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Der Kopf hinter Deutschlands bekanntester Twitter-Oma

Sie liebt Korn. Er mag ihn gar nicht. Sie postet Rollatoren, er läuft Marathon. Torsten Rohde teilt mit Renate Bergmann nichts - außer das Frühaufstehen. Und ein Gehirn. Denn er hat sie erfunden.

Von Katharina Kütemeyer

  Auf schrullige Tweets von älteren Damen scheint die Twitter-Gemeinde gewartet zu haben

Auf schrullige Tweets von älteren Damen scheint die Twitter-Gemeinde gewartet zu haben

Sie hat vier Männer unter die Erde gebracht, schwört auf Nordhäuser Korn und liest gerne fremder Leute Postkarten: Renate Bergmann ist 82 Jahre alt und macht ihre Vorlieben und Sorgen im Internet publik. Alles. Ausnahmslos. Und ausschließlich.

Denn Renate Bergmann existiert nicht. Und doch lesen Zehntausende, was die alte Dame erlebt, denkt und zu beschimpfen hat - von der leidigen Ossiporose, Schwierigkeiten mit Händi und Fäßbuck oder die schludrige Nachbarin. Zehntausende haben sich in die schrullige Dame mit dem schütteren Haar und Hang zu Buttercreme verguckt. Wohl wissend, dass sie ein fiktiver Charakter ist. Und seit Sonntag auch im vollen Bewusstsein, dass die nette Omi ein 39-jähriger Mann ist: Torsten Rohde.

  Torsten Rohde ist das Gehirn hinter Renate

Torsten Rohde ist das Gehirn hinter Renate

Ein Controller. Einer, der mit Zahlen sein Geld verdient und höchstens mal einen Leserbrief oder private Reiseberichte schreibt. Der sich einst "aus Vernunftgründen für die kaufmännische Richtung" entschieden hat. Und eines Tages unterm Tannenbaum die bekannteste Internet-Oma Deutschlands erschafft.

Weihnachten 2012. Wie jedes Jahr trifft sich die Großfamilie zu Völlerei und Geschenketausch, wie jedes Jahr beherrschen vor allem Oma, Tante, Mutter und Schwester das kommunikative Miteinander. Und plötzlich ist alles anders. "Das war so viel geballte Weiblichkeit, das war nicht auszuhalten", sagt Rohde. Er beginnt, sich mit einem Freund über Whatsapp auszutauschen: Über das ewig Gleiche an den Feiertagen, die zu oft gehörten Familienanekdoten, Zoten und Sprüche. Über die Eintönigkeit und gleichzeitige Faszination der alten Geschichten - schließlich kennt sie in Varianten (fast) jeder. "Weißt du noch, wie Opa der Sahnesyphon in der Hand explodiert ist…?" "Und wie Oma damals mit dem Campingstuhl zusammenbrach…?"

Twittern ohne Drehbuch

Am 16. Januar 2013 twittert Renate Bergmann zum ersten Mal:

Über Nacht gewinnt der Account hunderte Follower, wenige Tage später sind es Tausend, heute über 21.000. "Es kann sich wohl jeder ein bisschen mit dieser Oma identifizieren, die man trotz ihrer Schrullen und Eigenheiten eben lieb hat", versucht Rohde den Erfolg zu erklären, den er selbst nicht erwartet hat. "Es war ja nur eine Laune. Ich hatte mir nichts überlegt, habe auf Twitter einfach angefangen, aufzuschreiben, was ich von meinen Urgroßeltern, Oma, Opa, Eltern ständig hörte."

Das kommt gut an - fordert den 39-Jährigen aber auch. Denn seine Gefolgschaft liest sehr genau: "Das war doch gestern Ilse, wieso ist es jetzt Gertrud?", heißt am Anfang nicht selten und Rohde muss sich erstmalig Gedanken um die Begleitfiguren der rüstigen Renate machen. Denn ein Konzept oder gar Drehbuch hat er nicht. "Ich hatte spontan irgendwelche Namen erfunden und musste mir nun überlegen, wer diese Personen überhaupt sind."

Bohnerwachs und Jurogrongprie

Gertrud wird zur besten Freundin und bekommt Hund Norbert an die Seite, das Ehepaar Ilse und Kurt wohnt um die Ecke und sorgt für aufregende Abenteuer mit dem Auto. Die esoterisch veranlagte Tochter Kirsten verabscheut Handy-Strahlung und hypnotisiert Tiere mit mäßigen Erfolg, wohingegen sich Frau Dr. Bürgel zusammen mit Schwester Hilburg um Blutdruck und Zucker von Renate Bergmann kümmert. Großneffe Stefan wiederum hat die Tante mittels Smartphone überhaupt in die digitale Welt eingeführt.

Und je web-affiner die Rentnerin aus Spandau wird, desto mehr entwickelt sie neben den Anekdotenerzählungen auch eine eigene Sprache: "Wissen Se", "nich?" und "Ach, entschuldigen Sie" gehören ebenso zu ihren Markenzeichen wie die eingedeutschten Anglizismen. "Da wird der Burnout mit ö geschrieben und der ESC zum Jurogrongprie. So, wie es ältere Menschen mit wenigen Sprachkenntnissen aussprechen", sagt Rohde.

So, wie es die User lieben: Renate Bergmann erobert das soziale Netz im Sturm, erst Twitter, dann Facebook und immer stärker auch das Leben von Torsten Rohde. Wenn er aufsteht, kommt zuallererst sie zu Wort: "Ich mache das spontan, und wenn mir nichts Besseres einfällt, wird eben das Treppenhaus geputzt oder sie geht zum Friseur. Was Seniorinnen eben so machen."

Verräterischer Urlaub

Hauptsache, er postet überhaupt etwas. Denn kaum ist er später dran, melden sich gleich besorgte User. "Da hatte ich schon am Anfang ein großes Problem: Ich wollte Urlaub machen, wusste aber nicht, ob ich dort Internetzugang haben würde." Kurzerhand schickte er die Twitter-Oma ins Sauerland zu ihrer Tochter Kirsten, die für ihre Anti-Handy-Haltung bekannt ist. Selbst eine Kreuzfahrt war für die vierfache Witwe schon drin. "Sie muss halt immer zeitgleich mit mir in den Urlaub", sagt Rohde und lacht.

Dabei hat ihn genau dieser Umstand als Renate Bergmann verraten. Zumindest jenen, die ihm im digitalen Leben folgen: "Wenn wir beide parallel posten beziehungsweise nicht posten, fällt es irgendwann auf." Und so wusste neben der zu Beginn schon eingeweihten Familie auch schnell der eine oder andere User, wer der Kopf hinter der bekannten Rentnerin ist.

Und nun wissen es bald alle. Auch jene, die sich nicht im Netz bewegen. Denn Renate Bergmann hat ein Buch geschrieben. Also eigentlich ja Torsten Rohde. Er, der sein Geld noch immer mit Zahlen verdient, aber mit seiner Twitter-Omi die Aufmerksamkeit einer Literaturagentur geweckt hatte.

"Ich hatte ja schon öfter überlegt, die alten Familiengeschichten aufzuschreiben - als Geschenk für meine Eltern." Seine Mutter hatte sich sogar bei Facebook angemeldet, nur um die Geschichten der fiktiven und doch so vertrauten Oma lesen zu können. Und sie wird angemeldet bleiben. Denn Renate Bergmann führt ihr Leben weiter. Ungeachtet dessen, dass sie nun als Mann geoutet wurde. "Ich will das gar nicht wissen", schreibt ein User, "Sie bleiben meine Oma."

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