Hormon mit Taktgefühl

Melatonin bringt Geist und Körper in den richtigen Rhythmus: Bei Schichtarbeit oder Jetlag-Problemen kann das natürliche Hormon die innere Uhr neu einstellen und die Zeitumstellung erleichtern.

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Melatonin schlafmittel

Diesen Botenstoff stellt unser Hirn selbst her: Melatonin macht müde©

In den USA gilt Melatonin als Wunderdroge. Das natürliche Hormon soll das Leben verlängern und Krebs heilen - nichts von dem ist wissenschaftlich haltbar. Nur eines kann Melatonin: bei Jetlag helfen. Denn der körpereigene Botenstoff kann unsere innere Uhr wieder auf die richtige Zeit einstellen.

In den Vereinigten Staaten können Sie synthetisch hergestelltes Melatonin ohne Rezept kaufen. Seit kurzem ist auch in Europa ein Präparat auf dem Markt. Hier bekommen Sie das Medikament aber nicht in der Drogerie, sondern nur auf Rezept in der Apotheke. Zugelassen ist es für Menschen über 55, die unter Schlafproblemen leiden. Doch wie der Stoff genau wirkt und in welchen Fällen von Schlaflosigkeit er hilft, ist selbst unter Fachleuten noch umstritten.

Melatonin stellt unser Körper selbst her. Die Zirbeldrüse, eine winzige Hirnregion, schüttet das Hormon bei Dunkelheit aus, deshalb werden wir abends müde. Licht hemmt die Produktion des Botenstoffs. Die Information, ob es hell oder dunkel ist, bekommt die Zirbeldrüse über mehrere Zwischenstationen vom Auge. In den Abendstunden beginnt sie langsam mit der Herstellung, zwischen zwei und vier Uhr nachts arbeitet sie auf Hochtouren.

Das Blut bringt das Hormon zu jeder Körperzelle: Wir werden müde. Tiere, die nachts aktiv sind - Ratten und Fledermäuse etwa - werden dagegen richtig munter. Wissenschaftler vermuten daher, dass Melatonin unserer inneren Uhr den Takt angibt, nach dem sie zu arbeiten hat. Diese körpereigene Uhr steuert die Aktivität unseres Körpers und unseren Schlaf-Wach-Rhythmus.

Das Hormon macht wacher und aufmerksamer bei Jetlag

Melatonin ist kein sicheres Schlafmittel. Vielen, die schlecht schlafen, hilft es nicht. Ein Versuch lohnt sich allerdings bei Jetlag: Wenn Sie durch mehrere Zeitzonen fliegen, stimmen innere Uhr und äußere Zeit nicht mehr überein; Ihr Körper kommt durcheinander. Manche Menschen leiden dann sehr unter Müdigkeit, mangelnder Konzentration, Verdauungsproblemen oder Bauchgrimmen.

Melatonin lässt Sie bei Jetlag-Problemen schneller einschlafen, tagsüber sind Sie aufmerksamer und wacher. Diese Wirkung entfaltet das synthetisch hergestellte Hormon aber nur bei jedem zweiten - dem Rest hilft es nicht. Zudem tritt die Wirkung nur ein, wenn Sie die Substanz mehrere Tage lang abends vor dem Zubettgehen einnehmen. Dennoch ist Melatonin bei Jetlag empfehlenswerter als herkömmliche Schlafmittel. Denn diese Substanzen können einen regelrechten Kater verursachen und machen süchtig.

Auch in anderen Fällen kann das Hormon möglicherweise helfen, sich wieder an einen normalen Tagesablauf zu gewöhnen: zum Beispiel, wenn sich Ihr Schlaf immer wieder verspätet einstellt oder wenn Sie lange im Schichtdienst gearbeitet haben. Blinde Menschen kann es unterstützen, sofern sich ihr Wach-Schlaf-Rhythmus vom Takt der Umwelt abgekoppelt hat.

Melatonin ist keine harmlose Vitaminpille

Melatonin ist eine hochwirksame Arznei - und keine harmlose Vitaminpille. Die Substanz kann starke Nebenwirkungen haben: Sie kann schläfrig machen und unkonzentriert. Zudem kann sie den normalen Schlaf-Wach-Rhythmus wieder durcheinander bringen. Auf der sicheren Seite sind Sie, wenn Sie das Hormon nur kurz nehmen, höchstens aber zwei bis drei Monate. Was bei einer Langzeit-Einnahme passiert, ist nicht gut erforscht. Fragen Sie auf jeden Fall Ihre Ärztin, bevor Sie sich das Medikament besorgen.

Zudem gibt es viel sanftere Methoden gegen die körperinterne Zeitverwirrung. Geplagten Jetsettern hilft es, tagsüber oft draußen zu sein. Denn daran hat sich seit Jahrtausenden nichts geändert: Es gibt keinen besseren Taktgeber für unsere innere Uhr als das Licht der Sonne.

Constanze Böttcher

 
 
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