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Plädoyer gegen die Fitness-Diktatur

Die Schriftstellerin Juli Zeh schreibt mit ihrem Roman "Corpus delicti" gegen einen wachsenden Gesundheitswahn in unserer Gesellschaft an. Im stern.de-Interview erklärt sie, warum sie sich über die Fitness-Diktatur aufregt, wie wenig Gesundheit mit Glück zu tun hat - und weshalb sie raucht und trinkt.

Frau Zeh, rauchen Sie?

Ja.

Trinken Sie Alkohol?

Ja, auch das.

Gerade machen Sie sich einen Kaffee.

Richtig.

Das ist alles nicht besonders gesund. Treiben Sie denn wenigstens regelmäßig Sport?

Tue ich, aber nicht der Fitness zuliebe. Ich bin leidenschaftliche Reiterin. Das mache ich nicht, weil ich denke, ich müsste mich bewegen, um gesund zu bleiben. Ich bin da einfach süchtig danach.

Sie tun es nicht der Gemeinschaft der Krankenversicherten zuliebe, der Sie damit vielleicht die Kosten für die Krankheiten senken könnten, die möglicherweise aus Ihrem Nikotin-, Koffein- und Ethanol-Konsum entstehen?

Ganz im Gegenteil. Reiten kann ja so was von gesundheitsschädlich sein. Neben Skifahren gehört das, glaube ich, zu den Sportarten, bei denen man überlegt, ob man dafür nicht Sonderkategorien bei den Versicherungen schaffen sollte.

Das soll die Leute entlasten, die besser auf sich selbst achten. Was halten Sie von dieser Logik?

Das ist überhaupt keine Logik, sondern ein fatales Missverständnis. Das Prinzip Versicherung basiert ja gerade auf dem Solidaritätsgedanken und der Idee des Ausgleichs. Wenn man einer Versicherung beitritt, aber der Meinung ist, nichts zahlen zu müssen für die Risiken, die andere Leute eingehen, hat man das Prinzip nicht verstanden. Gerade die Argumentation mit der Selbstgefährdung ist die größte Chimäre überhaupt. Wenn man damit anfängt, wird das zu einem völlig unbegrenzten Argument. Dann müsste man den Leuten verbieten, das Bett zu verlassen. Wobei ich gar nicht weiß, wie sicher statistisch der Aufenthalt im Bett ist. Das Betreten eines Badezimmers ist in der Hinsicht jedenfalls gefährlich. Wenn man mit Gerechtigkeitsargumenten das Risiko minimieren will, dann dürften wir alle nicht mehr duschen. Das ist nämlich gefährlicher als Skifahren. Diese ganze Überlegung ist doch absurd.

Zu Ende gedacht, hieße das, man müsste die Leute genau überwachen, um festzustellen, wie riskant sie leben.

Das wäre die praktische Seite. Ich lehne aber schon die theoretische Seite komplett ab. Dieses Menschenbild steht dem, was ich für richtig halte, diametral entgegen. Die Idee, ein gutes Leben als ein risikofreies Leben definieren zu wollen und diese Auffassung dann auch noch der ganzen Gesellschaft aufzuoktroyieren, das widert mich an.

Deshalb haben Sie Ihren neuen Roman "Corpus delicti" veröffentlicht, der in einer Gesundheitsdiktatur spielt.

Es ist das erste Mal, dass ich ein Buch geschrieben habe, um mich zu erleichtern. Ich hatte richtig das Bedürfnis, das aufzuschreiben, damit ich jetzt sagen kann: Ich habe ein Mal darauf hingewiesen!

Ihr Roman entwirft eine Kontrollgesellschaft, in der der Einzelne sich als Kämpfer für den gesunden Körper beweisen muss. Es gibt ein Pflichtpensum an Sport, selbst in den Toiletten wird der Magensäuregehalt gemessen, um Krankheiten sofort zu registrieren und auszumerzen. Sie denken sich aber gar nicht allzu viel aus, Sie nehmen aktuelle Entwicklungen und spitzen sie zu.

Ich wollte keine Zukunftsvision schreiben und sagen: In so und so viel Jahren sieht es so und so aus. Ich habe tatsächlich Dinge, die jetzt schon da sind, in ein fiktives System übertragen und ein bisschen überdreht. Vor allem habe ich den Totalitätsanspruch hinzugefügt. Es gibt auch jetzt schon Pflichtuntersuchungen für Kinder, das wird von den Eltern oft sogar gutgeheißen.

In Ihrem Buch ziehen Sie die Pflichtuntersuchungen vor: Sie finden schon am Ungeborenen statt.

Es kann nicht mehr lange dauern, bis man Fruchtwasseruntersuchungen machen muss. Es ist ja auch schon so, dass das Amt vor der Tür steht, wenn man zu den Vorsorgeuntersuchungen für seine Kinder nicht geht. Ich wollte eigentlich sagen: Leute, stellt mal diese Mentalität infrage! Überlegt euch mal, was für ein Weltbild dahinter steht! Es beginnt schon mit der Art, wie in der Werbung Menschen präsentiert werden. Eine Inflation von Gesundheitsmagazin-Berichterstattung auf allen Kanälen: Print, Radio, Fernsehen. An jeder Ecke wird andauernd gesagt, wie man sich zu verhalten hat und was gesund sei und was nicht, ohne dass einer überhaupt erst einmal gefragt hätte, wie dieser Begriff Gesundheit definiert ist. Außerdem gibt es auch noch politische Bewegungen. Man möchte erstmals in der Gesetzgebung zu Krankenversicherungen Krankheit mit Schuld identifizieren. Da soll quasi drinstehen, dass, wer sich selbstverschuldet verletzt, keinen Anspruch mehr auf Fürsorge hat. Da kriege ich echt Pickel.

Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?

Es ist ein Religionsersatz geworden für die Leute. Über viele hundert Jahre galt die Vorstellung: Der Körper ist Asche und Staub. Die Seele aber wird nach dem Tod in eine andere Welt überführt, die ist das Eigentliche und Heilige. Und es gibt einen Gott, der unser Schicksal bestimmt. Eine Krankheit ist dann auch eine Entscheidung Gottes, die ich zu ertragen habe. Dieses Weltbild wurde komplett abgebaut, selbst religiöse Leute sehen das heute etwas anders. Übrig bleibt der Mensch mit einem ungeheuren Maß an Selbstverantwortung und ohne einen Gott, der über richtig oder falsch, gesund oder krank entscheidet. Nur beim Einzelnen liegt die Verantwortung. Daraus entwickelt sich so ein Zwang zum Glücklichsein. Und zu glücklich gehört dabei auch gesund. So rennen die Leute dann verzweifelt irgendwelchen Ratgeberhinweisen hinterher, wie sie denn diesen heiligen Zustand auf Erden erreichen können, für den sie auf einmal ganz allein verantwortlich sind. Wer das nicht hinkriegt, ist selber schuld. Nicht nur vor sich selbst, sondern auch vor seinem Freundeskreis und letztlich vor der Gesellschaft. Ein religiöses Zwangssystem hat sich in ein areligiöses Zwangssystem verwandelt.

Nun gibt es Leute, die ganz simpel sagen: Man wird aber doch tatsächlich gesünder.

Die hinterfragen einfach nicht, was "gut gehen" bedeutet. Die sind der Meinung, dass es mir "gut geht", solange ich mir das Bein nicht gebrochen habe, mein Body-Mass-Index okay ist und ich in der niedrigsten Krebsrisiko-Gruppe bin. Wenn man denen erklärt, dass glücklich sein erwiesenermaßen am wenigsten damit zu tun hat, ob man sich den Fuß gebrochen hat oder nicht, verstehen sie das nicht. Bei einer brutalen Krankheit, unter der man jahrelang leidet, kann es sein, dass das ein Leben dominiert. Aber nach deren Definition geht es jedem Menschen schlecht, der irgendein Handicap hat. Die reduzieren menschliches Glück komplett auf die Gesundheitsfrage.

Daran wirkt auch ein Medienregime mit, das permanent neue Gesundheitsstandsmeldungen produziert. Rotwein ist jetzt doch nicht gesund, auch nicht in kleinen Mengen ...

... Kaffee dagegen gar nicht so schädlich. Es ändert sich täglich, ja. Es geht außerdem von der Idee aus, dass die Menschen einander so sehr gleichen, dass sie identisch reagieren, wenn man ihnen bestimmte Dinge zuführt. Ein Apfel am Tag, eine Scheibe Brot, 200 Gramm Fleisch. Und das ist dann optimal. Diese Annahme ist schon medizinisch vollkommen idiotisch. Menschen reagieren ja unterschiedlich. Man muss selbst herausfinden, was einem gut tut. Es gibt Leute, die ernähren sich nur von Chips, denen geht es bestens. Die würden wahrscheinlich sofort sterben, wenn die einen Apfel essen. Und umgekehrt.

Wir bräuchten Aufklärungskampagnen mit Otti Fischer, der sagt: Ich bin total dick, habe Parkinson und trotzdem geht's mir gut?

Es wäre ein Ansatz, sich Leute anzuschauen, die vormachen, wie sie ihr Leben führen. Ich bin ein Jünger vom Liedermacher Rainald Grebe, der setzt sich mit dem Rauchverbot auseinander und singt: "Ich höre nur Musik von Menschen, die nicht rauchen. Und siehe da: mein Plattenschrank ist leer." Bedeutet: Was ist wichtiger? Hochleistung in der Kultur oder wollen wir uns empören, dass jemand raucht oder nicht? Wollen wir uns jetzt über Gesundheit aufregen oder kümmern wir uns mal um unser Bildungssystem, was am Boden liegt, während alle übers Krebsrisiko reden. Das ist unverhältnismäßig. Erinnert euch mal bitte daran: Das ist euer verdammtes Leben! Endlich ist dieser Gott weg, der uns lauter Vorschriften gemacht hat, dann müssen wir doch nicht die nächste Instanz etablieren. Genießen wir doch endlich mal, dass wir selbst entscheiden dürfen. Dafür fehlt aber bislang das Selbstbewusstsein.

Sehen Sie Chancen, dass es sich wieder entwickelt?

Wenn ich etwas ganz Fieses sagen darf: Das ändert sich an dem Tag, an dem es uns richtig schlecht geht. Wenn Panzer rollen und Bomben fallen, wenn etwas ganz Grauenvolles passiert, wir wieder hungern, frieren, nicht wissen, wo unser Haus ist, und uns um unsere Liebsten sorgen, dann hört das sofort auf – das ist nämlich ein absolutes Dekadenzphänomen. Es kann doch aber nicht sein, dass es nur diese zwei Möglichkeiten gibt. Absolutes Elend mit Hochkultur, plus Liebe zum Geistigen und dem Willen sich zu erheben, indem man kommuniziert und etwas schafft. Oder Frieden und Wohlstand mit einer totalen Veroberflächlichung, mit einer Hinwendung zum Äußerlichen. Sind das wirklich die beiden Möglichkeiten? Man kann sich auch in Frieden und Wohlstand wie ein vernünftiger Mensch verhalten. Bitte lasst uns nicht darauf warten, bis es wieder scheiße ist, um uns dann erst an unsere Werte erinnern.

Sie werden weiterhin trinken, rauchen, reiten?

Ja, rauchen muss man ja inzwischen echt aus politischen Gründen.

Interview: Johannes Gernert

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