Controller sind sterblich

11. August 2013, 21:45 Uhr

Der "Tatort" spielte zwar in der Medienbranche, das Thema - die Unmenschlichkeit "effizienzsteigernder Maßnahmen" - betrifft fast alle. Der Fall brachte den Optimierungswahnsinn auf den Punkt. Von Sophie Albers

Tatort, Klaus J. Berehndt, Dietmar Bär,

Kommissar Freddy Schenk weiß vor lauter Verdächtigen nicht so recht weiter©

Es war einmal eine Zeitung, die angesichts moderner Entwicklungen wirtschaftlich fit gemacht werden sollte. "Fit for Fusion", um genau zu sein. Schließlich "sind die guten alten Zeiten vorbei", wie der feiste Personalchef proklamiert, während er gnadenlos Blätter vom Büro-Ficus zupft. Das Zusammengehen mit einem britischen Medienriesen soll noch mehr Gewinn bringen. Zwecks "Effizienzsteigerung" werden Controller ins Unternehmen geholt, die durch alle Abteilungen stöbern und gucken, wo, was und vor allem wer eingespart werden kann. Der Kölner "Tatort" "Unter Druck", eine Wiederholung vom 9. Januar 2011, erzählt von Menschen, die über Leichen gehen. Ganz wie in der richtigen Wirtschaft eben.

Die Kommissare Ballauf und Schenk werden früh morgens zum "Abendblatt" gerufen, weil ein junger Mann tot im Foyer liegt - den Blackberry noch umklammernd. Offenbar wurde Carsten Moll in einem oberen Stockwerk über das Geländer gestoßen. Sein Tod sorgt im Unternehmen allerdings für wenig Mitgefühl, schließlich gehörte Moll zum Team besagter Controller. Die Zahl der Verdächtigen steigt stetig. 20 Prozent der Belegschaft stehen auf der täglich aktualisierten schwarzen Liste der zu Entlassenden.

Der Tod steckt im Detail

Die Kommissare nehmen so ziemlich jeden unter die Lupe - vom Chef der Druckerei, der "Bullen" genau so ätzend findet wie Controller, bis zur betonharten Controller-Chefin, die außer einem lukrativen Folgeauftrag nichts zu interessieren scheint. Doch immer wenn Ballauf zu seinem etwas hölzernen "Ich erklär' Ihnen jetzt mal, was passiert ist" ansetzt, gehen seine Visionen ins Leere. Weder die Wut im Bauch über Anzugträger, die dauernd Englisch quatschen, weil sie meinen, dass es cool klingt, noch die enttäuschte Liebe eines jungen Stoffels reichen aus, um einen Mord zu motivieren.

Tatort, Klaus J. Berehndt, Dietmar Bär,

Controller sind übrigens auch Menschen©

Wirklich Spaß macht auf dem Weg zur etwas verschwurbelten Auflösung die Details: die feine Zeichnung der Charaktere. Dass der Tote früher gern kleine, fiese Karikaturen seiner Mitmenschen angefertigt hat, die bei der Aufklärung ganz hilfreich sind. Dass die harte Geschäftsfrau ausgerechnet gegenüber einer Putzfrau ihre weiche Seite zeigt. Dass das Opfer bei seinem Todessturz eine große Buchstabenskulptur umgerissen hat, ein A. Am Ende stehen die Ermittler neben einem großen B - die Optimierungswelle ist noch lange nicht vorbei.

Immer wiederkehrender Witz des Krimis ist die Frage, wie man eigentlich mit dem Druck des Alltags fertig wird - ob nun als Arbeiter, der um seinen Job fürchtet, entmachteter Verlagschef oder verhasste Controllerin. Und während sich alle Beteiligten Erklärungen aus den Rippen schneiden - Fische füttern, "indem man jeden Tag besser, schneller und souveräner wird", Yoga - ist von Anfang an klar, dass es eben dieser Druck ist, der die Menschen kaputt macht - der sie zum Äußersten treibt oder tötet.

Sogar Ballauf und Schenk - wobei der bärige Dietmar Bär den faden Klaus J. Behrendt komplett an die Wand spielt - müssen begreifen, dass mit ihrer "work life balance" etwas nicht stimmt. Vielleicht wäre ein Kommissar ja effizienter.

Die "Tatort"-Folge wurde erstmals am 9. Januar 2011 ausgestrahlt.

Zum Thema
Schlagwörter powered by wefind WeFind
Blackberry Medienbranche Schenk Tatort Unmenschlichkeit Yoga
Kultur
stern TV-Programm
Kostenlos downloaden: stern TV-Programm für iPhone, iPad und Android-Smartphones und -Tablets Mehr Infos über die App
 
Humor
Tetsche, Haderer, Mette und Co. Tetsche, Haderer, Mette und Co.
 
TV-Tipps des Tages
Empfehlungen aus der Redaktion Empfehlungen aus der Redaktion
 
Noch Fragen?

Neue Fragen aus der Wissenscommunity

  von dorfdepp: Soll sich die westliche Welt Kuba gegenüber öffnen?

 

  von dorfdepp: Gibt es noch Vorbehalte gegen Online-Banking?

 

  von JennyJay: Heißt es "mittels Mobilkrane" oder "mittels Mobilkränen"?

 

  von bh_roth: Vorsätzliche Tötung

 

  von Amos: Warum muß ein Blinder bei "Wetten dass" eine geschwärzte Brille tragen?

 

  von Amos: Seit heute steigen die Preise der DB, wenn ich per Kreditkarte oder Internet bezahle.

 

  von Bananabender: Der Mythos Megapixel

 

  von Amos: Warum müssen verunglückte Reitpferde immer eingeschläfert werden?

 

  von Amos: Haus mit 5 Wohneinheiten. Jetzt steht eine Wohnung längere Zeit leer. Wie verhält es sich dann mit...

 

  von Amos: Smartphones zu Weihnachten: Kaufentscheidung abhängig von der Fotoauflösung? Telefonieren wäre doch...

 

  von StechusKaktus: Wie kann die kalte Progression abgeschafft werden?

 

  von bh_roth: Gastherme versetzen

 

  von Bananabender: Drucker Patronen

 

  von bh_roth: Lichterführung bei speziellen LKW

 

  von Amos: Wenn ich einen Karton Sekt aus Bequemlichkeit im Kofferraum "vergesse": wie hoch ist die...

 

  von Musca: Vogelschwarm filmen

 

  von Amos: Da ich als Arzt nicht mehr tätig bin, habe ich meine Berufshaftplicht gekündigt.

 

  von Amos: Eine Fondsgesellschaft schickt mir am 2..12.2014 die Steuerbescheinigung für 2013. Obwohl ich meine...

 

  von Gast: Ist der Nahme "Haircouture" geschützt

 

  von Gast: ich habe eine rente in höhe von 760 ?,wie viel kann ich dazu beantragen?