Rocker und Rapper vereint: Udo Lindenberg und Jan Delay im exklusiven Gespräch über ihre Freundschaft, Nervenzusammenbrüche und die Teamarbeit auf der neuen Udo-Lindenberg-CD "Stark wie Zwei". Von Hannes Ross und Oliver Fuchs

Pokerface beim stern-Shooting im Hotel Atlantic: Udo Lindenberg und Jan Delay. Im Hintergrund der Lindenberg-Bodyguard Kante© Timmo Schreiber
Udo Lindenberg: Der nasale Sound.
Jan und ich, wir haben die zugestopftesten
Nasen der Republik. Bei mir wollte ja
mal ein Doktor an die Nebenhöhlen ran,
da hab ich gesagt, nee, bloß nichts machen.
Mein Sound ist doch Gold wert. Genau wie
Jans Stimme. Naturbelassen und zeitlos.
Jan Delay: Udo ist für mich der größte
lebende deutsche Poet. Er war der Grund,
warum ich angefangen habe zu singen.
Lindenberg: ... das sind alles meine Soul- Brüder und Soul-Schwestern, vom Clan der Lindianer. Die haben gesagt, hey Udo, wann gibt's endlich was Neues, gib uns neuen Stoff, wir werden ganz zappelig ohne neue Linden-Songs.

"Wegen Udo habe ich angefangen zu singen", sagt Jan Delay. Er war schon als Sechsjähriger dem Wortwitz des Deutschrockers verfallen© Timmo Schreiber
Lindenberg: Überhaupt nicht. Aber als Gesamtjongleur hatte ich noch andere Sachen laufen: meine Malerei zum Beispiel, meine Revue mit Immigrantensongs aus den 20er und 30er Jahren und Rockfestivals gegen Rechtsradikalismus. Auf meinem neuen Album geht der Blick wieder mehr nach innen. Mit der Taschenlampe tief in die Seele. Es geht um Freundschaft, Liebe, Verlust. Aber logisch, es gibt auch ordentlich Straßenaction, locker wie ein Rocker.
Lindenberg: Noch als wir im Studio waren, ging die frohe Kunde rum wie ein Lauffeuerchen. Mir war klar, wer darauf nicht anspringt, ist eine absolute Blindschleiche.
Delay: Wir sind mal nachts mit dem Auto über den Kiez gefahren, und Udo hat mir Probeaufnahmen vorgespielt. Ich war total entsetzt. Beim Hören musste ich an einen langhaarigen Gitarristen mit nacktem Oberkörper auf einer Klippe denken. Die Haare wehen im Wind, er spielt ein Schrammel-Solo. Da meinte ich zu Udo: Sorry, aber das ist 80er-Jahre-Hitradio. Ich bin froh, dass er jetzt mit einer Platte zurückkommt, die einen richtig durchrockt, so wie früher. Die alte Udo-Welt.
Delay: Na ja, diese geilen Geschichten eben über verschrobene Charaktere, die mal Gutes erleben und mal Schlechtes, aber immer vorgetragen in wunderschönen Harmonien. Ich weiß noch, wie ich als Sechsjähriger im Autozug nach Sylt saß und zum ersten Mal ein Lied von Udo gehört habe, von dem ich total geflasht war. Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, dass ich jemanden in meiner Sprache zu mir singen hörte. Da redete einer genau so, wie die Leute morgens aufstehen und fluchen, das echte Leben halt.
Lindenberg: Beim Schreiben dieses Liedes habe ich ein bisschen mit Absinth gegurgelt, hat 80 Umdrehungen, ist auch gut für die Stimme. Aber nur ein Schlückchen und keine Mengenlehre.
Lindenberg: So viel trink ich heute nicht
mehr. In der Dosis liegt das Gift. Heute bevorzuge
ich gezielte Exzesse. Nena berät
mich bei der Trennkost und der Kiez-Boxklub-
Boss Hanne K. beim Kampfsport.
Ansonsten rauche ich Zigarre. Natürlich
können Drogen die künstlerische Arbeit
befeuern, das weiß man von Goethe, Freud,
Bukowski und vielen anderen. Aber die haben
eben auch die Regel befolgt: Im Rausch
schreiben, nüchtern gegenlesen.
Delay: Wenn ich einen Text schreibe, will
ich nicht an meine Steuererklärung denken
oder an das komische Jucken unter der
Achsel, ob da gerade ein Furunkel
wächst. Da rauch ich
was, um in meiner kleinen
Künstlerwelt zu versinken.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 13/2008
"Stark wie Zwei" 14 Songs wie aus alten Zeiten: Udo Lindenberg klingt auf seiner neuen CD "Stark wie Zwei" (Warner) so aufregend wie zu Beginn seiner Karriere