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Matratzenlager in Leipzig

Kommune 1 reloaded: Alt-Kommunarde Rainer Langhans ist 68 Jahre alt, hat im Februar seine Autobiographie "Ich bin's – Die ersten 68 Jahre" veröffentlicht und probt während der Leipziger Buchmesse mit seinen Verlagsleuten das Kommunenleben.

Von Martina Sauermann

Leipziger Buchmesse, zehn Uhr. Der Geist von Rainer Langhans will die ganze Welt umarmen und jetzt geht das Internet nicht. Kein WLAN-Zugang im Wächterhaus. Wächterhäuser, das sind Altbau-Wohnhäuser, die leer stehen und verfallen - würden nicht Leute die Häuser besetzen und sie davor bewahren. Ganz legal, ohne Miete zu bezahlen. Die Leipziger Initiative der Wächterhäuser schlug ein wie eine Bombe: Obwohl sie total runtergekommen sind, gibt es mehr Interessenten als freie Wohnungen. Wer legaler "Hausbesetzer" werden will, muss auf die Warteliste.

Das alternative Wohnen ist wohlorganisiert in Leipzig und bietet den perfekten ideologischen Überbau für das Revival einer anderen unkonventionellen Lebensform: der Kommune 1. Während der Leipziger Buchmesse hausen Rainer Langhans und sieben Leute vom Blumenbar-Verlag auf einem Matratzenlager. Vier Nächte lang machen sie einen auf Kommune 2.0. Nicht gegründet in Berlin oder Frankfurt, sondern im Leipziger Westen, im aufstrebenden Künstlerviertel Lindenau.

Die Galerie D21 im Wächterhaus Demmeringstraße sieht aus wie viele Künstler-Ateliers: Die Tapete blättert an vielen Stellen ab, die Decke war wohl mal lila, im DDR-Kronleuchter brennt nur eine Glühlampe und vom Plattenspieler weht leise Lounge-Musik herüber. Durch die Glasschaufenster fällt viel Licht in die großen, leeren Räume. Alle paar Minuten rumpelt die Straßenbahn vorbei, die Scheiben zittern. Mittendrin steht ein langer Tisch und am Kopfende thront Rainer Langhans und erklärt die Welt.

"Das Internet ist die neue, große Kommune und vernichtet die ganzen alten Industrieformen des Kapitals. Das ist doch fantastisch." Seine grauen, vollen Locken wippen im Takt, wenn er alle paar Sekunden die Hände hochreißt und eine enorme Geste macht. Die Leute vom Verlag und von der Presse beißen ins Nutella-Bötchen und schlürfen Filterkaffee. Langhans rührt beides nicht an, wahrscheinlich hat er seinen Biojoghurt schon vorher gelöffelt.

"Wir waren geistige Wesen"

Wie immer komplett in weißes Leinen gekleidet, doziert er seine Internettheorie, die alle schon aus seiner Autobiographie "Ich bin’s - Die ersten 68 Jahre" kennen: Das Internet sei das, was die Kommune 1 bereits gelebt hat. "Unsere Kommune damals ist immer das Virtuelle gewesen. Wir waren geistige Wesen. Es gab nie Männer und Frauen, es gab nur Wesen, die frei sein wollten."

Hinter ihm sieht man das Matratzenlager auf dem Schlafsäcke, Kissen und Laptops übereinander liegen. Die Computer sind abgekappt von der körperlosen geistigen Netzwelt und Langhans fühlt sich ungewohnt unfrei. Immerhin gibt es einen Fernseher. Der und ein Bioladen um die Ecke waren Bedingungen für Langhans, noch einmal als Kommunarde auf dem Boden zu schlafen. Die Pressedame vom Verlag und ihre Kollegin sind gleich ins Hotel schräg gegenüber gezogen. Schließlich gibt es in der Wächterhaus-Galerie nur eine Dusche. Man kann das inkonsequent finden oder einfach fortschrittlich: Keiner wird in die Gemeinschaft der Buchmessen-Kommune gezwungen.

Den historischen Moment nutzen

Und warum tun sich das die Anderen an? Die Leute vom Blumenbar-Verlag erklären, sie wollten den historischen Moment nutzen. Rainer Langhans ist 68, seine Autobiographie gerade erschienen, man ist in Leipzig, die perfekte Zeit und der perfekte Ort eine Kommune zu gründen. Außerdem ist der recht junge Verlag kommunenartiges Zusammenleben auf Messen gewöhnt, auch in Frankfurt kampiert das ganze Team immer im Haus der Eltern eines Freundes.

Und, wie war sie nun, die erste Nacht? "Nun Nacht, das war wohl nur ein Schlaf-Fenster zwischen zwei und vier Uhr. Die Straßenbahn, wissen Sie", sagt Langhans. Die Galerie liegt an der Ecke Demmeringstraße/Odermannstraße. Von rechts kommt die gelb-blaue Straßenbahn Nummer 7, von links die 8 und die 15. Alle paar Minuten beben die Schlafsäcke. In den Leipziger Westen rumpeln diese alten Straßenbahnen mit den Glupschaugen, die, bei denen man drei Stufen in den Wagen raufklettern muss.

Und Langhans predigt immer noch. Einspruch lässt er nicht gelten, dann ruft er laut: "Überleg’ doch mal!" Leider packen ihn die Leute zu gerne in Schubladen, beschwert er sich. "Es gibt so viel mehr als Drogen und Sex. Aber das wollen die Leute immer von mir hören: Sex und lustig. Dass man sich verändert, ist nicht erlaubt. Will ich mal über Spiritualität reden, dann werd’ ich als Trottel hingestellt."

Leipziger Größenwahn "L.E"

Wenn er sich so ereifert, erinnert er ein wenig an die Stadt Leipzig: Auch die fordert immer mehr Aufmerksamkeit ein, als sie haben kann; man denke an die Olympia-Bewerbung oder den 570 Millionen teuren City-Tunnel, der die gesamte Innenstadt unterquert. Und die Ansagen in der Straßenbahn sind im Zentrum natürlich dreisprachig: "Next Stop: main station. Prochain arrêt: gare central." Nicht umsonst nennen die Leipziger die Stadt in ihrem liebevollen Größenwahn "L.E.". Aber Langhans bleibt – wie Leipzig - trotz aller Bockigkeit und seinem Hang zur Besserwisserei sympathisch. Immerhin macht sich der Mann Gedanken.

Am Sonntag wird Langhans zurück in seine Ein-Zimmer-Wohnung nach München-Schwabing fahren. Nicht ohne es in der Nacht zuvor in der Kommune noch mal richtig krachen zu lassen: Lesung mit dem weißen Guru persönlich, dazu DJs, Bar und Super-8-Filme. Es muss sich aber keiner nackt an die Wand stellen. Die Zeiten sind vorbei.

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