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1. Februar 2009, 21:01 Uhr

Ende der Kreidezeit

In den Schulen bricht eine neue Ära an: Whiteboards ersetzen die Kreidetafeln. Ob sie in ansehbarer Zeit auch Lehrer ersetzen können? Wenn ja, hätten die Zeit für andere Dinge ... Von Jan Weiler

Jan Weiler, Mein Leben als Mensch, Kreide

© Kat Menschik

Das Ende der Kreidezeit naht. Großartiges Wortspiel. Dabei geht es um die Abschaffung der bewährten Kreidetafeln in den Schulen. Nach und nach werden die durch elektronische interaktive Whiteboards ersetzt, auf die man mit speziellen Stiften und sogar mit den Fingern schreiben kann. Der Fortschritt zeigt auch hier wieder bemerkenswert unsentimental seine Fratze. Wenn erst einmal die Tafeln weg sind, verschwinden auch Schwämme, Kreide und Tafeldienst. Den habe ich als Kind mit einem gewissen Ehrgeiz versehen. Zunächst musste mit einem staubigen Tuch die Schrift entfernt, dann nass mit dem Schwamm drüber und noch einmal trocken gewischt werden. Genau wie auf der kleinen Schiefertafel, die wir uns in der Pause gegenseitig auf den Kopf schlugen. An den Tornistern baumelte das Schwammdöschen, wenn wir nach Hause gingen und der Mutter den Schmiss in der Tafel zeigten. Ich habe viele Schiefertafeln zertrümmert. Meine Kinder wissen gar nicht, wovon gerade die Rede ist. Immerhin: Die Schultafel kennen sie noch und auch den Tafeldienst.

Statistisch betrachtet ist es wahrscheinlich beachtlich, was im Leben einer Schultafel dort alles angeschrieben wurde. Und wie oft. Und von wem. Natürlich wurde in Abwesenheit des Lehrkörpers unflätig geschmiert. Die beiden beliebtesten Motive waren Kilroy, der männliche Kopf mit der Gurkennase, der über eine Mauer sieht, und das männliche Geschlechtsorgan mit Skrotum und gekrümmten Haaren, aus welchem große Tropfen Flüssigkeit fliegen.

Unterricht ohne Lehrer

Ob zukünftige Schülergenerationen für derartige Vergnügungen noch einen Sinn haben? Wahrscheinlich nicht, denn die elektronische Tafel kann bestimmt schon bald Handschriften erkennen und auch die Nervosität eines Schülers messen. Sie dient womöglich als Lügendetektor und kann Stromstöße sowie Noten, Lob und gekühlte Getränke verabreichen. Schon jetzt ist es möglich, mit den E-Tafeln ins Internet zu gelangen, um dort "De bello Gallico" zu googeln oder das Amazonasbecken anzusehen oder ein Foto von Martin Heidegger. Allen technikbegeisterten Lehrern sei an dieser Stelle warnend zugerufen: Freut euch nicht zu früh, denn das Whiteboard macht nicht nur die klassische Tafel sowie die aufgerollte Karte samt Ständer entbehrlich, sondern auch euch. Sobald die Kinder begriffen haben, wie man das moderne Tafelmedium richtig benutzt, können die schön ohne euch Unterricht machen. Nicht einmal, um den Tafeldienst einzuteilen, benötigen die euch dann noch.

Und was machen die vielen Millionen deutschen Lehrer dann? Sie hocken übel gelaunt in den Städten herum und fragen Passanten, ob sie ihnen gerade mal die binomischen Formeln erklären dürfen. Oder man sitzt im Zug, und eine kleine Frau fragt schüchtern: "Möchten Sie vielleicht den Zitronensäurezyklus kennenlernen?" Das ganze Land ist übersät von mäßig elegant gekleideten Geschichtslehrern, die gerne über das Mittelalter plaudern, und naturwissenschaftlichen Fachkräften, die ungefragt heitere Knallgasexperimente vorführen. Pädagogen sitzen ganztags in Eiscafés und zeigen auf Wunsch ihre spröden Hände vor, die sie in jahrelanger Berufsausübung mit Kreidestaub aufgeraut haben. Wir brauchen dringend neue Betätigungsfelder für diese Menschen. Und da kommt die Bundestagswahl in diesem Jahr wie gerufen. Die deutschen Lehrer, überflüssig geworden durch die Macht des technischen Fortschritts, könnten doch Wahlkampf für die SPD machen! Wie Roland Kaiser, der Schlagersänger. Der ist SPD-Mitglied, war jedoch früher nicht Lehrer, sondern Autoverkäufer, was ja auch so etwas ist wie klassischer Frontalunterricht. Jedenfalls könnte doch das freigestellte Kollegium des Hamburger Johanneums zukünftig als Chor für die SPD auftreten und "Santa Maria" von Roland Kaiser mit einem neuen Text singen: "Wählt den Frank-Walter, er ist einfach zum Kanzler geboren, hat niemals seine Unschuld verloren, war wirklich nie in Guantánamo." Möchten wir wirklich, dass diese Menschen ihre Talente an alten grünen Tafeln verschwenden?

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 05/2009

Von Jan Weiler
 
 
KOMMENTARE (5 von 5)
 
kfpdm (02.02.2009, 10:41 Uhr)
In einer Zeit...
... wo Schulen baufällig, die Klos nicht wirklich benutzbar sind und Kinder kein Mittagessen bekommen, sind E-Tafeln das Allheilmittel....
Gruß,
A.
bigcat (02.02.2009, 07:57 Uhr)
Wundervoll !!!
Bitte mehr davon !
Fabse (02.02.2009, 06:47 Uhr)
...
Nein, E-Tafeln sind keines Wegs futuristischer Käse, sie erweitern den Unterricht und ermöglichen genau was bereits im ersten Kommentar gesagt wurde. Ich selber bin auf einer Schule in der E-tafeln schon seit einer weile in Benutzung. Sie sind eine sehr gute Erweiterung und können den oft sehr einfältigen und altmodischen Unterricht an Deutschen Schulen sicherlich verbessern. Ein sehr guter Schritt zur Modernisierung Deutscher Schulen.
Blacky007 (01.02.2009, 22:58 Uhr)
Guter Schritt!
Finde es einen richtigen Schritt, dass man endlich Multimediaboards oder wie hier genannt E-Tafeln in die Klassenzimmer bringt.
- Lehrer können Präsentationsfolien und sonstige Vorlagen bereits zu Hause erstellen und am Laptop speichern
-Vorlagen können unter den Kollegen ausgetauscht werden und sind mehrfach und über eine längere Zeit
nutzbar
-Schüler könnten sich, Laptops vorausgesetzt, die ganzen Infos gleich speichern und zu Hause bearbeiten
- Unterricht kann lebendiger und interessanter gestaltet werden, da Leherer jederzeit Videos oder Bilder einspielen können. Was wiederrum zu einem verbesserten Lernen beiträgt, den wie jeder weiß, bleiben Bilder einfacher im Gedächnis, als jeder Wortschwall.
-
Dass man damit jedoch Lehrer ersetzen könnte, halte ich eher für unwahrscheinlich. Wer soll den Unterricht leiten, gestalten und auf Rückfragen der Schüler antworten?? Sicher kein E-Board.
-
Noch ein VOrteil: alles was man auf dem E-Board zeigt, kann gleichzeitig -ohne Aufwand- auch per Internet von zu Hause aus mitverfolgt werden. So können kranke Kinder dennoch dem Unterricht folgen.
giangastone (01.02.2009, 22:06 Uhr)
Futuristischer Käse
Der Lehrer ist heute Ersatz-Mama, Ersatz-Papa, Aushilfs-Psychotherapeut , Lebensberater etc., die letzte OASE des "personal contact". Unterrichts-Medien ersetzen keine Inhalte und erst recht keine menschliche Bindung. Allerdings macht sich so ein Elektro-Gedöns gut bei PR-Veranstaltungen mit gaffenden & staunenden Journalisten. Die halten das für fortschrittlich. Ansonsten: Forget it.
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