HOME

Krankenhaus-Report: Psyche treibt Deutsche in die Kliniken

Die Deutschen werden immer häufiger mit psychischen Erkrankungen in den Krankenhäusern behandelt. Laut dem aktuellen Krankenhaus-Report der Barmer GEK fallen inzwischen mehr Behandlungstage in den Kliniken auf psychische Störungen als auf andere Erkrankungen.

Die Behandlung von psychischen Erkrankungen spielt in den deutschen Krankenhäusern eine immer größere Rolle. Wie aus dem aktuellen Krankenhaus-Report der Barmer-GEK-Krankenkasse für 2009 hervorgeht, gehören vier der fünf häufigsten Krankenhaus-Therapien zur Gruppe der psychischen Erkrankungen. Statistisch fallen inzwischen mehr Behandlungstage (268 je 1000 Versicherte) auf psychische Störungen als auf Kreislauf-Erkrankungen (220 Tage je 1000 Versicherte). Das sah vor knapp 20 Jahren noch ganz anders aus. 1990 mussten in den Kliniken für die Behandlung von psychischen Krankheiten nicht einmal halb soviel Tage aufgewendet werden wie für Erkrankungen des Kreislaufssystems.

"Während 1990 nur etwa jeder zwölfte Behandlungstag unter der Hauptdiagnose von psychischen Störungen erfasst wurde, waren es 2009 gut ein Sechstel aller Behandlungstage", heißt es im Krankenhaus-Report zu dem Trend. Jeder Vierte, der wegen einer psychischen Erkrankung stationär behandelt wird, ist Alkoholiker. Allerdings, so heißt es weiter, sind die Behandlungen von "Depressiven Episoden", "Wiederkehrenden depressiven Störungen" und "Schizophrenien" deutlich zeitintensiver, erzeugen also mehr Behandlungstage. Die Ursache für die Zunahme psychischer Erkrankungen sieht der Sozialmediziner Friedrich Wilhelm Schwartz darin, dass heute offener als noch vor Jahren über Depressionen gesprochen werde, wirtschaftliche und damit existenzielle Probleme den Menschen mehr zusetzen und es den Halt durch traditionelle Familienbindungen immer weniger gebe.

Kostentreiber Gelenkprothesen

Psychische Erkrankungen sind der Studie zufolge auch die einzige Krankheitsgruppe, bei der die Verweildauer im Krankenhaus gestiegen ist - nämlich seit 1990 um 53 Prozent. Dagegen verbringen Patienten mit Kreislauf- (minus 42 Prozent), Krebs- (minus 23 Prozent) sowie Muskel- und Skeletterkrankungen (minus 20 Prozent) deutlich weniger Tage in der Klinik als vor fast 20 Jahren. Zwar dauert somit ein Krankenhaus-Aufenthalt für den einzelnen heute weniger lange als früher, dafür sind die Deutschen offenbar eher bereit, sich stationär behandeln zu lassen. Unter 1000 Versicherten gab es 2009 186 Behandlungsfälle - vier mehr als im Vorjahr.

Großen Anteil an den häufigeren Klinik-Aufenthalten hat laut der Studie die rasch steigende Zahl von Hüft- und Kniegelenk-Operationen - was von der Krankenkasse kritisch gesehen wird. Allein im vergangenen Jahr wurden den Angaben zufolge rund 209.000 Hüft- und 175.000 Knieprothesen eingesetzt. Dafür gaben die gesetzliche Krankenversicherungen inklusive der Kosten für die Nachbehandlung rund 3,5 Milliarden Euro aus. Daraus lasse sich die Schlussfolgerung ziehen, dass Rentner ohne künstliches Knie- oder Hüftgelenk schon bald in der Minderheit sein könnten, heißt es.

Werden Implantationen zu häufig verordnet?

"Die gewaltige Steigerung von Hüft- und Knie-Implantationen hat einen hohen Preis", sagt der Barmer-GEK-Vize Rolf-Ulrich Schlenker. Es müsse die Frage erlaubt sein, ob nicht zu häufig die Implantationen als Heilmaßnahme verordnet werde. Schließlich gebe es inzwischen ein großes Angebot an geeigneten Operationssälen und mithin eine große Nachfrage. Schlenker: "Es gibt Indizien dafür, wir können es aber derzeit nicht beweisen." Möglicher Kritik beugt der Kassenfunktionär sofort vor: "Wir wollen nicht in die Rationierungsdiskussion." Doch stelle sich die Frage, ob Prothesen stets nur dann eingesetzt würden, wenn es auch sinnvoll sei. Womöglich operierten die Ärzte auch immer leichtere Fälle, mutmaßt Eva Maria Bitzer, Autorin des Krankenhausreportes.

Sozialmediziner Schwartz sieht den Grund für das häufigere Einsetzen von Gelenkprothesen eher nicht darin, dass die Ärzte zu häufig Operationen empfehlen würden. Vielmehr glaubt er, dass zunehmende Fettleibigkeit und Bewegungsarmut in der Bevölkerung zu einem höheren Verschleiß der Gelenke führten. Ein Ansatz zur Verringerung der Zahl der Implantationen sei deswegen auch eine bessere Vorbeugung durch gesunde Ernährung und Sport.

dho/AFP/Reuters / Reuters

Wissenscommunity