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Chipkarte: Vom Krankenschein zum E-Rezept

Nach dem guten alten Krankenschein hat bald auch das herkömmliche Papierrezept ausgedient: Ab 2006 kommt mit den neuen Versichertenkarten auch das elektronische Rezept, das gleich auf der Patientenkarte gespreichert wird.

Der gute alte Krankenschein hat längst ausgedient. Bald soll auch das Papierrezept, das der Patient vom Arzt zur Apotheke trägt, Geschichte sein: Mit den neuen Versichertenkarten, die laut der Gesundheitsreform 2006 eingeführt werden, kommt auch das elektronische Rezept. Auf den Chipkarten der Gesundheitskarte lässt sich mehr als das 100-fache der Daten speichern. Revolutionär ist dabei jedoch nicht der Chip, sondern die Vernetzung aller Daten zwischen Ärzten, Apotheken und Kassen. Das langfristige Ziel lautet elektronische Patientenakte.

Zweifel am Zeitplan

Das Projekt, dessen 1.000-seitige Eckdaten das Industriekonsortium Bit4health am Montag auf der Cebit an Gesundheitsministerin Ulla Schmidt übergab, ist gewaltig: Die Daten von 70 Millionen gesetzlich Versicherten sollen künftig zwischen 185.000 niedergelassenen Ärzten und Zahnärzten, 2.200 Krankenhäusern, 21.000 Apotheken und 300 Kassen ausgetauscht werden können. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), die diese Zahlen nennt, meldet schon Skepsis an: "Der Zeitplan des Bundesgesundheitsministeriums ist nicht realistisch", sagt KBV-Sprecher Roland Stahl. Eher glaubt er an eine Verwirklichung 2007 oder 2008.

Kein Wunder, dass die an dem Konsortium beteiligten Firmen fast zwanghaft bemüht sind, Vergleiche mit dem letzten Großprojekt zwischen Bund und Industrie zurückzuweisen: Hier sei sichergestellt, dass die unterschiedlichen EDV-Systeme im Gesundheitswesen mit der Karte und untereinander "eine Sprache sprechen", verweist etwa IBM-Chef Walter Raizner auf den Kernfehler der Lastwagen-Maut. Zudem handele es sich hier nicht um neue, sondern um bewährte Technologie. Ein zweites Desaster wollen die Beteiligten denn auch unbedingt vermeiden - schließlich wäre hier praktisch jeder Bürger direkt betroffen.

Milliarden-Einsparungen erwartet

Ein Hauptvorteil der Karte soll der Einspareffekt sein: Allein das elektronische Rezept soll nach den Worten von Ministerin Schmidt jährlich bis zu eine Milliarde Euro sparen. Noch optimistischer ist die Prognose des Münchner Technologieunternehmens Giesecke & Devrient GmbH, die Einsparungen von bis zu 20 Prozent der Kosten des Gesundheitssystems, also jährlich bis zu 26 Milliarden Euro verspricht. Die Entwicklungskosten von bis zu 1,7 Milliarden Euro ließen sich so leicht amortisieren.

Mit dem E-Rezept sollen vor allem Ärzte und Apotheker in die Lage versetzt werden, zu erkennen, ob Patienten bereits andere, nicht kompatible Medikamente bekommen. Damit sollen potenziell teure Wechselwirkungen vermieden werden. Unklar ist jedoch noch, ob die Daten auf der Chipkarte des Patienten oder auf einem Zentralcomputer gespeichert werden. Vorteil der so genannten servergestützten Lösung sei natürlich die größere Speicherkapazität, sagt Hermann Bärenfänger von der Techniker Krankenkasse. Auf dem Computer könnte dann die gesamte Versorgung eines Diabetikers erfasst werden. "Dann wird alles schneller und rationeller", sagt Bärenfänger.

Schluss mit Leistungsmissbrauch

Ein anderer Vorteil liegt in der Sicherheit. So wird auf der Patientenkarte ein Foto des Patienten zu sehen sein. Eine Forderung, mit der Ärzteverbände schon lange gegen die Krankenkassen anlaufen. Denn bisher ist es für Betrüger ein Leichtes, mit einer fremden Versichertenkarte in den Genuss von Kassenleistungen zu kommen. KBV-Sprecher Stahl beziffert den jährlichen Schaden auf bis zu eine Milliarde Euro und wirbt für eine sofortige Umsetzung der Maßnahme, die pro Karte nur einen Euro kosten würde. Bei den Kassen werden solche Schadenshochrechnungen stark angezweifelt. Und statt jetzt schon Bilder auf die Karten zu drucken, sollten die Ärzte sich lieber von neuen Patienten einen Ausweis zeigen lassen, fordert Barmer-Sprecher Thorsten Jakob.

Befürchtungen, dass die vielen Daten in falsche Hände gelangen können, weist Techniker-Sprecher Bärenfänger zurück: Dies sei ebenso unbegründet wie der bei der Einführung der Plastikkarte befürchtete "gläserne Patient". Alle Datenströme müssten selbstverständlich verschlüsselt werden, betont Bärenfänger.

Datenschützer hat keine Bedenken

Davon sind auch Datenschützer überzeugt: Die anfänglichen Bedenken seien in der Gesetzesvorschrift über die Gesundheitskarte umfassend berücksichtigt, sagt der niedersächsische Datenschutzbeauftragte Burckhard Nedden. Die Verfügungsbefugnis über auf der Karte gespeicherte Daten liege nach der Vorschrift beim Patienten, fügt Nedden hinzu. Allerdings komme es bei der technischen Ausgestaltung darauf an, den Patienten nicht schlechter als bisher zu stellen.

Nikolaus von Twickel, AP / AP / DPA