knapp 70 Prozent der Bevölkerung mindestens einmal beim Zahnarzt - Frauen etwas mehr als Männer. Im Durchschnitt kam jede Person auf 2,15 Kontakte. Wie bereits im Jahr zuvor bestätigen die Daten des aktuellen Reports, dass junge Männer den Gang zum Zahnarzt häufig scheuen: Die 20- bis 25-Jährigen präsentierten sich auch 2011 als Zahnarztmuffel, nur 54 Prozent von ihnen suchen die Praxis auf.

Nachholbedarf gibt es weiterhin auch bei der zahnärztlichen Vorsorge von Kleinkindern: Bereits im letzten Zahnreport hatten die Autoren bemängelt, dass Eltern den ersten Kontakt zum Zahnarzt lange hinauszögern. Das hat sich kaum gebessert: Auch 2011 nimmt nur etwa jedes dritte Kind unter sechs Jahren die Früherkennungsuntersuchung wahr.

Zahnrztdichte ist hoch

Auch bei der Allgemeinbevölkerung nimmt nur etwa die Hälfte Vorsorgeleistungen wie das Entfernen von Zahnstein in Anspruch. Allgemein gehen die Menschen im Osten häufiger zum Zahnarzt als im Westen: In den neuen Bundesländern suchen 76 Prozent der Bevölkerung einmal im Jahr einen Zahnarzt auf, in den alten Bundesländern sind es nur 68 Prozent. Ein Unterschied zeigt sich hier auch von Stadt zu Land: Landbewohner nehmen die Vorsorge demnach genauer - und das, obgleich es mehr Praxen in der Stadt gibt.

Im internationalen Vergleich der Industriestaaten belegt Deutschland bei der Zahnarztdichte einen der vorderen Plätze: Mit 68 Zahnärzten je 100.000 Einwohner steht es an fünfter Stelle, nach Belgien (89), Finnland (79), Dänemark (78) und Japan (74).