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Stumme Zeugen des Wandels

Keiner fotografiert die Tierwelt Afrikas so majestätisch wie Nick Brandt. Für seinen neuen Bildband hat er Ostafrika neu bereist, mit riesigen Fotos von Löwen, Elefanten und Giraffen im Gepäck. Entstanden sind einzigartige Aufnahmen des Wandels.

Von Lea Wolz

Ein Schimpanse in den Straßen einer Siedlung

Man könnte fast meinen, dieser Schimpanse schaue traurig auf den Müll und den zugewucherten Boden unter seinen Füßen. Wo er sich einst an Bäumen entlang hangelte, sind nun triste Straßenzeilen entstanden. Das Rinnsal, das durch die Straßen fließt, ist ebenfalls mit Tüten und Dosen verdreckt.

Wo einst Löwen brüllten, Giraffen und Elefanten majestätisch durch die Wildnis streiften und Akazien in der Savanne blühten, findet sich nun: Ödnis, Zerstörung, Wüste. Geschaffen: vom Menschen. Wie monumentale, stumme Ankläger stehen die lebensgroßen Aufnahmen der Tiere in den brachliegenden Landschaften. Elegant wirken sie, schön und zeitlos, wie Geister aus der Vergangenheit, die sich an Plätzen eingefunden haben, die einst die ihren waren - bevor die Apokalypse über sie hereinbrach.

Für seine neue Fotoserie "Inherit the Dust" ("Erbt den Staub") ist der renommierte Fotograf Nick Brandt erneut nach Ostfrika gereist und hat die Plätze aufgesucht, an denen er wenige Jahre zuvor schon einmal fotografiert hatte. Konnte er damals noch die vielfältige Tierwelt und weitgehend intakte Ökosysteme dokumentieren, so bot sich ihm an diesen Orten nun ein völlig anderes Bild: Die Natur war Müllkippen, Industrieanlagen und Betonwüsten gewichen. Ein gravierender Wandel, in atemraubend kurzer Zeit.

Zwar bringe der wirtschaftliche Aufschwung für die Menschen in dieser Region auch Gutes mit sich, räumt der Fotograf ein. Für Afrika ist es ein Weg aus der Armut. Doch das Wachstum hat zwei Seiten. Brandt widmet sich in seinem Bildern der einen: dem Verlust von Vielfalt und Leben.

Vergangenheit trifft auf Gegenwart

Aber wie lassen sich "das wahre Ausmaß und die Geschwindigkeit der Zerstörung in einem Foto festhalten?", fragte sich der Fotograf. Seine Lösung: In die Landschaften platzierte er frühere Aufnahmen der Tiere, montiert auf Sperrholzplatten, aufgestellt wie Steinmonumente. Vergangenheit und Gegenwart, in einem Bild scharf gegeneinander geschnitten, in melancholisches Schwarz-Weiß getaucht.

Die Tierwelt Ostafrikas, wo Elefanten, Giraffen, Zebras, Büffel, Gazellen, Impalas, Löwen und Büffel noch immer zu bestaunen sind, fasziniert Brandt seit Langem. Der Brite, der mittlerweile in Kalifornien lebt, hat ihr mehrere Bildbände gewidmet und setzt sich auch für den Erhalt der Wildnis ein. 2010 gründete er die Stiftung "Big Life" mit.  

Millionen Jahre habe es gedauert, diese Vielfalt hervorzubringen, in schockierend kurzer Zeit werde sie nun ausgelöscht, schreibt er in dem Vorwort zu seinem Buch. "Wenn wir den Pfad der Entwicklung und Zerstörung, den wir eingeschlagen haben, so weitergehen wie bislang, werden in ein paar Jahren afrikanische Kinder genauso ungläubig darüber staunen, dass einst Elefanten und Giraffen auf den Feldern vor ihren Häusern umherstreiften, wie wir über die Tatsache, dass einst Wollnashörner dort lebten, wo heute unsere nächstgelegene Shopping Mall steht."  

Gespenstische Stille

Die Zerstörung der Tierwelt in Afrika gehe nicht nur auf das Konto der Wilderei, wie so oft angenommen, schreibt Brandt. "Es ist viel komplexer." Hauptsächlich, so der Fotograf, gehe es immer um uns. Um begrenzte Ressourcen, denen eine wachsende Menschheit gegenübersteht.  

"Über die Jahre hinweg bin ich durch zahllose Landschaften gefahren, in denen nur zehn bis zwanzig Jahre zuvor Tiere lebten." Nun seien diese dort restlos ausgelöscht. An vielen dieser Orte erscheine die Abwesenheit der einstigen Bewohner der Landschaft vielleicht wenig dramatisch, so Brandt. Doch der schmerzhafte Verlust erschließe sich erst dem wissenden Beobachter. Dem, der sich an die Elefantenherden, Giraffen und Gazellen erinnern kann, die vor noch gar nicht zu langer Zeit friedlich über die weiten Ebenen streiften. Und an das herzzerreißende Brüllen eines Löwen, das die Stille am Abend oder Morgen durchbricht.

Stattdessen herrsche an diesen Orten nun: gespenstische Ruhe.

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