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Schönheit, natürlich

2006 wurde sie auf einer Fußball-Fanmeile in Hamburg entdeckt. Zehn Jahre später gehört Toni Garrn zu den bestbezahlten Models der Welt. Wie bleibt man Mensch?

Von Jochen Siemens

Toni Garrn

Toni Garrn in ihrem Appartement im New Yorker Stadtteil West Village, exklusiv für den stern fotografiert.

Arbeiten Models? Sie erzählen davon. Um fünf Uhr morgens fit sein, herumstehen, sexy gucken, auch wenn niemand zu sehen ist, für den sich der Blick lohnt: Kann das Arbeit sein? Bei 10 Grad im Bikini in einem Meer baden und so tun, als ob es 30 Grad wären; große Augen machen, lachen, ein Bein nach vorn strecken, kann das anstrengend sein? Wirklich alle Models sagen das. Auch Toni Garrn.

Toni Garrn ist 23, und wenn sie in der Berliner Bar, in der man sie trifft, aufsteht, müssen fast alle hier nach oben sehen. Sie ist ziemlich groß. Einen Meter und 85 Zentimeter. Sie hat blonde Haare, einen Mund, über den man noch reden wird, und große, hellblaue Augen. Die Bar im Berliner Osten ist sehr angesagt, vor einer Woche war Penélope Cruz hier. Aber wenn Toni Garrn aufsteht, ist es, als hätte jemand das Licht angeschaltet. Und wieder ausgeknipst, wenn sie sich setzt.

Und damit ist auch etwas erzählt über ihre Arbeit. Eine Arbeit, die man nur am Anfang ein wenig lernen kann. Auf dem ersten Laufsteg, vor dem ersten Fotografen. Wie bei einem Rennfahrer, dem man beibringt, ein Auto zu lenken - nicht aber, auf der Strecke der Coolste und Konzentrierteste zu sein, das muss er sich schon selbst erarbeiten. Es sei schwierig zu beschreiben, was sie da tue, sagt Toni Garrn.

GNTM

Toni Garrn und die Jury von "Germany's Next Topmodel": Michael Michalsky, Heidi Klum und Thomas Hayo

Am Tag vor dem Treffen mit dem stern war sie in Heidi Klums Model-Show zu sehen. Als Coach für das Nötigste, wie sie das nennt. Geradeaus auf einem Laufsteg zu gehen zum Beispiel: "Ich habe den Mädchen versucht zu zeigen, wie man die Schulter nach hinten lehnt und wie man die Arme hält, wenn man geht. Ich hatte früher keine Lehrer. Ich weiß, wie das ist, wenn einem keiner sagt, was man tun soll."

Richtig erklärt hat es ihr in den Jahren danach auch niemand, und vielleicht ist genau das der Kern dieser Arbeit: zu lernen, sich zu verstellen. Zu lernen, Körper, Ausdruck, Blick, Pose, die Art des Lächelns - all diese Signale der eigenen Erscheinung - für die Viertelsekunde eines Fotos so konzentriert zu komponieren, dass genau dieses eine Foto jene Energie produziert, die andere Menschen dazu bringt, zu träumen, zu wünschen - zu kaufen. Das Kleid, das Parfüm oder was auch immer das Model transportiert. Toni Garrn war drei Drehtage bei der Klum-Show, sie hat viel mit "den Mädels" geredet, viele Fragen beantwortet und erklärt. "Ich habe gesagt, dass es in dem Geschäft sehr viele Faktoren sind, die man nicht selbst entscheidet. Man wird genommen oder nicht, sich zu drängeln oder einem Kunden hinterherzurennen hat keinen Sinn. Was trendy, hot oder wer gerade hübsch ist, entscheiden andere."

"Wirklich, ich wollte nie Model werden"

Topmodels, also Mädchen, deren Anblick eine denkbar hohe Energie erzeugt, werden gefunden. So wie Antonia Garrn 2006 auf einer Fußball-Fanmeile am Hamburger Jungfernstieg. Die übliche Geschichte, eine Model-Agentin lief ihr nach, sprach sie an, und einen Tag später wurden Mutter und Vater gefragt. Man verabredete erste Probeaufnahmen. Toni war 14. "Wirklich, ich wollte nie Model werden", sagt sie. Es gab auch in der Familie Garrn keine Vorstellung über das Geschäft des Scheins und des Glamours. Tonis Vater ist Erdölmanager, die Familie hatte zuvor in London und Athen gelebt; der Bruder studiert heute Ingenieurwissenschaften in Südafrika. "Model" zu werden muss der Familie wie ein Angebot vom Zirkus vorgekommen sein. Es hätte dann auch bei Strickpullover-Fotos für Kaufhauskataloge bleiben können.

Toni Garrn

Toni Garrn im September 2007 auf dem Laufsteg von Calvin Klein

Doch in New York sah der Designer Calvin Klein Bilder der blonden Hamburgerin und entdeckte ein Geheimnis, das nur er sah. So, wie er ein "Irgendetwas" schon bei der einst völlig unbekannten Kate Moss gesehen hatte. Vielleicht war es der Mund, diese perfekt geformten Lippen, die, auch wenn sie geschlossen sind, in der Mitte eine winzige Öffnung lassen. Oder es war die Nase, die im womöglich idealen Winkel das Gesicht teilt. Einen speziellen Funken Schönheit, der etwas auslösen könnte, erkannte Klein in den Bildern des Mädchens. Und holte Toni Garrn von der Schulbank in Hamburg zu seiner Schau nach New York. Schickte sie auf den Laufsteg, vor laufender Kamera, als Erste auf den Runway. Als Erste, das ist immer ein Statement für den Rest der Kollektion, die Erste färbt alles, was noch kommt. Die Modekritiker staunten und rätselten: "Toni who? Garrn?"

Toni Garrn, inzwischen 15. Nach der Schau fuhr sie mit dem Taxi zum Flughafen. Zurück nach Hamburg, Klassenarbeit. Noch auf dem Weg zum Kennedy-Airport ein Anruf der Klein-Entourage: Calvin macht dich zum Gesicht seiner nächsten Kampagne.

"Als ich 16 war, wusste ich nicht, was sexy heißt"

Seit diesem ersten Auftritt ist Toni Garrn ganz oben. Wenn man sie fragt, ob sie sich mittlerweile öfter auf Fotos sehe als im Spiegel, antwortet sie: "Ja, und es sind so viele, dass ich manchmal selbst nicht mehr weiß, welches das bessere ist: das Bild oder das Spiegelbild." Sie hat gelernt, sich und ihren Körper zu variieren. "Als ich 16 war, konnte ich keine sexy Fotos machen, weil ich nicht wusste, was das heißt. Heute liefere ich dem Fotografen zehn, zwölf Varianten von mir, weil ich ja gute Bilder will."

Cowgirl, träumende Prinzessin, Business-Frau, Surferin, Automechanikerin - all das lernt man, sagt sie. Auf der Website "models.com", einer Art Börsenindex der Schönheit, steht sie auf der Liste der "Industry Icons", "Money Girls" und "High Earners". "Echt? High Earners? Ich habe lange nicht mehr darauf geschaut." Es ist einfach: Ihr Gesicht verdient Geld, viel Geld. Hamburg hat sie fast hinter sich gelassen. Toni Garrn lebt schon lange in New York, eine strategische Entscheidung: "Genau in der Mitte zwischen Europa und Los Angeles." Hat ihr das Deutschsein an irgendeiner Stelle ihrer Laufbahn geholfen? Sie überlegt. "Vielleicht, dass ich pünktlich bin?" Dann sagt sie lachend: "Aber es gibt Models, die zwei Stunden zu spät kommen und trotzdem gut im Geschäft sind. Ich konnte sehr gut Englisch, das war wichtiger."

Toni Garrn spricht sehr schnell und ziemlich viel, ihr Deutsch ist immer noch akzentfrei, aber wahrscheinlich würde sie genauso schnell auf Englisch sprechen. Sie spricht, wie sie lebt. Schnell und in luxuriöser Heimatlosigkeit. Sie war gerade in Spanien, ist jetzt in Berlin, und heute Abend noch geht es zurück nach New York. Dann nach Los Angeles und irgendwann wieder nach Afrika. Ihrem Leben mit all den Bildern von all den Orten auf Instagram zu folgen wirkt, als drehte man den Globus zu schnell.

Toni Garrn engagiert sich für Rechte von Frauen

"Afrika", bei diesem Wort macht sie eine Pause. Afrika ist anders, in Afrika modelt sie nicht. Da fährt sie hin, weil sie noch mehr entdecken will. Toni Garrn ist weltneugierig. Und will etwas bewegen, und sei es noch so klein. Mit der Organisation "Plan International" war sie in Burkina Faso, jetzt engagiert sie sich in Simbabwe, beide Länder gehören zu den ärmsten der Welt. "Burkina Faso war besonders hart", sagt sie, "da wollten wir in Dörfern mit Frauen reden, ihnen erklären, dass sie Rechte und ein eigenes Leben haben. Aber wir wurden immer nur zu den Männern vorgelassen." In Simbabwe will sie "mit Mädchen sprechen, die es schwer haben, die Schule zu beenden und eine Ausbildung zu bekommen, da sie oft sehr früh ungewollt schwanger werden. Das zu durchbrechen ist schwierig, weil ja eine ganze Kultur und ein System das aufrechterhalten." Toni Garrn weiß, dass sie nicht allzu viel ausrichten kann, "aber ich sammle Spenden und spende selbst und weiß genau, wie das Geld verwendet wird".

Braucht man solch heftige Dosierungen Wirklichkeit, um in der Glamourwelt nicht den Boden zu verlieren? "Nein, das ist es nicht. Die Glamourwelt ist nicht alles, ich fühle mich in verschiedenen Welten zu Hause." Es sei etwas anderes. Als Model, auch als Topmodel, bleibt man offenbar ein Kleiderständer, der von anderen in einer Parallelwelt gestylt und bewegt wird. "Mir macht das Modeln Spaß, sicher. Und ich möchte das machen, solange es geht. Aber ich nehme mir auch für anderes Zeit." Für ein richtiges Leben. "Ich möchte Menschen zusammenbringen, etwas bewegen."

Man ahnt hier ein bisschen, wie stumpf die Welt sein kann, wenn man sie nur hinter Make-up verbringt. Und man ahnt auch, dass es da oben in der Welt der "High Earners" Menschen gibt, die den Blick nach unten nicht verloren haben. Einer dieser Menschen ist ein berühmter Schauspieler, der sich sehr, fast schon wütend, gegen den Klimawandel engagiert und UN-Sonderbotschafter ist.

Sprechen will Toni Garrn über ihn partout nicht. Er war vor zwei Jahren ihr Freund, es gab sehr viele, sehr verliebte Fotos der beiden. Aber sie schweigt. Gut, andere Frage: Findet sie nicht auch, dass Leonardo DiCaprio endlich einen Oscar verdient hätte? Die Schnellrednerin stutzt. Und kann wunderbar ein wenig rot werden. "Ja, ich finde auch, er hat ihn verdient. Ganz sicher."


Der Text erschien am 25. Februar 2016 im stern.

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