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27. August 2010, 09:09 Uhr

Melancholie statt musikalischer Mittelfinger

Die Geburt ihrer Kinder hat die Helden gewandelt: Einst als freche Intelligenzia der Neuen Deutschen Welle gefeiert, philosophieren die vier Musiker auf ihrer neuen Platte "Bring mich nach Hause" über ihre Rolle als Eltern, über Verantwortung und die Notwendigkeit, auch einmal loslassen zu können.

"Vielleicht ist das Loslassen von Ängsten und Selbstzweifeln als aktive Handlung ein Irrweg." Judith Holofernes beschäftigte sich lange mit Meditationspraxis und Philosophie, was Erleichterung und Ruhe mit sich brachte, wie sie erzählt. Aber dann wurden die einzelnen Mitglieder von Wir sind Helden Eltern. In den vergangenen drei Jahren, vor und nach ihrem vorletzten Album, "Soundso" sogar mehrfach.

Jetzt steht das Musikerkollektiv aus Berlin vor einer entscheidenden Frage: Wie kann man diejenigen loslassen, denen man gleichzeitig Verantwortung gegenüber fühlt? "Alles", die erste Single des neuen Wir Sind Helden-Albums, "Bring mich nach Hause" (Columbia/Sony), liefert keine allgemein gültige Antwort, kein Patentrezept, aber eine tröstende Erkenntnis. Die Erlösung, das Entlassen werden ins Ganze, sich gleichzeitig als alles und nichts zu fühlen, wirft ein befreiendes Licht aufs Ego und ist letztlich erstrebenswerter, als der krampfhafte Versuch loszulassen.

"Vielleicht kommt ja der entscheidende Hammer irgendwann von Außen, oder von oben, der bestimmt: Jetzt ist Schluss mit dem Gezappel um Liebe und Verlustängste, Hoffnungen und Scheitern, Nähe und Distanz", erklärt die Frontfrau der Helden ihre Gedanken weiter. Wer jetzt denkt, dass Wir sind Helden, die nach der Veröffentlichung ihres ersten Albums, "Die Reklamation" als legitime Erben der Intelligenzia der Neuen Deutschen Welle gefeiert wurden, eine Soulplatte aufgenommen haben, liegt nicht völlig daneben. "Bring mich nach Hause" ist die Formvollendung des bisherigen musikalischen Schaffens der Band, die Helden-Platte, die umarmt. Und sie ist der mitfühlende Gegenentwurf zu "Soundso", das vor allem musikalischen Humor und das Tanzen mit zwei ausgestreckten Mittelfingern heraufbeschwor.

Das Bild der Band hat sich verändert. War vor allem das erste Album noch frankophil geprägt, sind die vier Musiker inzwischen am Zuckerhut in Rio, in den Sümpfen Louisianas und in der staubigen Hitze von Nashville angekommen. Zusätzlich senden sie Beat gewordene Urlaubsgrüße aus dem Balkan mit Banjo, Akkordeon und exotischen Percussion-Instrumenten wie Quikas. Die Ohnmacht früherer Helden-Songs ist einem Ja zum Leben gewichen. "Alles auf Anfang" stolziert als Cajun-Song daher, "Was uns beiden gehört" ist rumänische Samba, bunt, sonnig, verwegen. "Bring mich nach Hause" ist das "Viva La Vida" der Helden - pure musikalische Freude, die die existenzialistischen, fiesen Fragen in Holofernes Texten aufhebt.

"Ich bin musikalisch wahnsinnig glücklich mit der Platte", sagt sie. "Das ist Musik, wie ich sie schon immer gehört habe. Ich gebe gerne zu, dass ich großer Fan von Dolly Parton bin, die für mich ganz klar eine Soul-Sängerin ist. Sie ist einer der vielen Einflüsse, die unsere neue Platte prägten, auch wenn man beim ersten Hören nicht genau entdecken kann, was wir in den letzten Jahren gehört haben."

"Keine Lust zu erklären, wie geil wir als Band drauf sind"

Zur Freude über das in Gemeinschaftsarbeit mit dem englischen Produzenten Ian Davenport entstandene Album und die kommende Tour gesellt sich aber auch vorsichtiges Unbehagen vor der der Öffentlichkeitsarbeit. Zumindest bei Holofernes. "Es ist gar nicht so leicht, mit dem Ufo Wir Sind Helden in einer allgemeinen Realität zu landen, die sich seit dem letzten Album total verändert hat. Dazu kommt noch, dass ich in der Pause feststellte, wie wenig ich mich zum Adrenalin-Junkie eigne, was eigentlich der Grundstoff fürs Streben nach Ruhm und Ehre ist. Ich habe keine Lust darauf, morgens um sieben im Format-Radio aufzutauchen, um müden Zuhörern zu erklären, wie geil wir als Band drauf sind".

Das Navigieren zwischen ihrem Seelenheil und den Marktforderungen an eine erfolgreiche Band empfindet Holofernes trotz jahrelanger Erfahrung immer noch als persönliche Herausforderung. Eigentlich sei sie froh, dass die gesellschaftskritischen Texte, als Helden-Markenzeichen und Reaktionen auf die Zwiespältigkeiten zwischen Selbstverständnis und öffentlicher Wahrnehmung fast komplett vom Album geflogen wären.

Weggeworfen wurden sie natürlich nicht. "Die Wespe", B-Seite der ersten Single des neuen Albums, ist Holofernes direkter Kommentar auf die Bundestagswahl. "Wir haben einen Außenminister Westerwelle!", sagt sie und lässt eine lange Pause folgen. Sie erzählt vom ersten Moment des Schreibprozesses für die neue Platte, in dem sie das Gefühl beschlich, eigentlich auf den Dreien davor genügend ihrer Weltanschauungen in Worte gefasst zu haben.

"Dinge, die mich politisch an den Schreibtisch trieben, sind leider immer noch die gleichen. Ich will mich nicht wiederholen, obwohl es natürlich nach wie vor absolut notwendig ist, Stellung zu beziehen und seine Meinung kundzutun. Wir sind als Band auch nicht weniger aufmerksam, was die Geschehnisse um uns herum angehen." Ich Mitteilungsdrang hat sich trotzdem verschoben. Die Songs sind nicht mehr zugekleistert mit epischen Texten, sondern lassen der Liebe der Helden zur Musik mehr Platz. Und mit der lässt sich bekanntlich auch eine Menge bewegen und finden. Vielleicht sogar der Weg zum Loslassen.

Tourdaten:

17.10 Amsterdam (Paradiso), 18.10 Luxemburg (Den Atelier), 19.10. Hamburg (Große Freiheit 36) 21.10. Mainz (Phönix-Halle), 22.10. Stuttgart (Liederhalle-Beethovensaal), 24.10. München (Circus Krone), 25.10. Erlangen (Heinrich-Lades-Halle), 26.10. Berlin (C-Halle), 28.10. Bielefeld (Ringlokschuppen), 29.10. Leipzig (Haus Auensee), 31.10./01.11. Köln (E-Werk), 02.11. Dortmund (Westfalenhalle 2), 11.11. Wien (Arena), 13.11. Linz (Posthof), 14.11. Graz (Orpheum), 16.11. Zürich (Kaufleuten), 17.11. Bern (Bierhübeli).

Michael Loesl, APN
 
 
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