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4. Januar 2010, 06:00 Uhr

Der Witwer als Werkzeug des Satans

Mysteriöse Mordserie in einer Frankfurter Adelsfamilie: Drei Geschwister werden mit einem mittelalterlichen Folterinstrument erschlagen. Und die Kommissare Sänger und Dellwo bekriegen sich in internen Machtkämpfen. "Weil sie böse sind" ist ein rabenschwarzer "Tatort". Von Kathrin Buchner

Matthias Schweighöfer als Adelsspross Balthasar Staupen schwingt sich zum Richter über Leben und Tod auf© Bettina Müller/Hessischer Rundfunk

Als Balthasar Staupen seinen Vater ermordet im elterlichen Schloss auffindet, sieht er sich die Tat auf der Überwachungskamera an. Wie bei einem Computerspiel klickt er immer wieder auf die Sequenz, als der Mörder mit einem mittelalterlichen Folterwerkzeug zuschlägt. Was dann passiert, sprengt beinahe die Grenzen unserer moralischen Vorstellungskraft. Statt zu trauern und den Täter der Polizei auszuliefern, vernichtet der Sohn die Beweismittel, macht den Mörder ausfindig und erzählt ihm, er habe ihm "den größten Gefallen seines Lebens" getan.

Regisseur Florian Schwarz stellt in dieser Frankfurter "Tatort"-Folge die Kategorien von Gut und Böse, Recht und Gerechtigkeit kurzerhand auf den Kopf. Der Täter wird zum Opfer und Werkzeug, um das Leben von Herrenmenschen auszulöschen. Denn die drei Geschwister der adeligen Staupen-Familie sind sadistisch, skrupellos und steinreich. Da ist der Antiquitätenhändler und Stiftungsvorstand, der seinen Sohn von klein auf erniedrigt hat, da ist der Zuhälter, der in der Frankfurter Unterwelt herrscht, und da gibt es noch eine Schwester, die das Geld der Familie mit Waffengeschäften vermehrt. Sie gehen über Leichen und werden selbst dazu. Denn sie müssen sterben, einfach nur "weil sie böse sind", so der Titel dieses Krimis, der an eine These des französischen Philosophen Rousseau erinnert: "Alle Menschen sind böse".

Von den Gräueltaten seiner Familie zutiefst erschüttert schwingt sich Balthasar Staupen zum Richter über Leben und Tod auf und schmiedet perfide Mordpläne. Um die Schandtaten seiner Ahnen zu sühnen, bedient er sich Gutsherrenmethoden: Er lässt den Mörder zwar laufen, erpresst ihn aber und macht ihn zu seinem Vollstreckungssklaven. Symbolträchtig ist dabei die Tatwaffe, der Morgenstern, dessen Einsatz im Mittelalter als unritterlich galt und der nur vom Fußvolk verwendet wurde. Matthias Schweighöfer gibt diesen Balthasar charmant und ein bisschen wehleidig, verwöhnt, aber auch mitfühlend. Er ist Meister der Manipulation und durchtrieben wie Brutus am Cäsaren-Hof. Ergänzt wird sein brillantes Spiel von Milan Peschel als Mörder Rolf Herken, ein Witwer mit autistischem Kind und armes Würstchen, der im Affekt getötet hat. Peschel spielt diesen Witwer Herken als geborenen Verlierer mit hängenden Schultern, fahler Hautfarbe und schlurfendem Schritt.

Es ist ein fabelhafter Plot, den uns Drehbuchautor Michael Proehl serviert. Und da stört es auch überhaupt nicht, dass die beiden Kommissare Fritz Dellwo (Jörg Schüttauf) und Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki) in ihrem vorletzten "Tatort" zur Aufklärung der Morde überhaupt nichts beizutragen haben. Ihr Tun grenzt an Arbeitsweigerung, sie widmen sich lieber den eigenen Machtspielchen am Frankfurter Hauptkommissariat, die so viel banaler sind als der teuflische Pakt, den Schweighöfer als Schicki-Micki-Adelsspross mit dem unfreiwillig zum Serienmörder mutierten Witwer eingeht.

Von Kathrin Buchner
 
 
KOMMENTARE (10 von 29)
 
stratoarmin (05.01.2010, 13:49 Uhr)
oooooch
... nun macht euch doch nicht ins Hemd. Das war für mich einer der besten Tatorte der letzten Zeit. Na gut, dieses Gedöns um die Chefnachfolge hätte man sich sparen können, völlig überflüssiger Nebenkriegsschauplatz, aber unterhaltsam war der Streifen doch.
tannebaum (04.01.2010, 19:11 Uhr)
ich oute mich da auch gerne
als barnaby-fan. und überhaupt sind krimis der briten, ob ländlich & schwarz oder auch tiefgehend böse zigfach besser gemacht. ob halt barnaby, lynley, hill oder lewis... alle spielen in einer ganz anderen liga.
selbst gegen skandinavische krimis sehen tatorte heute nur noch politisch dämlich korrekt aus. alles richtig gemacht: kein alkohol und keine zigaretten bei den guten. dafür alleinerziehend, vielleicht auch schwul, manchmal körperlich behindert oder patchworkartig von allem etwas... aussagelos, aber eben anständig. gute nacht!
hellwachabsolut (04.01.2010, 17:01 Uhr)
Der Tatort war gut gemacht.
Abgesehen davon, dass es reine geschmacksache ist, wie man einen Film beurteilt. Aber es gibt auch eben Dinge, die einen Film auszeichnen und haben auch mit Geschmack nicht zutun.
Ich bin wirklich erstaunt über die Kommentare manchen, die bis gestern irgendwo in deisem lande um die Ecke Gemüse verkauft haben und nun meinen Sie, Sie können zu allen Ihren senf geben.
Also wirklich erstaunlich.
Schimmermatt (04.01.2010, 16:36 Uhr)
Rousseau? Alle Menschen böse?
"Alle Menschen sind böse" soll von Rousseau sein? Ich erinnere mich daran, dass es bei dem guten Rousseau sinngemäß "Alles ist gut, wie es aus der Hand des Schöpfers kommt" begonnen hat. Weiterhin beschreibt Rousseau dann, wie eine "Erziehung zur Menschlichkeit" aussehen kann.

Rousseau ist in der Bewertung der Moralität des Menschen durchaus differenzierend - die Autorin des Artikels eher nicht.
MahindraX (04.01.2010, 15:46 Uhr)
Realismus..?
So unrealistisch war der Tatort doch gar nicht. Leider.

Neulich erst in Eislingen....:
Verkorkster Sohn eines vermutlich verkorksten Vaters, macht "Freund" zum "ausführenden Organ" für von ihm gewollter Morde. Hat geklappt.Wurde ausgeführt- und zwar REAL!
Nur nicht - wie in diesem Tatort- quasi versehentlich.
Und (unter anderem) _jener- Umstand, erlaubt es uns Zuschauern, nicht in allzu arge moralisch/ethische Bedrängnis zu kommen.Es ist hier also (fast)ohne Gewissensbisse möglich dem Täter zu verzeihen.
hosiannarunner (04.01.2010, 15:08 Uhr)
Mist
Entgegen all der Lobeshymnen hier fand ich den Tatort grottenschlecht. Die bemühte Rivalität der Kommissare, die wie kleine Kinder rumzickten, der vom Schicksal so fies gebeutelte und gemobbte Mörder, der böse und völlig durchgeknallte Sohn des ersten Opfers. Als dann noch der merkwürdige Zuhälter-Onkel auftauchte, hab ich abgeschaltet.
80blatt (04.01.2010, 14:57 Uhr)
...
...ach so...hm...

Kein Problem - wem`s gefällt. Am Ende ist`s Geschmackssache.

Ich kann auf solch gestelzte Metaphorismen gerne verzichten.

(Pardon übrigens: `habe selbst "alleinerziehend" großgeschrieben vorgegeben)
MahindraX (04.01.2010, 14:46 Uhr)
@80blatt
_Jedoch ab der Szene, als die Protagonisten anfingen quer durch die Wohnung des Alleinerziehenden Vaters "Ball" zu spielen[..]_
*
Das war doch ein _Extragutes Stilmittel!_
Schließlich war die Szene metaphorisch für den gesamten Film:

Plötzlich und unvorhergesehen bekommt man "was ab", ist dann HalsüberKopf in einem ungewollten Spiel drinnen, bei dem -sich eigentlich völlig unbekannte Leute - plötzlich zu Gegen- UND/ODER Mitspielern werden.
80blatt (04.01.2010, 14:35 Uhr)
gestriger Tatort
Na ja, anfangs hatte ich noch (die schwache) Hoffnung, nicht schon wieder einen überfrachteten deutschen "Krimi" vorgesetzt zu bekommen. Jedoch ab der Szene, als die Protagonisten anfingen quer durch die Wohnung des Alleinerziehenden Vaters "Ball" zu spielen, habe ich via ZDF auf Insp. Barnaby gewartet.
Hätte das ZDF den Mut, Barnaby auf 20.15 Uhr vorzuziehen, wäre der Tatort m. E. chancenlos.
REINI2 (04.01.2010, 14:14 Uhr)
Kochendes Öl.....
dossene (04.01.2010, 12:43 Uhr) wenn nur alles so einfach wäre. Nirgends mehr Gewalt...weder in Schrift noch Bild...und was dann..??
Alles Friede, Freude, Eierkuchen??
Was ist mit der Gewalt in den Familien, Mobbing und Erniedrigung im Geschäft? ...um nur einige Beispiele zu nennen.

Die Wurzel der Gewalt wächst aus dem Übel der Gesellschaft. Und da kannst du weit in die Vergangenheit reisen.
Jede Wette...auch die Neandertaler haben sich schon in der Wolle gehabt.
Und denke mal an die Märchen.... bei Alibaba und den 40 Räubern, wurden die nicht mit kochendem Öl überschüttet??

Außerdem werd ich immer aggressiv, wenn ich in <Bauer sucht Frau> mal rein schalte..... :-)))
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