Remake-Boom
Von „Harry Potter“ bis „Miami Vice“: Was Klassiker für ein Comeback brauchen

Schauspieler Dominic McLaughlin in seinem Harry Potter-Kostüm
Jede Staffel der kommenden „Harry Potter“-Serie soll eines der Bücher von J.K. Rowling adaptieren. An den Start gehen soll die Neuauflage Ende des Jahres
© Aidan Monaghan / Picture Alliance

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Ob „Ghostbusters“ oder “Harry Potter“: Remakes von erfolgreichen Filmen und Serien reißen nicht ab. Wie der Sprung zwischen Erinnerung und Neuerfindung gelingen kann. 

„Der Teufel trägt Prada“ hat nach 20 Jahren endlich einen zweiten Teil bekommen. Miley Cyrus kehrt als „Hannah Montana“ auf den Bildschirm zurück. „A Knight of the Seven Kindoms“ erzählt, was 100 Jahre vor „Game of Thrones“ geschah, und Ende des Jahres soll bei HBO die „Harry Potter“-Serie starten. Neuauflagen von erfolgreichen Filmen und Serien boomen. Kein Wunder, lässt sich doch mit der nostalgischen Sehnsucht der Zuschauer viel Geld verdienen. Eine Garantie für den Erfolg gibt es trotzdem nicht. Im Gegenteil: Nicht jedes Comeback gelingt. Es reicht eben nicht aus, alte Inhalte und Personen einfach nur neu aufzulegen. 

Comebacks benötigen eine Weiterentwicklung

„Eine Weiterentwicklung macht das Ganze überhaupt erst interessant“, betont Andreas Rauscher, Professor für Medientheorie und Mediengeschichte an der Hochschule Kaiserslautern, im Gespräch mit dem stern. Gleichzeitig müssen Filme und Serien in ihrer Neuauflage genügend vertraute Elemente liefern, eben jenen emotionalen Komfort, der mit Nostalgie einhergeht. Für Produzenten ist das zuweilen ein schmaler Grat. Und benötigt eine Entscheidung für eine bestimmte Zielgruppe. Bei einem Reboot etwa wird die ursprüngliche Geschichte noch einmal erzählt, meist aber mit neuen Darstellern. Die Idee dahinter: „Dass es für eine neue Generation funktionieren soll, die das Original nicht kennt“, erklärt Andreas Rauscher. Nostalgische Anspielungen werden hier nur am Rande untergebracht. 

Der „Ghostbusters“-Cast rund um Kate McKinnon, Melissa McCarthy, Kristen Wiig and Leslie Jones auf dem roten Teppich
Der „Ghostbusters“-Cast aus dem Remake von 2016: Kate McKinnon, Melissa McCarthy, Kristen Wiig and Leslie Jones (von links) mit Regisseur Paul Feig
© Chris Pizzello / Picture Alliance

Dass damit ein gewisses Risiko einhergeht, zeigte eine Neuauflage des Klassikers „Ghostbusters“ aus dem Jahr 2016, bei der die Hauptrollen mit weiblichen Stars besetzt waren. „Das wurde teilweise sehr aggressiv abgelehnt“, erinnert sich der Medienwissenschaftler. Ganz anders fielen die Reaktionen bei der „Ghostbusters“-Neuauflage aus, die 2021 erschien. Es handelte sich dabei um ein sogenanntes Legacy-Sequel: Der Fokus liegt hier zwar auf einer neuen Generation, die Helden aus dem Original kehren aber in Nebenrollen zurück. Legacy-Sequels sind ein Kompromiss, der beide Zuschauergenerationen abholen soll: die älteren Fans, die sich nach Nostalgie sehnen, und jüngere Generationen, die zum ersten Mal mit der Geschichte in Kontakt kommen. 

Rocky rennt noch einmal die Stufen hoch

Als Paradebeispiel dafür gilt auch die Filmreihe „Creed – Rocky’s Legacy“, in der Sylvester Stallone als gealterter Boxer Rocky eine Nebenrolle einnimmt – als Trainer eines afroamerikanischen Nachwuchsboxers. Damit wird einerseits ein neues Publikum angesprochen, für die eingeschworenen Fans wurde zugleich viel Vertrautes eingestreut. Immer wieder gibt es Verweise auf die alten Rocky-Filme, etwa wenn „Eye of the Tiger“ angespielt wird oder als Rocky und sein Schützling die ikonischen Stufen zum Museum von Philadelphia hochlaufen. „Ein schönes Beispiel, wie man auf geschickte Weise verschiedene Zuschauergruppen miteinander kombiniert“, sagt Andreas Rauscher. 

Für die Zuschauer sind fiktive Figuren oftmals mehr als nur eine schöne Erinnerung. Nicht selten fühlen sich Fans ihren Helden freundschaftlich verbunden. In der Forschung bezeichnet man diese einseitige, als persönlich empfundene Nähe als parasoziale Beziehung. Je länger man die jeweiligen Charaktere begleitet hat – sprich: je mehr Filme oder Staffeln es gibt –, desto stärker die Bindung. Ähnlich wie in realen Freundschaften ist es in der parasozialen Beziehung elementar, dass sich die Bezugsperson mit der Zeit weiterentwickelt. 

Wie das gelingen kann, zeigt das Spin-off zu „Sex and the City“. In „And Just Like That“ ist die Originalbesetzung um Sarah Jessica Parker zurückgekehrt und behandelt die vertrauten Themen um Mode und Sexualität. Allerdings sind die Protagonistinnen inzwischen einige Jahre älter, was nicht ausgeklammert, sondern thematisch in die Serie aufgenommen wird. Die Figuren sind parallel mit den Fans gealtert. Laut Andreas Rauscher ein wirksamer Kniff, der das Comeback authentischer macht. 

Cynthia Nixon, Kristin Davis, Sarah Jessica Parker sitzen an einem Tisch und unterhalten sich
Cynthia Nixon, Kristin Davis, Sarah Jessica Parker beim Dreh von „And Just Like That“. Das Älterwerden ist ein zentrales Thema des „Sex and the City“-Spin-offs
© RW / Picture Alliance

Was mit der Figur in der Neuauflage passiert, kann aber auch damit zusammenhängen, was die Schauspieler in der Zwischenzeit hinter den Kulissen gemacht haben. „Das kann dazu führen, dass Rollen anders gewichtet sind oder dass sie Elemente aus dem Image des Darstellers aufnehmen“, erklärt der Experte und fügt hinzu: „Oder, dass sie die Bedingungen diktieren können.“ So konnte etwa Daniel Craig durchsetzen, dass im letzten „James Bond“-Film das bis dato Undenkbare geschah und der Held sterben musste. 

Darsteller der „Harry Potter“-Serie wird bedroht

Neben den Figuren muss sich aber auch die Handlung verändern. Inhalte aus vergangenen Jahrzehnten passen, weil sie zu rassistisch oder sexistisch sind, oft nicht mehr in die heutige Zeit. Als Beispiel erwähnt Andreas Rauscher noch einmal das „Ghostbusters“-Universum und den schwarzen Schauspieler Ernie Hudson, der von Beginn an Teil der Reihe war. „Beim ersten Film in den 80er-Jahren war er aber nicht einmal auf dem Plakat zu sehen“, erinnert sich der Medienwissenschaftler. Im Laufe der Zeit wurde seine Rolle von einem Sidekick zu einer zentralen Figur ausgebaut. Mit solchen Anpassungen schaffen es Filme und Serien, Relevanz in der Gegenwart zu erlangen. Manche Fans jedoch scheinen solche filmische Modernisierungen nur schwer zu ertragen.  

Paapa Essiedu posiert auf dem roten Teppich vor der Kamera
Paapa Essiedu übernimmt in der „Harry Potter“-Serie die Rolle des ikonischen Zaubertranklehrers Severus Snape – und wird dafür angefeindet
© Vianney Le Caer / Picture Alliance

In der neuen „Harry Potter“-Serie wird die Rolle des Severus Snape von Paapa Essiedu gespielt, einem Darsteller mit ghanaischen Wurzeln. Die Figur hat also in der Neuauflage eine andere Hautfarbe als im Original. Damit haben so einige Zuschauer offenbar ein Problem. Denn der Darsteller berichtet immer wieder von Morddrohungen und rassistischen Hassbotschaften. „Das ist eine Schattenseite. Manche Fans zeigen ein ziemlich toxisches, reaktionäres Verhalten“, sagt Andreas Rauscher. Zuschauer, die keinerlei Veränderungen aushalten wollen, sollten vielleicht beim Original bleiben und einfach die alten Filme und Serien wieder anschauen.

„House of the Dragon“ erzählt die Geschichte von Haus Targaryen, rund 200 Jahre vor „Game of Thrones“. Im Sommer erscheint die dritte Staffel
„House of the Dragon“ erzählt die Geschichte von Haus Targaryen, rund 200 Jahre vor „Game of Thrones“. Im Sommer erscheint die dritte Staffel
© Uncredited / Picture Alliance

Für die Mehrheit der Zuschauer seien Weiterentwicklungen aber das, was Neuauflagen überhaupt interessant macht. „Das kann auch dazu führen, dass Leute, die sich eigentlich schon desinteressiert von der Serie oder dem Film abgewendet hatten, wieder zurückkehren“, betont der Medienwissenschaftler. Besonders gut funktioniert das, wenn der Film oder die Serie in einem Story-Universum angesiedelt ist, in dem verschiedene Erzählungen möglich sind und Handlungsstränge mühelos auf andere Figuren verlagert werden können, beispielsweise in Spin-offs wie „House of the Dragon“ oder „A Knight of the Seven Kingdoms“. Beide HBO-Serien spielen in der „Game of Thrones“-Welt, greifen aber andere Geschichten mit neuen Figuren auf. 

Schwieriger wird es, wenn das Original eindeutig an ein bestimmtes Jahrzehnt gekoppelt ist. Die Erfolgsserie „Miami Vice“ etwa sei laut Rauscher so eng mit der Mode und der Musik der 1980er-Jahre verknüpft, dass die filmische Neuauflage aus dem Jahr 2006 nicht den erwünschten Erfolg brachte. „Die Serie ist so prägend für das Bild von Miami in den 80ern, dass sie sich kaum in die Gegenwart übertragen lässt“, erklärt der Medienwissenschaftler. Trotzdem soll es einen weiteren Versuch geben. Das nächste Kino-Comeback von „Miami Vice“ ist für den Sommer 2027 geplant. 

Wenn Nostalgie peinlich wird

Ebenfalls schwierig, manchmal sogar peinlich, wird es, wenn die Originalgeschichte vollständig abgeschlossen ist und dennoch versucht wird, sie weiterzuerzählen. Fast jeder kennt mindestens eine Serie – von „Dallas“ über „Prison Break“ bis hin zur Netflix-Produktion „You“ – deren Handlungen von Staffel zu Staffel absurder werden. Auch bei Neuauflagen sind solch erzählerische Fehltritte keine Seltenheit.

 „Wenn es in dem Raum weitergeht, in dem schon alles gesagt ist, wirkt das teilweise unfreiwillig komisch“, erklärt Andreas Rauscher und nennt als Beispiel die Fortsetzungen des Klassikers „Der weiße Hai“, bei denen jeweils ein neuer Hai eingeführt wurde, „bis man irgendwann bei dem Blödsinn gelandet ist, dass die Haie ein Gedächtnis haben und gezielt Jagd auf die Verwandten des Sheriffs aus dem Originalfilm machen“. 

Star Trek wurde den 1960er-Jahren immer wieder neu aufgelegt. In der 2020 erschienen Forstetzung zeigt Sir Patrick Stewart, wie er seine Kult-Rolle als Jean-Luc Picard wieder aufleben lässt
Star Trek wurde den 1960er-Jahren immer wieder neu aufgelegt. In der 2020 erschienen Forstetzung zeigt Sir Patrick Stewart, wie er seine Kult-Rolle als Jean-Luc Picard wieder aufleben lässt
© Photoshot / Picture Alliance

Erfolgsversprechender sind Prequels und Sequels, die einen neuen erzählerischen Strang aufnehmen. „Star Trek: The Next Generation“ spielt 100 Jahre nach der Original-Handlung. Die Filmreihe „Fantastic Beasts and Where to Find Them“ erzählt die Vorgeschichte zu „Harry Potter“, mehrere Jahrzehnte bevor der Zauberer auf der Bildfläche erscheint. 

Zu früh für ein Comeback?

Der zeitliche Abstand spielt aber nicht nur in den fiktiven Welten, sondern auch in der Realität eine Rolle. Für ein gelungenes Comeback ist es entscheidend, dass ausreichend Zeit vergeht. Erscheint die Neuauflage unmittelbar nach dem Original, sei man schnell „in dem Bereich der berüchtigten Sequels, wo nur noch Nebendarsteller aus der fünften Reihe des Originals dabei sind“, erläutert Andreas Rauscher. Ein besonders kurioses Beispiel dafür sind die Seifenopern der 80er-Jahre wie „Denver Clan“. „Die liefen so lange, dass man fast alle Originalstars irgendwann durch Cousins, Halbschwestern und Schwippschwager fünften Grades ersetzt hat“, erinnert sich der Experte. 

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Auch im Falle der „Harry Potter“-Serie könnte es nach Ansicht des Medienwissenschaftlers noch zu früh für ein vollständiges Remake der Filme sein. „Man hätte meiner Meinung nach genügend Stoff in dem Universum, um mit einem neuen Cast andere Geschichten zu erzählen, ohne dass man die Filme neu aufrollt.“ Ob die HBO-Serie, die Ende des Jahres erscheint, trotzdem Anklang bei den Fans findet, wird sich zeigen.

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