
Clemens Meyer, 30, ist in Leipzig zu Hause und schreibt dort auch seine Bücher© Sebastian Willnow/DDP
Das weiß man nie. Allzu viel Stabilität und Sicherheit ist nicht gut für den Typ Schriftsteller, der ich bin. Man muss die dunklen Seiten kennen, die Abgründe. Ich werde nie der Typ Schriftsteller sein, der irgendwo mit Frau und Kind im Lehnstuhl sitzt und teure Anzüge trägt. Und 'ne halbe Million auf dem Konto hat.
Als Proll wurde ich nach der Preisverleihung bezeichnet. Das hätte fast ein böses Ende genommen, dem hätte ich beinahe eins drauf gegeben. Das ist ja wohl eine Unverschämtheit. Das Schlimme ist – und das schreiben Sie da irgendwie rein: Wenn die Welt behauptet, ich hätte 2006 auf der Buchmesse meine Tattoos überall rumgezeigt, dann ist das eine skandalöse Lüge! Ich bin nicht einmal kurzärmlig rumgelaufen. Das mache ich nur im Sommer und dann ist das ein Teil von mir. Tattoomann!
Ach, mir ist das egal. Ich habe immer das Gefühl, die Leute leben im 19. Jahrhundert. Wir leben im 21. Jahrhundert, zehn Prozent der Bevölkerung sind wahrscheinlich tätowiert. Da sieht man mal, wie verschnarcht dieser Betrieb manchmal ist, wenn das was Außergewöhnliches ist. Aber ist doch wunderbar, man nimmt mich wahr.
Das ist richtig und nicht schlecht. Das ist nur so 'ne Sache, die einem gleichzeitig auf den Sack gehen kann. Ich sage Ihnen, dieses Buch ist die einzige Antwort. Das zeigt, dass ich nicht in irgendwelche Schubladen reingehöre, sonst hätte ich ein anderes Buch geschrieben. (Eine ältere Dame bittet um ein Autogramm)
Ich muss mich erst mit der neuen Situation zurechtfinden. Jetzt mit dem Erfolg vom zweiten Buch kommen wirklich viele Leute an. (Eine dicke Frau in lila Jogging-Anzug wühlt im Bücherregal) Da ist so 'ne XXS-Frau. Na hoffentlich erkennt die mich nicht und will was signiert haben.
Aber stellen Sie sich mal vor, ich bin mit 35 tot, wie Clemens Eich. Dann gibt es irgendwann eine Gesamtausgabe von mir mit zwei Büchern und irgendwelchen Skizzen. Weiß ich, was noch kommt? Man geht immer so larifari mit dem Leben um.
Oh ja. Aber das ist gut so. Schreiben ist alles, was ich will und kann, und gleichzeitig ist es eine furchtbare Quälerei. Aber wenn man das Resultat in den Händen hält, das ist der große Lohn aller Mühen.
"Als wir träumten" In dem fulminanten und leidenschaftlichen Debütroman über eine rebellierende Jungs-Clique im Leipzig der Nachwendejahre geht es rau zu: Rico, Mark, Paul und Daniel schlagen die Zeit tot. Zwischen Autoknackereien, Drogenrausch, Schlägereien und Gefängnis träumen sie vom eigenen Leben. Doch alle Hoffnung endet auf dem Polizeirevier.
Clemens Meyer, "Als wir träumten", 528 Seiten, Fischer Taschenbuch, 9,95 Euro