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Kranken- und Pflegeversicherung: Risiko 2: Krankheit & Pflege

Das Vertrauen in die gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherungen schwindet. Und auch bei den Privaten gibt es Probleme. Dennoch: Eine solide Absicherung von Gesundheitsrisiken ist möglich. Aber sie ist komplizierter als früher - und etwas teurer

Seit Otto von Bismarck vor gut 100 Jahren Reichskanzler war, kümmert sich in Deutschland der Staat um die Gesundheit; und seit Norbert Blüm (CDU) von 1982 bis 1998 als Bundessozialminister amtierte, auch um die finanziellen Folgen von Pflegebedürftigkeit. So entstanden bis heute mehr als 240 gesetzliche Allgemein-, Betriebs- und Ersatzkrankenkassen. Und nur weil diese Kassen bei ihrer Erfindung nicht für die deutsche Beamten- und Unternehmerschaft vorgesehen waren, wuchsen daneben rund 50 private Krankenkassen heran.

Krankenversicherung:


Gut 70 Millionen Menschen sind in Deutschland gesetzlich krankenversichert, rund acht Millionen Bürger privat. Die Leistungen der gesetzlichen Versicherungen sind weitgehend gleich. Die Beiträge werden den Angestellten als prozentuale Abgabe direkt vom Gehalt abgezogen. Die eine Hälfte bezahlt der Arbeitgeber, die andere der Arbeitnehmer. Dazu kommt eine 0,9- prozentige Abgabe, die nur der Arbeitnehmer leistet. Der durchschnittliche Beitragssatz der Gesetzlichen lag im Februar 2007 bei 13,9 Prozent. Wer als Arbeiter oder Angestellter im Jahr weniger als die Beitragsbemessungsgrenze von 42 750 Euro verdient, ist automatisch in einer gesetzlichen Kasse. Kinder und nicht erwerbstätige Ehepartner sind beitragsfrei mitversichert.

Mit der Gesundheitsreform ist das Leistungsangebot der gesetzlichen Kassen verbessert worden: Todkranke haben künftig Anspruch auf erweiterte palliative, also schmerzlindernde Versorgung, Erkrankte auf ausgeweitete Reha-Leistungen und Behandlungsprogramme für chronische Krankheiten. Alle Versicherten profitieren von Schutzimpfungen und Eltern-Kind- Kuren. Nicht mehr übernommen werden Kosten für Folgebehandlungen von Schönheits- OPs oder Piercings. Anbieten müssen die Kassen künftig das sogenannte Hausarzt-Modell. Der Versicherte verpflichtet sich, immer zuerst zum Hausarzt zu gehen. Dafür wird dann die Praxisgebühr erstattet.

Privat versichern darf sich mit Einführung der Gesundheitsreform 2007 nur noch, wer drei Jahre in Folge mit seinem Gehalt über der Beitragsbemessungsgrenze lag. Beamte gehen aber unabhängig von ihrem Einkommen weiterhin in die privaten Kassen. Eine kostenfreie Mitversicherung von Kindern und Ehepartnern gibt es dort nicht. Und gezahlt werden muss immer: Auch wer beispielsweise während der Babypause Elterngeld erhält, hat seine Beiträge in voller Höhe weiter zu entrichten. Kalkuliert werden diese individuell nach Alter, Geschlecht, Gesundheitszustand sowie den gewünschten Tarifleistungen. Das führte bislang, trotz sogenannter Altersrückstellungen, zu steigenden Beiträgen im Alter. Ab 2009 müssen die privaten Versicherungen deswegen einen "Basistarif" anbieten, in dem jeder ohne Risikozuschlag versichert wird. Er darf maximal den Höchstbeitrag der gesetzlichen Kasse kosten. Nach einem halben Jahr der Öffnung ist er aber nur noch für die über 55-jährigen Kunden sowie für jene offen, die ihre Beiträge sonst nicht mehr zahlen könnten.

Die Leistungen der Privaten sind umfassender als die der gesetzlichen Kassen. Doch es gilt: Je höher die versprochenen Leistungen, desto teurer ist der Tarif. Junge, gesunde Männer zahlen wenig: Bei einer Selbstbeteiligung von 300 Euro können sie sich ab 260 Euro im Monat versichern. Für eine jüngere Frau kostet dieselbe Privatabsicherung schon 390 Euro. Das Problem dabei: Die Höhe der Beitragssteigerungen im Alter ist ungewiss. Für Alleinverdiener mit Familie sind die Privaten fast immer die teurere Alternative. Sie lohnen sich nur dann, wenn der Versicherte Wert auf die besseren Leistungen der Privaten legt. In solchen Fällen kann aber auch eine private Zusatzversicherung zur Gesetzlichen eine Alternative sein.

Tipp:

Der Wechsel zu einer günstigeren Kasse kann gesetzlich Versicherten bares Geld sparen. Beispiel: Wer mit seinem Einkommen über der Beitragsbemessungsgrenze liegt und einen Beitragssatz von 14,0 Prozent hat, zahlt einen Arbeitnehmeranteil von 281 Euro im Monat. Allein durch den Wechsel zu einer Kasse mit nur zwölf Prozent Beitragssatz ließen sich im Monat 35 Euro sparen.

Wahltarife:
Die Gesundheitsreform bietet den gesetzlich Versicherten erstmals die Möglichkeit, finanzielle Risiken zum Teil selbst zu tragen. Angeboten werden jetzt sogenannte Selbstbehalttarife, mit deren Wahl der Kunde sich verpflichtet, Krankheitskosten bis zu einer bestimmten Höhe selbst zu bezah-­ len. Im Gegenzug erhält er eine vereinbarte Prämie - bis zu 600 Euro pro Jahr. Beispiel: Wer bei der Barmer Ersatzkasse diesen Tarif abschließt, erhält 300 Euro, wenn er ein Jahr lang keinen Arzt aufsucht. Er verpflichtet sich aber, bis zu 420 Euro aus eigener Tasche zu bezahlen. Solche Wahltarife müssen mindestens für drei Jahre abgeschlossen werden.

Tipp:

Wer keinen Wahltarif möchte, weil er doch häufiger zum Arzt geht, kann auch mit den Bonusprogrammen der Krankenkassen sparen: Für gesundheitsbewusstes Verhalten (zum Beispiel Teilnahme an Vorsorgeuntersuchungen) gibt es Prämien. Zudem bieten Kassen Zuzahlungen zu Präventions-, Sport-, Yoga- und Entspannungskursen.

Private Zusatzversicherung:
Es gibt diese Tarife schon lange, doch seit einigen Jahren dürfen auch die gesetz-­ lichen Kassen ihren Versicherten private Zusatzversicherungen anbieten. Dazu haben sie sich in der Regel einen privaten Anbieter gesucht, mit dem sie spezielle Konditionen (Gruppentarife) ausgehandelt haben. Die Barmer arbeitet mit der HUK Coburg zusammen, die DAK mit der Hanse Merkur und die Techniker mit Envivas. Diese Tarife sind häufig günstiger, als der Abschluss direkt beim Anbieter. Geboten werden Zusatz-Policen für Krankenhausbehandlungen (Ein- oder Zweibettzimmer mit oder ohne Chefarzt-­ behandlung), Zahnersatz, Heilpraktikerkosten und Krankentagegeld. Die Kassen bieten auch Pakete an, die mehrere dieser Bausteine enthalten. Faktisch ist der gesetzlich Versicherte dann im Krankenhaus dem Privatpatienten gleichgestellt. Die Beiträge fallen zusätzlich zum Krankenkassenbeitrag an. Ihre Höhe wird von Alter, Geschlecht und Vorerkrankungen des Kunden bestimmt. Problem bei den Kombi-Produkten der gesetzlichen Kassen: Bei einem Wechsel kann man die Gruppentarif- Zusatz-Police nicht mitnehmen. Diesen Nachteil haben kassenungebundene Tarifangebote nicht.

Tipp:

Auch wenn eine Krankenkasse mit einem "rabattierten" Gruppentarif des privaten Partners wirbt, sollten Verbraucher Vergleichsangebote einholen. Andere Gesellschaften können noch günstiger sein oder besser zu den eigenen Anforderungen passen.

Auslandsreisekrankenversicherung:
Auch dabei handelt es sich um eine private Zusatzversicherung, auf die Reisende nicht verzichten sollten. Zwar gilt der für Deutschland gewährte gesetzliche Kassenversicherungsschutz auch für die meisten EU-Länder. Versicherte bekommen jedoch nur die Leistungen erstattet, die im jeweiligen Land Kassenleistungen sind. Eine Auslandsversicherung, die übrigens häufig in privaten Zusatztarifen bereits enthalten ist, zahlt dagegen voll. Und: Nur eine private Zusatz-Police übernimmt im Notfall auch den Rücktransport nach Hause. Die Jahrespolice schützt in der Regel während aller Reisen von höchstens sechs Wochen Dauer und kostet rund 20 Euro.

Pflegeversicherung:
In die gesetzliche Pflegeversiche-­ rung zahlt jeder Krankenversicherte seit 1995 ein, derzeit 1,7 Prozent seines Bruttolohns. Kinderlose zahlen einen Aufschlag von 0,25 Prozent. Wer dauerhaft pflegebedürftig wird, kommt in eine der drei Pflegestufen und hat dann Anspruch auf das entsprechende Pflegegeld: Bei häuslicher Pflege sind das 205 Euro, 410 Euro oder 665 Euro. Bei häuslicher Pflege durch einen professionellen Pflegedienst werden monatlich 384 Euro, 921 Euro oder 1432 Euro übernommen. Und für die Unterbringung in einem Pflegeheim zahlt die Versicherung in Stufe I 1023 Euro, in Stufe II 1279 Euro und in der dritten Stufe 1432 Euro pro Monat.

Kostet die Pflege mehr, muss der Be-­ dürftige selbst zuschießen - aus seinen Renteneinkünften und Ersparnissen. Sollte auch das nicht ausreichen, übernimmt das zuständige Sozialamt den Differenzbetrag, versucht jedoch normalerweise, diese Kosten von den Angehörigen wieder einzutreiben. Diese müssen jedoch keineswegs in unendlicher Höhe herhalten, sondern werden - zumeist von einem Gericht - zu einem angemessenen Beitrag verpflichtet. Private Pflegezusatzversicherungen bieten die Übernahme dieser Risiken an. Sie zahlen je nach Tarif entweder eine bestimmte Pflegerente, übernehmen die tatsächlichen Kosten oder bieten ein Tagegeld an, über das der Pflegebedürftige frei verfügen kann. Sie sind umso teurer, je älter der Versicherte bei Versicherungsbeginn ist.

Wer mit dem Gedanken spielt, sich privat gegen die Pflegekosten im Alter zu versichern, sollte wissen, dass die Wahrscheinlichkeit, überhaupt einmal pflegebedürftig zu werden, eher gering ist. Sie steigt erst nennenswert ab einem Alter von über 80 Jahren. Der Zeitraum der Pflegebedürftig-­ keit (bis zum Tod) beträgt im Durchschnitt nur einige Monate. Die Zusatzkosten, die über die Leistungen der gesetzlichen Pflegeversicherung und den Rentenanspruch hinausgehen, sind also in der Regel überschaubar.

Tipp:

Für junge Menschen ist es ratsamer, statt einer privaten Pflege-Police ihre Altersvorsorge aufzustocken, um genügend finanziellen Spielraum auch für spätere Pflegekosten zu schaffen.

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