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Zusatzversicherung: Krank mit Komfort

Kein Mehrbettzimmer in der Klinik, keine üppigen Zuzahlungen bei medizinischen Leistungen - das versprechen private Krankenzusatzversicherungen. Was sie taugen und welche am günstigsten sind.

Sonntag im Vierbettzimmer eines Krankenhauses: Der Nachbar zur Linken hat Besuch. Drei Freunde aus der Fußballmannschaft erzählen, wer wann welches Tor geschossen hat. Auf der rechten Seite wird geschlafen - leider lautstark. Und der junge Vater gegenüber genießt gerade die Pizza, die ihm seine Frau mitgebracht hat, während sein Sohnemann testet, wie viel Gewicht ein Tabletttisch aushält. So sieht sie aus, die Besuchszeit auf Station. Meniskusriss neben Magengeschwür, Blinddarm neben Beinbruch. Zumindest, wenn man gesetzlich versichert ist und obendrein bei der Zimmerverteilung den Kürzeren gezogen hat. Privatpatienten haben es da schon netter. Sie können in Ruhe im Ein- oder Zweibettzimmer genesen. Immer mehr gesetzlich Versicherte wünschen sich einen ähnlichen Standard und schließen eine private Krankenzusatzversicherung ab. Der stern zeigt, welcher Anbieter die günstigsten Tarife für Familien, Singles und Senioren hat.

Für Familie Schönbach aus Büdelsdorf etwa, die künftig in der Klinik auch zu den Privilegierten zählen möchte, gibt es einen so genannten stationären Zusatztarif fürs Krankenhaus. Beim preiswertesten Anbieter, der Debeka, kostet sie das 65,90 Euro pro Monat. Eine solche Police kann grundsätzlich jeder Kassenpatient bekommen. Einkommenshürden wie bei der privaten Krankenvollversicherung gibt es nicht. Einziges Hindernis könnten bestehende Erkrankungen sein, die bei der Gesellschaft als Ausschlusskriterium gelten. Mit dem Zusatztarif hat Familie Schönbach beim Krankenhaus die Wahl. Das heißt: Es muss nicht unbedingt das Kreiskrankenhaus vor der Tür sein. Voraussetzung ist allerdings, dass die ausgesuchte Klinik mit den gesetzlichen Kassen kooperiert. Außerdem können die Schönbachs im Ein- oder Zweibettzimmer gesund werden - je nach Vertragsvereinbarung. Betreut werden sie nicht nur vom Stationsarzt, auch der Chefarzt steht zur Verfügung.

Vor der Unterschrift sollten sich die Schönbachs überlegen, wie wichtig ihnen die einzelnen Leistungen sind. Muss es wirklich das Einbettzimmer sein? Das erhöht zwar den Wohlfühlfaktor, entscheidend ist jedoch die medizinische Versorgung. Preisbewusste geben sich deshalb mit der Zweibettunterkunft zufrieden. Das kann bis zu neun Euro im Monat einsparen. Ebenfalls nicht erste Priorität bei der Auswahl des Tarifes sollte das so genannte Ersatzkrankenhaustagegeld sein. Das erhält der Kunde, wenn er etwa im Dreier-Zimmer landet, obwohl er Anspruch auf ein Zweier hätte. Wenig sinnvoll - denn Ziel war es ja gerade, besser untergebracht zu werden.

Für die 25-jährige Hamburgerin Manja Behrens, Single, steht eine stationäre Zusatzpolice nicht auf der Wunschliste. Sie möchte aber im ambulanten Bereich besser versorgt sein, ohne dafür allzu viel zahlen zu müssen. Denn ihr Monatsbeitrag von 162 Euro zur gesetzlichen Krankenversicherung ist schon recht hoch. Eine so genannte ambulante Ergänzungspolice bekommt die Außenhandelskauffrau bereits für monatlich 6,29 Euro bei der Arag. Eine solche Versicherung finanziert viele Extras: beispielsweise die Kosten für Brillen und Kontaktlinsen bis zu einer Höchstgrenze. Oder sie begleicht zwischen 50 und 80 Prozent der Heilpraktiker-Rechnung - zum Teil gilt allerdings ein Limit. Beim Zahnersatz sind 20 bis 40 Prozent auf den gesamten Betrag drin (von dem die gesetzliche Versicherung zwischen 50 und 65 Prozent trägt). Wird gebohrt, zahlen einige Gesellschaften 20 bis 50 Prozent der Kosten für die Füllung. Bestimmte Tarife erstatten darüber hinaus die gesetzliche Arzneimittelzuzahlung.

#Link;http://www.stern.de/wirtschaft/versicherung/zusatzversicherung-der-weg-zur-besten-krankenzusatzversicherung-1503498.html;Hier geht's zum Zusatzversicherungsvergleich#

Interessant sind diese Versicherungen für alle, die Wert auf Extras legen. Wer zum Beispiel entspiegelte Brillengläser aus besonders dünnem Kunststoff wünscht, kann sich wenigstens einen Teil der erheblichen Kosten wiederholen. Auch diejenigen, die auf Naturheilkunde setzen und den Heilpraktiker dem Arzt vorziehen, fahren mit der Zusatzpolice besser. Das Gleiche gilt beim Zahnarzt - Keramikfüllungen sind teurer als die aus Amalgan. Dennoch gehören gerade die ambulanten Ergänzungstarife auf den Prüfstand: Werden erheblich höhere Beiträge fällig als bei Manja Behrens, wird es schnell unrentabel. Zum Beispiel, wenn alle zwei Jahre eine neue Brille her muss, die mit 500 Euro zu Buche schlägt. Wenn die Versicherung davon 200 Euro übernimmt, aber jeden Monat 20 Euro Beitrag kassiert, geht die Rechnung nicht mehr auf.

Die meisten Leistungen gibt es allerdings nur als Paket. Eine reine Heilpraktiker-Zusatzpolice zum Beispiel ist nicht im Angebot. Deshalb: Genau hinschauen, damit man nicht zu viel Schutz kauft, der einem weniger wichtig ist.

Karin und Jürgen Schmücker möchten sich sowohl fürs Krankenhaus als auch für ambulante Behandlungen zusätzlich absichern. Schließlich ist es gerade im Alter angenehm, gut versorgt zu sein. Der 69-jährige Schmücker und seine 63-jährige Frau zahlen derzeit rund 700 Euro für die gesetzliche Gesundheitsversorgung. Ein zusätzlicher privater Rundumschutz würde das Konto mindestens um weitere 154,66 Euro belasten: 135,69 Euro nimmt der günstigste Anbieter (Arag) für die stationäre Versicherung, 18,97 Euro für den ambulanten Ergänzungstarif. Diesen zu bekommen ist für den 69-Jährigen nicht so einfach: Zurzeit gibt es am Markt nur vier Versicherungen, die den Rentner noch aufnehmen. Bei der Debeka würde allein der ambulante Tarif für beide 48,10 Euro kosten.

Hier rächt sich, dass sich die Schmückers erst spät für den Zusatzschutz entschieden haben. Denn je länger man damit wartet, desto teurer werden die Policen. Wertvolle Jahre, in denen die Versicherung so genannte Altersrückstellungen hätte bilden können, sind verstrichen. Diese sind als Puffer für später gedacht. Denn im Alter wird der Kunde häufiger krank - und dadurch teurer.

Nachdem die Schmückers, Schönbachs und Manja Behrens das richtige Angebot ausfindig gemacht haben, geht es an die Vertragsunterzeichnung. Hier sollten alle beachten: Die Anträge enthalten Fragen zur Gesundheit. "Diese müssen unbedingt wahrheitsgemäß beantwortet werden", betont Frank Braun, Geschäftsführer des Bundes der Versicherten. Eine Vorerkrankung unter den Tisch fallen zu lassen - auch wenn sie auf den ersten Blick unerheblich erscheint - kann fatale Folgen haben. "Wer nicht sicher weiß, ob er alles vollständig und richtig ausgefüllt hat, sollte dies ins Formular hineinschreiben und auf seinen Hausarzt oder sonstige Ärzte verweisen", so der Versicherungsexperte der Verbraucherzentrale Bundesverband e.V., Wolfgang Scholl. Meist überprüfen die Unternehmen Vorerkrankungen erst, wenn hohe Kosten auf sie zukommen. Stellt sich dann heraus, dass der Versicherte etwas verschwiegen hat, erhält er möglicherweise keine Leistungen - und stattdessen eine Kündigung.

Prinzipiell haben die Gesellschaften das Recht, in den ersten drei Jahren ohne Angabe von Gründen den Vertrag aufzulösen. Kunden sollten deshalb auf eine andere Vereinbarung pochen: "Lassen Sie sich einen Kündigungsverzicht ausdrücklich schriftlich bestätigen", rät Braun. In den stern-Tabellen wurden nur Versicherungsgesellschaften berücksichtigt, die auf das Kündigungsrecht verzichten.

Ist der Vertrag unter Dach und Fach, können sich auch gesetzlich Versicherte besser versorgt fühlen. Ob das wirklich nötig ist oder nur zusätzlich das Konto belastet, muss jeder für sich entscheiden. Verbraucherschützer sind sich uneins: "Die Policen sind im Verhältnis zu anderen Versicherungen relativ unwichtig, da sie keine Risiken abdecken, deren Eintreten jemanden finanziell ruinieren würde", sagt Verbraucherschützer Scholl. Die Zeitschrift "Finanztest", das Geld- und Versicherungsmagazin der Stiftung Warentest, urteilt zumindest bei den stationären Zusatztarifen milder: "Sie bieten mit Chefarztbehandlung und erweiterter Krankenhauswahl ein echtes Plus gegenüber den Kassenleistungen."

Dass ein gesetzlich Versicherter mit einem Privatpatienten mithalten kann, entpuppt sich als Trugschluss. Bei den ambulanten Ergänzungstarifen ändert sich an der Stellung zum Arzt nichts. Hier ist er weiterhin der Kassenpatient - Zusatzpolice hin oder her. Denn mit der kann er sich später lediglich die Selbstbeteiligungen erstatten lassen. Anders beim stationären Zusatztarif: Der macht aus einem gesetzlich Versicherten einen "echten Privaten". Zumindest, wenn es um Leistungen in allgemeinen Krankenhäusern geht. Ambulante Einrichtungen oder Privatkliniken sind jedoch davon ausgenommen.

Wer also glaubt, mit einer Krankenzusatzversicherung zum Beispiel seine kaputte Bandscheibe mit schonender Mikrotherapie anstatt herkömmlicher Operation kurieren zu können, irrt leider. Der sanfte Eingriff wird oft nur in Privatkliniken wie dem Grönemeyer-Institut in Bochum durchgeführt, und Kassenpatienten mit Zusatzpolice muss Professor Dietrich Grönemeyer abweisen. "Eine Regelung, die ich seit Jahren kritisiere", so der Mediziner.

Ulrike Feldhusen und Maike Seifert / print