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Skurriler Policenhandel: Das Geschäft mit dem Tod

Je schneller Richard Lowry stirbt, desto reicher wird Scott Page: Der Handel mit Lebensversicherungen ist ein skurriler Milliardenmarkt.

Es gibt Menschen, die darauf hoffen, dass Richard Lowry möglichst schnell stirbt. Nicht, weil der 56-Jährige aus Orlando im US-Bundesstaat Florida anderen Böses angetan oder weil er Bekanntschaft mit der Mafia gemacht hätte. Richard Lowry hat lediglich seine Lebensversicherung verkauft - an eine professionelle Aufkäuferfirma. Die spekuliert darauf, so rasch wie möglich die Versicherungssumme ausgezahlt zu bekommen. Gezahlt wird, sobald Lowry tot ist.

Makaber? Nein, makaber findet Richard Lowry das überhaupt nicht. "Es ist ein Sechser im Lotto", ruft er aus, lacht und lehnt sich zurück in den braunen Ledersessel in seiner guten Stube.

Das Geschäft mit seinem eigenen Tod macht Lowry diebischen Spaß. Es war endlich mal wieder ein guter Deal - nach so vielen schlechten zuvor. Anfang 2002 hatte er mit seiner Firma, die Computerchips entwickelte, Pleite gemacht. Für seinen Lebensunterhalt und den seiner Frau und für die Ausbildung der drei Kinder, die weiter aufs College gehen sollten, musste Lowry nun jeden Cent zusammenkratzen.

Da kam es dem großen, stämmigen Mann, Typ Seebär, zum ersten Mal gelegen, dass er schwer krank ist. Er hatte damals, nach einem Herzinfarkt, bereits eine Dreifach-Bypass-Operation hinter sich. Eine ideale Voraussetzung, um seine Lebensversicherung, deren monatliche Raten er nun nicht mehr bedienen konnte, an eine Aufkäuferfirma abzutreten.

Lowry wandte sich an Page & Associates aus dem nahen Fort Lauderdale. Die warfen einen Blick in seine Krankenakte - und überwiesen prompt 280 000 Dollar für zwei Policen. Ohne Untersuchung, ohne Besuche bei Herzspezialisten, ohne viel Papierkram. "Hat mich auch gewundert", sagt Lowry. "Ich nehme mal an, was in meiner Krankenakte steht, ist schlimm genug." Wenn er lacht, lugt aus seinem Hemdkragen die OP-Narbe hervor.

Viatical oder Life Settlement nennt die Versicherungsbranche solche Geschäfte. Eigens darauf spezialisierte Firmen wie die von Scott Page kaufen älteren und todkranken Menschen deren Lebensversicherung ab und übernehmen bis zu ihrem Ableben die Zahlung der Beiträge. Im Gegenzug erhalten sie die Versicherungssumme, sobald der Versicherte stirbt. Es ist eine Wette auf den ewigen Frieden: Gewinn machen die Aufkäufer dann, wenn Kaufpreis und die noch weiter zu zahlenden Prämien zusammengerechnet niedriger sind als die später fließende Versicherungssumme.

Je früher Richard Lowry das Zeitige segnet, desto mehr verdient Scott Page. Page ist einer der Pioniere dieses Geschäfts. In den 80er Jahren war der heute 42-jährige Geschäftsmann aus Florida Soldat bei der US-Luftwaffe. Dort sollte er eine Studie über Homosexuelle und die aufkommende Aids-Problematik in der Armee anfertigen. "Also ein Job, um den sich jeder gerissen hat", witzelt er. Tatsächlich wollte niemand etwas mit dem Thema zu tun haben. Auch Banken nicht, denen Page damals im Auftrag eines aidskranken Freundes dessen Lebensversicherungen zum Kauf anbot. "Die hatten keine Ahnung, dass Sofort-Cash für die Police nicht nur meinem Freund das restliche Leben erleichtern, sondern der Bank auch noch ziemlich gut kalkulierbaren Profit einbringen würde." Da es niemand sonst tat, machte sich Page als Policen-Aufkäufer selbstständig. Bis zu 17 Prozent Rendite pro Jahr, so Page, seien in dem Business möglich.

Seit Beginn der 90er Jahre hat sich diese Spielart des Versicherungswesens in den Vereinigten Staaten zu einem riesigen Markt entwickelt. Allein im vergangenen Jahr betrug das gehandelte Volumen rund sechs Milliarden Dollar. Und da sich Anleger über die Aufkäuferfirmen an dem Markt beteiligen können, ist es längst zu einem globalen Business geworden.

Auch immer mehr Deutsche wollen profitieren. Allein in den vergangenen drei Jahren investierten heimische Geldanleger rund eine Milliarde Euro in gebrauchte Versicherungen, überwiegend von US-Bürgern. Die Deutschen kaufen jedoch nicht direkt, sondern beteiligen sich an so genannten Geschlossenen Fonds. Diese investieren dann das gesammelte Anlegergeld in einen ganzen Packen gebrauchter Lebensversicherungen, im Branchenjargon "LV-Fonds". Dazu arbeiten sie mit Firmen wie der von Page zusammen.

Alle Banken und Sparkassen bieten die Anteile an LV-Fonds an, wenn auch nicht gerade günstig. Üblich sind fünf Prozent des Anlagebetrags als Provision. Dafür winken üppige Gewinne - allerdings verbunden mit hohen Risiken, weshalb LV-Fonds nur für versierte Anleger infrage kommen, die es sich leisten können.

Das fängt bei der Bindung an das Investment an: Die Anteile an LV-Fonds können nicht, wie sonst bei Fonds üblich, jederzeit wieder verkauft werden. Es sind unternehmerische Beteiligungen an Kommanditgesellschaften oder GmbHs, die einen laufenden Ein- oder Ausstieg nicht vorsehen. Auch steuerlich besteht ein Risiko. Die Steuerexperten der Bundesländer stufen LV-Fonds mittlerweile als gewerbliche Betriebe ein. In Verkaufsprospekten war in der Regel von "vermögensverwaltenden" Fonds ausgegangen worden. Der Unterschied ist für Anleger extrem: Laut Analysten wird die Rendite durch die gewerbliche Einstufung glatt halbiert. Selbst halbierte Jahresprofite von dann sieben oder acht Prozent wären allerdings noch ein beachtliches Lockmittel.

Doch auch das ist nicht sicher. Sterben die Policen-Verkäufer nicht so, wie es die Settlement-Firmen kalkuliert haben, sackt die Rendite deutlich ab. Im ungünstigsten Fall können "zu lange" Lebende und somit weiter zu bezahlende Prämien das Fondskapital vollständig aufzehren. So ehrlich wie ernüchternd klingt denn auch die Rendite-Prognose des Hamburger Anbieters MPC Capital: zwischen einem und acht Prozent.

Das immerhin ist besser als nichts - denn auch das kommt vor. Gleich zwei US-Settlement-Firmen, Liberty aus Ohio und Mutual Benefits aus Florida, prellten Policen-Investoren in den vergangenen Jahren um insgesamt mehr als 100 Millionen Dollar. Auch in Deutschland wird das Geschäft immer unübersichtlicher, die Fonds-Angebote immer kniffliger. Sachsen-Fonds, eine Tochterfirma der Sächsischen Landesbank, nahm kürzlich seine Offerte vom Markt.

Kein leichtes Geschäft also, das Geschäft mit dem Tod. Und Richard Lowry, der Policen-Verkäufer aus Orlando mit dem dreifachen Bypass, hat nicht vor, es den Anlegern irgendwie leichter zu machen. Er arbeitet im Garten, geht spazieren und hält sich fit, so gut es geht. Dass andere auf seinen Tod warten, "daran denke ich überhaupt nicht", sagt Lowry. "Ich denke, dass ich ewig lebe." Scott Page darf ihm das nicht wünschen: Er kassiert an dem Tag, an dem Richard Lowry stirbt, zwei Millionen Dollar von der Versicherung.

Frank Donovitz und Karsten Lemm / print
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