19. März 2004, 16:51 Uhr

"Kein Ort. Nirgends"

Sie hat den Untergang der DDR vorausgesehen. Und dennoch ist sie geblieben. Denn für Christa Wolf gab es keine Alternative zu einem anderen Deutschland.

Christa Wolf nahm auf der Leipziger Buchmesse 2002 den Deutschen Bücherpreise entgegen©

"Ich habe dieses Land geliebt", schrieb Christa Wolf ("Der geteilte Himmel") einmal an Günter Grass nach dem Untergang der DDR. "Dass es am Ende war, wusste ich, weil es die besten Leute nicht mehr integrieren konnte, weil es Menschenopfer forderte." Also schrieb die Schriftstellerin die Erzählung "Kassandra", die eine Botschaft enthielt, auch für die Zensur in der DDR.

"Ich wartete gespannt, ob sie es wagen würden, die Botschaft der Erzählung zu verstehen, nämlich, dass Troja untergehen muss. Sie haben es nicht gewagt und die Erzählung ungekürzt gedruckt. Die Leser in der DDR verstanden sie." Aber sie hatten nach dem Mauerfall auch Fragen an die Schriftstellerin: Wenn "Troja" untergehen musste, wieso habe sie dann noch kurz vor dem Ende der DDR einen Aufruf "Für dieses Land" unterschrieben? Sie habe dabei nicht an die alte DDR gedacht, entgegnete Wolf, sondern "für einen kurzen geschichtlichen Augenblick an ein ganz anderes Land, das keiner von uns je sehen wird".

Keine Alternative zur DDR

Christa Wolf sah für sich keine Alternative zur DDR und wurde doch immer heimatloser - "Kein Ort. Nirgends", wie ein Buchtitel von 1979 wenige Jahre nach der Biermann-Ausbürgerung heißt - mit dem Rücken an der Wand. So war denn der gemeinsame Aufruf zahlreicher Künstler und Autoren der verzweifelte Versuch, den eigenständigen Weg eines anderen Deutschland nach der Hitler-Barbarei erhobenen Hauptes weitergehen zu können.

Reich-Ranicki hält Wolf für "überbewertet"

Die Tagebucheintragungen sind in Christa Wolfs im vergangenen Herbst erschienenen Band "Ein Tag im Jahr" enthalten und gehören auch zum Textteil der jetzt (ebenfalls bei Luchterhand) erschienenen "Biographie in Bildern und Texten", herausgegeben von Peter Böthig. Es sind Bekenntnisse, Gedanken und Erfahrungen einer Frau, die von vielen als die bedeutendste deutschsprachige Schriftstellerin der Gegenwart angesehen wird, während sie andere, wie der Kritiker Marcel Reich-Ranicki, für eine "weit überbewertete Autorin" halten.

"Des Nobelpreises würdig"

Ihr wichtigstes Buch, "Nachdenken über Christa T." (1968), das er einst nachdrücklich gelobt habe, habe sich schon überlebt. Andere halten das Buch aber für einen der wichtigsten Romane der deutschen Nachkriegsliteratur. Und in den letzten Jahren wurde, wenn es um Spekulationen zum Literaturnobelpreis ging, neben Günter Grass auch ihr Name immer wieder genannt. "Sie ist des Nobelpreises würdig", meinte der Kritiker Fritz J. Raddatz. "Ich verlasse mich darauf, dass die Leser in meine Bücher schauen und sehen, dass ich keine Staatsschriftstellerin war", sagte die Georg-Büchner-Preisträgerin 1990.

"Östliche Zwillingsschwester von Heinrich Böll"

Und für einen kurzen Augenblick der Geschichte war in der turbulenten Wendezeit 1989/90 ihr Name für das Amt eines DDR-Staatsoberhauptes im Gespräch, als die Intellektuellen nach dem Vorbild der politischen Karriere des tschechischen Schriftstellers Vaclav Havel von einer Verbindung von Geist und Macht träumten, die doch auch in Deutschland mal gelingen könnte. Die "östliche Zwillingsschwester von Heinrich Böll" empfand es aber zunehmend als Belastung, dass die Menschen in Ostdeutschland sie zunehmend als "moralische Instanz" und Gallionsfigur für Zivilcourage und Widerstand in Anspruch nahmen und weniger als Literatin.

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