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Elektronische Gesundheitskarte: Die Hürden mit der Sicherheit

Die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte ist eine beschlossene Sache. Doch noch sind nicht alle Bedenken ausgeräumt. stern.de sprach mit Franz-Joseph Bartmann, Präsident der Ärztekammer Schleswig-Holstein, über mögliche Probleme mit der Karte.

Die elektronische Patientenakte (ePA) zählt im SGB V zu den "freiwilligen Anwendungen". Was nützt die ePA dem Arzt, wenn er sich nicht auf ihre Vollständigkeit verlassen kann?

Die Elektronik kann die Anamnese nicht ersetzen, sondern allenfalls unterstützen. Was nicht auf der Karte gespeichert ist, kann der Arzt auch nicht verwenden. Wichtig ist, dass das, was an Daten vorliegt, korrekt ist. Insofern liegt die Vollständigkeit der ePA auch in der Eigenverantwortung des Patienten.

Nicht jeder Arzt-Patientenkontakt findet Eingang in eine elektronische Patientenakte. Der gewöhnliche Schnupfen wird nicht in der ePA dokumentiert.

Erst wenn sich der Schnupfen zu einem grippalen Infekt ausweitet und ein Röntgenbild der Lunge erstellt wird, würde dieses Röntgenbild in die ePA wandern. Der Nutzen einer elektronischen Patientenakte ist also ungleich verteilt. Der chronisch kranke Patient profitiert während ein junger Versicherter auch wenn er häufig unter allgemeinen Krankheitssymptomen leidet, kaum etwas davon hat. Für den Hausarzt in der Basisversorgung erschließt sich der Nutzen auch nur sehr bedingt, obwohl sich Hausärzte in Baden-Württemberg gerade im Rahmen eines Sondervertrages mit der AOK sogar vertraglich zur Führung von Patientenakten verpflichtet haben.

Eine verlorene Gesundheitskarte kann zwar ersetzt werden. Mit der neuen Karte lassen sich aber keine "alten" Daten entschlüsseln. Die DAK rechnet bei den bisherigen Versichertenkarten mit zwei bis drei Prozent Verlust pro Jahr. Das wäre bei angenommenen 72 Millionen Versicherten im Minimum ein Verlust von 1,4 Millionen Karten jährlich. Was bedeutet das für das Konzept?

Das ist ein Problem! Ein Konzept der Gematik sieht vor, dass der Patient ein Instrumentarium bei einem Treuhänder seiner Wahl hinterlegen könnte, mit dem der der Schlüssel wiederhergestellt werden könnte.

75 Prozent der Patienten und 30 Prozent der Ärzte waren in der Testregion SH nicht in der Lage, die Pin einzugeben. Die Karten wurden teilweise irreversibel) gesperrt. Der Test musste abgebrochen werden. Sind die Menschen mit den Sicherheitsbedingungen überfordert?

Selbst die vierstellige Pin einer Scheckkarte zwingt den Einen oder Anderen zum Nachdenken. Die sechsstellige Pin stellt für viele Menschen eine große Hürde dar.

Ist es eine gute Idee, die Patienten Pin vom Arzt eingeben zu lassen?

Nein. Das wäre ein zusätzlicher bürokratischer Aufwand für die Kollegen. Da kann ich mir schon eher vorstellen, dass Betroffene eine so genannte Trivia-Pin eingesetzten: Etwa 123456. Ein Finder oder Entweder bräuchte dann immer noch den Heilberufeausweis des Arztes um die Patientendaten auslesen zu können. Die Sicherheitsidee würde dabei aber ziemlich ad absurdum geführt.

Die 'Notfalldaten' halten viele Ärzte für überflüssig...

Das ist völliger Unsinn! Zu den Notfalldaten gehören alle Daten die in Verbindung mit einer Bewusstlosigkeit von Bedeutung sein können, wie etwa chronische Erkrankungen, z.B. Diabetes, Allergien und ähnliches. Des Weiteren sind es Dauermedikationen, und große operative Eingriffe z.B. Aortenaneurysmen, und onkologische Operationen. Zu den Notfalldaten gehört nicht - wie gelegentlich behauptet wird - die Blutgruppe.

Der Projektleiter der Testregion Schleswig Holstein Jan Meincke argumentiert, dass die zentrale Infrastruktur etwa dem Hausarzt auch dazu dient, eine Zweitmeinung vom Facharzt einzuholen?

Die Zweitmeinung steht nicht im Gesetz! Die kann man auch einfacher bekommen!

Ist das Konzept für die Gesundheitstelematik überdimensioniert?

Es ist der falsche Eindruck erweckt worden, dass alles was möglich und wünschenswert ist, auch in kurzer Zeit umgesetzt werden kann. Dabei hätte man mit Blick auf andere Länder, in denen Telematik bereits funktioniert, von jahre- bis jahrzehntelangen Entwicklungsstadien ausgehen müssen. Die neue Entwicklung, die in der Gematik seit einigen Wochen erkennbar wird, nämlich zunächst einmal die elektronische Vernetzung zu realisieren und dann die übrigen Anwendungen Schritt für Schritt darauf aufzubauen, ist erfolgversprechender und realistischer als der bisher eingeschlagene Weg.

Wann wird die elektronische Gesundheitskarte eingeführt?

Der Basis-Rollout wird in der Region Nordrhein im Lauf des Jahres 2009 stattfinden. Dann werden zwiebelschalenförmig die angrenzenden Bundesländer folgen.

Das Interview führte Joachim Jakobs