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Wunderliches Wunder: Der lange Weg der Gesundheitskarte

Sie soll wahre Wunder für die Patienten bewirken, doch wunderlich ist bisher vor allem ihre Geschichte: Jetzt soll die elektronische Gesundheitskarte endlich starten. Doch niemand weiß, wann die Karte all das können wird, was geplant ist.

Ein sanfter Klingelton ruft ins Bewusstsein, wie tief der Graben zwischen Wunsch und Wirklichkeit bei ehrgeizigen IT-Projekten sein kann. Gerade als der zuständige Ärztevertreter Wilhelm Wilharm auf einem Berliner Podium die Fortschritte beim Endlosprojekt Gesundheitskarte (eGK) erläutert, klingelt sein Handy. "Ich kann's nicht ausschalten, weil ich die Pin-Nummer nicht kenne", entschuldigt er sich unter allgemeinem Gelächter. Probleme mit der Pin - das ist auch eine der zahllosen Hürden beim elektronischen Wunderding eGK.

Der Funktionär der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen hätte nur sein Telefon nicht wieder anbekommen. Doch wenn man - wie Patienten im Test der eGK - die Pin-Nummer der Gesundheitskarte vergisst, ist der Zugang zu Diagnosedaten, Arzneilisten, Therapiedokumenten versperrt.

Das 600-Millionen-Euro-Projekt

Doch soweit ist man noch lange nicht. Ab jetzt wird die Karte millionenfach verteilt - aber zunächst ohne Pin. Denn auch acht Jahre nach dem Beschluss zur Karte und vier Jahre nach dem Beschluss ihrer Ausgabe an die Versicherten kann sie zuerst nicht viel mehr als die herkömmliche Versichertenkarte.

Mindestens 600 Millionen Euro kostete das Projekt bislang. Experten glauben, dass die Entwicklung der Karte noch mehr Millionen verschlungen hat, aber bei den Projektträgern der Krankenkassen, Ärzte, Kliniken und Apotheker ist dazu wenig zu erfahren.

Meist sind sich die verschiedenen Seiten im Gesundheitswesen uneins. In diesem Fall sollten sie im Auftrag der Politik ein gigantisches IT-Projekt in der Betreibergesellschaft Gematik gemeinsam stemmen. Doch unterschiedliche Ansichten, technische Probleme und Widerwillen etwa an der Ärztebasis verzögerten die eGK immer wieder.

Regierung macht Druck

Wenn es im vertraulichen Gespräch zum Thema Gematik kommt, geben manche Spitzenvertreter des deutschen Gesundheitswesens ihrem Gesicht deshalb entweder einen verzweifelten oder spöttischen Ausdruck. Derzeit gibt es dort etwa Streit darüber, ob einzelne der noch ausstehenden Anwendungen zuerst starten sollen.

Erst die sonst in der Gesundheitspolitik auch heftig kritisierte schwarz-gelbe Regierung zog nach langen Blockaden die Reißleine, verordnete zuerst eine Denkpause und machte dann Druck: Nun müssen zehn Prozent der Karten verteilt werden, sonst drohen den Kassen saftige Strafen.

Also können die Beteiligten jetzt nicht anders, als Flagge zu zeigen. Und sie haben ja auch aus Sicht von unabhängigen Experten Recht, wenn sie nun für die Karte werben: Funktioniert sie einmal, können viele lästige Abläufe zwischen Ärzten, Kliniken und Apothekern schlanker und besser werden. Der Fokus ist in den vergangenen Jahren zusehends weggerückt von anfänglichen Sicherheitsbedenken.

Krankengeschichte per Mausklick

Der Patient kann in einigen Jahren womöglich wirklich darauf vertrauen, dass zum Beispiel ein neuer Arzt seine Krankengeschichte per Mausklick nachvollziehen kann, die Daten aber das Geheimnis von Arzt und Patient bleiben.

Kassenverbands-Chefin Doris Pfeiffer schwärmt von "vielen Anwendungen, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können". Wird heute ein Patient aus der Klinik entlassen, bekommt sein niedergelassener Arzt oft verspätet mit, was dort passiert ist. Viele Ärzte und mehr noch Apotheker haben oft wenig Ahnung, welche Pillen ihre Patienten und Kunden sonst schon schlucken. Dies alles soll sich ändern.

Kernprobleme noch nicht gelöst

Doch immer wieder hakt es. So kommen die Hersteller der Kartenlesegeräte für die Praxen nicht nach - die Frist, in der die Ärzte einen Antrag auf Kostenerstattung stellen können, wurde verlängert. Bei einzelnen Kassen verzögerten sich die Vorbereitungen. Nach Darstellung der Projektträger sind das eher Formalien.

Kernfragen sind trotzdem noch unbeantwortet. Laut Ärztevertreter Wilharm etwa die der genauen Beschaffenheit der Server für das Speichern von Arztbefunden und anderem: "Wo liegen nachher die Daten?" Und auch das angesprochene Problem mit den Pin-Nummern ist noch nicht gelöst. Kassenverbands-Chefin Pfeiffer: "Da werden neue Lösungen gesucht."

Basil Wegener, DPA / DPA

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