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14. März 2009, 10:58 Uhr

"Richtig bitterfotzig"

Wenn Frauen Kinder kriegen, ziehen sie den Kürzeren. Die schwedische Autorin Maria Sveland entlarvt den Mythos von Gleichberechtigung und Mutterglück. Von Catrin Boldebuck und Silke Müller

Bitterfotze, Sveland, Schweden

Wut tut gut: Die Schriftstellerin Maria Sveland, 34, aus Stockholm macht kurzen Prozess mit traditionellen Frauenbildern© Pär Bäckstrand

Was soll die Aufregung? Sie ist 30 Jahre alt, arbeitet als Rundfunkjournalistin, ist mit einem Theaterregisseur verheiratet und hat einen zweijährigen Sohn, den sie über alles liebt. Eine trendige Working Mom, wie sie in Frauenzeitschriften von Amsterdam bis New York wöchentlich gefeiert wird. Doch Sara ist verbittert, "richtig bitterfotzig".

Das größte Glück einer Frau, die Vollendung der weiblichen Bestimmung in Gestalt eines pausbäckigen Babys, erweist sich als Frustbombe, die das Lebens- und Liebesglück der Heldin sprengt. Plötzlich rechnet sie jeden Abwasch, jeden freien Abend und jede Minute Schlaf mit ihrem Mann auf.

Die selbstbewusste, attraktive Sara mutiert zur übellaunigen Mutterkuh, die zwischen Job, Kinderkrippe, Supermarkt und Wohnung hin und her hetzt, die sich alt, müde und hässlich fühlt und wahrscheinlich auch genau so aussieht. Während der geliebte Theaterregisseur weit oben im Norden sein erstes Stück inszeniert und wochenweise durch Abwesenheit glänzt. Und das im ach so gleichberechtigten Schweden, wo 80 Prozent der Frauen arbeiten und Krippenplätze selbstverständlich sind.

Laut diskutiert

Maria Sveland, 34, erzählt die Geschichte von Sara voller Wut, so ungebremst, so hart an der Realität, dass im Emanzipationsmusterland ein Sturm der Entrüstung losbrach, als "Bitterfittan" 2007 erschien. "Natürlich dachte ich, dass mein Buch sehr viele Leute provozieren würde, aber ich hätte nie erwartet, dass es so laut diskutiert wird. Und mit einem kommerziellen Erfolg hatte ich schon gar nicht gerechnet." Mittlerweile stehen Hardcover, Taschen- und Hörbuch in jeder schwedischen Buchhandlung, und die dritte Theaterinszenierung feierte jüngst in Uppsala Premiere.

Aber was, um Himmels willen, ist denn so provokant an diesem Roman? "Wenn du als Frau die Qualität solcher Werte wie Mutterschaft, Familie und Liebe anzweifelst, brichst du ein Tabu - auch bei uns in Schweden", sagt Sveland. Es ist der heilige Ernst, der das literarisch eher konventionelle, unterhaltsame und leicht zu lesende Buch so nachhaltig wirken lässt. Der absolute Anspruch der Autorin, die Sara sagen lässt: "Es ist Zeit für Veränderung. Sonst will ich nicht mehr mitmachen." Deshalb passt "Bitterfotze" auch nicht auf ein Regalbrett mit deutschen Frauen-Bestsellern wie "Feuchtgebiete", "Mondscheintarif " oder "Moppel-Ich".

Die Geschichte von Sara hat stark autobiografische Züge: Auch Sveland ist Anfang 30, als sie das Buch schreibt, auch sie arbeitet als Journalistin beim Radio, hat einen Sohn und ist mit einem Theaterregisseur verheiratet. "Ich habe viele Szenen aus meinem wirklichen Leben gestohlen, aber es ist eine Mischung aus dem, was ich selbst erlebt habe, und dem, was ich um mich herum beobachte."

"Lücke zwischen Theorie und Wirklichkeit

Zum Beispiel, dass Väter bewundert und gelobt werden, wenn sie zwei Monate Elternzeit übernehmen. Und von Frauen selbstredend erwartet wird, dass sie mindestens ein Jahr zu Hause bleiben. "Es geht um Zeit, sehr wertvolle Zeit, die Frauen mit Kindern überall auf der Welt gestohlen wird." Und um ein tief in der Gesellschaft verankertes Mutterbild, dass die Verantwortung für Kinder immer noch vor allem bei den Frauen ansiedelt. "Es gibt eine große Lücke zwischen Theorien und guten Ideen - und der Wirklichkeit", sagt Sveland. Nicht nur im öffentlichen, sondern auch im privaten Leben. "Wenn zwei Menschen Kinder in die Welt setzen, sollten sie sich automatisch und in jeder Hinsicht gleichberechtigt verantwortlich fühlen."

Maria Sveland, mittlerweile Mutter von zwei Söhnen und dank ihres Bestsellers in der Lage, als unabhängige Autorin zu arbeiten, ist eine Feministin neuen Typs. Ihr kleines Büro im Szeneviertel Södermalm ist in einer Art Kutscherhäuschen hinter dicken Hofmauern versteckt, einer barocken Anlage mit Seitenflügeln, die Büros und Ateliers beherbergt. Die attraktive, sorgfältig gestylte Frau mit roten Locken hat am Institut für Film- und Fernsehwissenschaften in Stockholm studiert und sich einen Namen als seriöse Journalistin erarbeitet. Ihre Forderungen nach Gleichberechtigung fangen beim Einkaufen und Putzen an und hören bei Quoten für Politik, Vorstände oder Universitäten längst nicht auf. "All diese Dinge sind nicht nur Kleinkram. Darunter steckt eine mächtige Struktur an Kultur und Werten, die uns formt und beeinflusst." Sveland fürchtet, dass es durch die weltweite Wirtschaftskrise einen Rückschlag für die Emanzipation geben wird: "Immer wenn die Zeiten schlechter werden und die Jobs knapp, werden Frauen als Erste vom Arbeitsmarkt gedrängt."

Als sie vor drei Jahren auf ihrem Laptop ein Textdokument anlegte, um sich ihren Ärger von der Seele zu schreiben, merkte sie schnell, dass kein Report, sondern eine fiktive Geschichte die einzig mögliche Form ist. Die ganz persönliche, subjektive Enttäuschung musste raus, ungefiltert, unsachlich, so wahrhaftig wie möglich. "Als Journalistin hatte ich immer Produzenten und Chefredakteure im Rücken, die sagten: 'Das ist zu böse' oder 'Das ist zu lang', 'Das ist zu persönlich'. Diesmal wollte ich ohne einen Zensor schreiben." Aus dem Dateinamen wurde der Titel für ihr Buch: "Bitterfotze".

Mit der Stimme der Hauptfigur

Sara kann Sätze aussprechen, die ihre Erfinderin bislang für sich behielt. Ihren Sohn nennt sie "mein geliebtes Kind, mein bester Freund und meine unbezwingbare Okkupationsmacht". Vollzeitmüttern, die ihre Identität am Eingang zum Kreißsaal abgeben, geht Sara aus dem Weg. Karrierefrauen, die "das Männerspiel" mitspielen, verflucht sie: "Es gibt einen besonderen Platz in der Hölle für Frauen, die anderen Frauen nicht helfen!"

Bei aller Kritik an den herrschenden Verhältnissen - Maria Sveland hat keine Lust auf die Opferrolle. Sie lässt ihre Heldin kämpfen, um ihre Seele, ihre Selbstbestimmung und ihr Familienglück. Und was passiert, wenn es nicht aufgeht? "Scheidung ist eine Option", sagt sie kühl. "Auch in meinem persönlichen Leben habe ich schon oft darüber nachgedacht. Man muss das abwägen - und für seine finanzielle Unabhängigkeit sorgen." Sara, die Bitterfotze, weiß natürlich auch: "Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine Frau mit müden Beinen und Migräne. Und hinter jeder erfolgreichen Frau liegt eine Scheidung."

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 11/2009

Von Catrin Boldebuck und Silke Müller
 
 
KOMMENTARE (3 von 3)
 
Laura-Sch (14.03.2009, 11:32 Uhr)
Biologische Aufgabe der Frau
Wir Frauen bringen die Kinder nun mal zur Welt - und zwar nach 9 Monaten extremer emotionaler Verbundenheit zwischen Kind und Mutter. Allein dadurch haben wir nun mal ein anderes Verhältnis dazu - das lässt sich auch nicht wegdiskutieren, wenn man keinen Bock mehr darauf hat.
-
Natürlich sollte man jeden Mann in die Wüste schicken, der sich überhaupt nicht an den Aufgaben beteiligt - aber wer sein Leben unabhängig und frei von Verantwortung für Andere(!) leben möchte, der darf eben keine Kinder zur Welt bringen - und muss es ja auch nicht. Das sollte man aber auch vorher wissen...
Luzius (14.03.2009, 11:13 Uhr)
Verwirrte "moderne" Frauen
In einem Satz: Unbedingt Kinder haben wollen aber dann keinen Bock fuer diese zu sorgen.
- Gehts noch?
Kinder sind fuer vernunftbegate Menschen im 21. Jh. OPTIONAL (es sei den man ist katholisch :-)
Zuechter (14.03.2009, 09:44 Uhr)
Kohle für Frustabbau
eine Frau veröffentlicht ihre Beschreibeung beschi++ener Zustände um genau damit diese Zustände zu ändern - ist das eine Lösung?
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