Sein Philosophie-Buch "Wer bin ich und wenn ja, wie viele?" steht an der Spitze der Bestsellerlisten. Klar, dass so jemand sofort als "Zeitgeistphilosoph" abgestempelt wird. Aber Richard David Precht möchte die breite Masse erreichen. Ein Gespräch über Natur und Geist, den lausigen Stil von Hegel und die Sanierung von Gedankengebäuden.

Richard David Precht - sein Buch "Wer bin ich und wenn ja, wie viele?" verkaufte sich fast 300.000 Mal© Sebastian Willnow/DDP
Das Interesse an dem Buch ist langsam gewachsen - und das hat natürlich auch mit der medialen Aufmerksamkeit zu tun. Richtig aufwärts ging es, nachdem das Buch in Elke Heidenreichs Sendung "Lesen!" positiv erwähnt wurde.
...was nicht unbedingt ein Vorteil ist. Bloß weil ich nicht so aussehe, wie man sich einen Philosophen vorstellt, heißt es dann schnell "Zeitgeistphilosoph". Aber das sind alles Bilder und Begriffe, die einem vom Medienbetrieb übergestülpt werden. Ich sage nicht, dass es falsch ist, zu Kerner zu gehen. Nur wird dir dadurch klar, dass dir da jemand etwas überstülpt und damit Bilder produziert. Die einen sagen dann: "Der ist ja schlau". Und die anderen: "Was für'n Lackaffe. Der hat doch noch nicht mal habilitiert!" Aber ich selber habe nie behauptet, dass ich Deutschlands größter Philosoph bin. Diese ganze Maschinerie macht das mit dir.
Eine Zeitlang hatten wir Roger Willemsen als Experten für alle geisteswissenschaftlich-philosophischen Fragen. Oder Sloterdijk und Safranski. Alles keine reinen Hochschulgewächse. Ich will damit nicht sagen, dass ich jetzt der junge Sloterdijk sei. Sondern, dass das, was neben der Uni passiert, mehr wahrgenommen wird. Und ich finde es wichtig, dass auch philosophische Fragen auf einer breiteren Bühne diskutiert werden.
Ich würde sagen, es ist eine Orientierungshilfe im Dickicht der Wissenschaften, die sich heute um den Menschen kümmern. Der Versuch, eine Standortbeschreibung zu machen. Was wissen wir? Wo stehen wir? Und das große Thema, das sich unterschwellig durchzieht, ist immer die Frage: Emotion oder Verstand? Das ist eine philosophische Frage und eine Frage, mit der sich auch viele Hirnforscher beschäftigen. Die Philosophen haben seit Kant den Menschen traditionell über die Vernunft definiert. Die Hirnforscher definieren ihn über Gefühle. Damit sind sie zur Herausforderung geworden und haben in gewisser Weise die Deutungshoheit an sich gerissen. Mein Buch versucht, dazwischen die Balance zu halten. Frei nach Kant: Philosophie ohne Naturwissenschaften ist leer. Und Naturwissenschaften ohne Philosophie sind blind.
Ich hoffe, dass sie in 20 Jahren häufiger anzutreffen sein wird. Man kann zwar die Grundlagenforschung abtrennen. Aber in dem Moment, wo man Schlussfolgerungen über den Menschen zieht, müssen Natur- und Geisteswissenschaften zusammenkommen. Die heutige Evolutionsbiologie sagt: Wir können alles Verhalten erklären. Und versucht zum Beispiel Unterschiede von Mann und Frau biologisch zu erklären. Damit muss man sich auseinandersetzen. Die meisten Philosophen lehnen es ab, sich überhaupt damit zu beschäftigen. Das wird sofort als "Naturalismus" abgestempelt. Naturwissenschaftler sagen umgekehrt: Philosophen haben sich 2000 Jahre Gedanken gemacht und es ist nichts dabei herausgekommen. Wir fangen jetzt an und beweisen Sachen objektiv. Die Wahrheit liegt natürlich in der Mitte. Aber es gibt Bewegung. Die Philosophen nehmen die Dinge stärker auf, weil sie sich bedroht fühlen.
Und ich finde, auch zu Recht. Die Philosophie ist zu drei Vierteln Altbausanierung im Bereich des Geistes. Ein Viertel beschäftigt sich mit Gegenwartsfragen, wenn überhaupt. Ich würde dieses Verhältnis gern umdrehen. Ich halte die Altbausanierung durchaus für wichtig. Wir müssen philosophischen Denkmalschutz betreiben. Wir brauchen Leute, die ganz genau wissen, was bei Kant steht und in welchem Kontext. Sonst verlieren wir die Grundlage. Aber wir können nicht den Schwerpunkt des Faches rückwärts wenden. Und ich verstehe sehr gut jeden Minister, der sagt: Warum bezahlen wir eigentlich so viele Leute, die sich nur mit der Vergangenheit beschäftigen? Wir haben doch Riesenprobleme: Was machen die neuen Medien mit uns? Die gentechnischen Herausforderungen? Da gibt es gewaltige Veränderungen. Auch Terrorismus, Datenschutz und so weiter. Das sind alles philosophische Fragen.
Ja. Ich kann über all diese Themen Fachaufsätze schreiben und habe das auch getan. Aber schon bei den alten Griechen gab es den Gedanken, dass Philosophie ein Teil des Alltags, ein Teil der Politik sein muss. Die Demokratie wurde ja von Philosophen erfunden. Und in der Zeit der Aufklärung - von Rousseau bis Hegel - hat die Philosophie in der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft eine große Rolle gespielt. Sie hat eine Legitimationsgrundlage für das Bürgertum geschaffen gegenüber dem Adel. Und Ideen wie Gewaltenteilung und Rechtsstaat befördert. Aber wichtig war auch die Volksbildung. Man muss diese Gedanken aufgreifen und unter die Leute tragen als Philosoph. Und darum ist es völlig klar: Wenn ich ein populäres Sachbuch schreibe, kann ich etwas bewirken. Wenn 250.000 Leute das lesen und sich damit beschäftigen - das ist doch wunderbar. Das Problem in Deutschland ist dieses: Naturwissenschaften darf man popularisieren. Wenn bedeutende Hirnforscher wie Gerhard Roth und Wolf Singer, die beide auch eine Menge Ahnung von Philosophie haben, Bücher über das "Ich" und den "Willen" schreiben, dann haben die große Auflagen - trotzdem werden sie in der Fachwelt genauso anerkannt wie vorher, wenn nicht noch mehr. Macht man das als Geisteswissenschaftler, hat man verspielt. Schwanitz ist so ein Beispiel. Der Vorwurf: Das ist doch alles vergröbert und vereinfacht. Vergröbert und vereinfacht ist auch, was die Hirnforscher in ihren populärwissenschaftlichen Büchern schreiben. Ohne dass die Kollegen ihnen das vorwerfen.
Der Bestseller Richard David Precht, "Wer bin ich und wenn ja, wie viele?". 398 Seiten broschiert, 14,95 Euro. Goldmann Verlag 2008
Zur Person Richard David Precht, Philosoph, Publizist und Autor, wurde 1964 in Solingen geboren. Er promovierte 1994 an der Universität Köln und arbeitet seitdem für nahezu alle großen deutschen Zeitungen und Sendeanstalten. Precht war Fellow bei der Chicago Tribune. Im Jahr 2000 wurde er mit dem Publizistikpreis für Biomedizin ausgezeichnet. Er schrieb zwei Romane und drei Sachbücher und lebt abwechselnd in Köln und Luxemburg.