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Krankenversicherung Die total unsinnige Gesundheitskarte


In diesen Tagen verschicken die Krankenkassen die teuren neuen Gesundheitskarten an die Patienten - obwohl sie die Plastikausweise für völlig nutzlos halten.
Von Sarah Mühlberger

Nach sieben Jahren und drei Gesundheitsministern ist es so weit: Die Krankenkassen verschicken elektronische Gesundheitskarten - jedenfalls ein paar. Eigentlich müsste das eine Revolution sein. Denn futuristische Versprechungen begleiteten 2004 den Beschluss zur Einführung der Karte: Röntgenbilder, Laboruntersuchungen und Arztbriefe gelängen auf einen Blick auf den Bildschirm des Arztes; viel Ungemach sollte der Vergangenheit angehören, etwa unerwünschte Wechselwirkungen von Medikamenten, da alle Daten auf der Karte wären.

Doch der Weg war beschwerlich und mit Protesten von Ärzten, Krankenkassen und Datenschützern gepflastert. Das elektronische Rezept wurde unterwegs ebenso gekippt wie die elektronische Patientenakte. Jetzt unterscheidet sich die neue Karte, lässt man Sicherheitsaspekte außer Acht, vor allem in einem Punkt von der alten: Sie weist ein aufgedrucktes Lichtbild auf.

Deswegen betteln die Kassen seit einiger Zeit einen Teil ihrer Versicherten um ein Foto an. Die Techniker Krankenkasse (TK) hat am Freitag die ersten Karten verschickt. Die plötzliche Aktivität der Kassen hat nichts mehr mit der Begeisterung für die Verheißungen der Karte zu tun. Sondern mit einer Vorschrift: Bis Jahresende muss jede gesetzliche Kasse ein Zehntel ihrer Mitglieder mit der Elektronikkarte ausgestattet haben - sonst wird ihr das Verwaltungsbudget 2012 um zwei Prozent gekürzt.

Lesegeräte fehlen fast überall

Rund sieben Millionen Versicherte werden also, wenn alles nach Plan läuft, am Ende des Jahres eine elektronische Gesundheitskarte im Portemonnaie haben. Für sie haben die Krankenkassen einen guten Tipp: Lassen Sie auch die alte Karte im Portemonnaie. Denn längst nicht in jeder Arztpraxis steht ein neues Kartenlesegerät. Zwar werden es im Moment mehr, da die Kassen die Kosten der Geräte übernehmen, die bis zum 30. September bestellt werden. In Bayern aber hatte nach Zahlen der dortigen Kassenärztlichen Vereinigung bis Montag gerade einmal ein Drittel der Ärzte ein Gerät beantragt.

"Unsere Versicherten müssen erst einmal mit zwei Karten hantieren", sagt eine Sprecherin der AOK Bayern, der mit 4,3 Millionen Mitgliedern viertgrößten deutschen Kasse. Glücklich sei wohl keine Kasse. AOK-Bayern-Chef Helmut Platzer hatte im Juni gesagt, er halte die neue Karte in ihrer derzeit geplanten Form für sinnlos.

"Schlaue Karte in dummer Umgebung"

Die TK sagt, sie sei zwar für die elektronische Gesundheitskarte, aber nicht um jeden Preis. "Was nützt uns eine schlaue Karte in einer dummen Umgebung?", fragt Pressesprecher Hermann Bärenfänger. Damit meint er die fehlende Onlineanbindung der Karte, die frühestens in einem Jahr kommen wird.

Bis dahin muss etwa bei jeder Adressänderung eine neue Karte ausgestellt werden - wie bisher. Nur dass die Gesundheitskarte um ein Vielfaches teurer ist. Die TK will sie zunächst nur an jedes zehnte Mitglied ausgeben und weitere Schritte der Politik abwarten. Wer aber unbedingt die neue Karte wolle, erhalte sie auf Anfrage gern, erklärt die Kasse.

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FTD

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