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26. Oktober 2009, 09:28 Uhr
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Die Last der Lüge

Der Tod eines Priesters führt das Münsteraner Gespann Thiel und Boerne tief in die Welt der katholischen Kirche. Dort stoßen sie auf lauter Intrigen und Vertuschungen - und erfahren, wie das ewige Leben mit Heimlichtuereien die Beteiligten moralisch deformiert. Von Carsten Heidböhmer

Tatort, Münster, Börne, Boerne, Thiel

Weil er beide Unterarme gebrochen hat, benötigt Professor Boerne (Jan Josef Liefers) eine Haushaltshilfe© WDR/Michael Böhme

Es war nur eine Frage der Zeit, wann im erzkatholischen Münster endlich mal ein Pfaffe gemeuchelt wird. In der "Tatort"-Folge "Tempelräuber", dem 16. Fall des Ermittlerduos Thiel und Boerne, war es endlich so weit: Der Leiter des Priesterseminars ist überfahren worden - und Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Großmann) befindet sich in heller Aufregung: "In dieser Stadt zählt ein toter Priester so viel wie zwei tote Bürgermeister oder drei tote Polizisten". Zu allem Überfluss wäre Gerichtsmediziner Boerne (Jan Josef Liefers) bei dem Mord beinahe mit draufgegangen. Er wollte dem Opfer helfen und geriet dabei selbst unter die Räder - nun hat er zwei gebrochene Arme und muss sich von einer Haushälterin pflegen lassen.

Die Ermittlungen führen Hauptkommissar Thiel (Axel Prahl) in die klerikale Welt des Münsteraner Priesterseminars. Dort schien der Verstorbene viele Feinde gehabt zu haben - und auch sonst geht es nicht christlicher zu als in der restlichen Gesellschaft: üble Nachrede, wohin man nur blickt.

Unterdrückte Sexualtriebe unter den Talaren

Es hätte sich nun die Chance ergeben, einmal eine andere Geschichte aus dem katholischen Milieu zu erzählen als die immergleiche Saga von unterdrückten Sexualtrieben unter den Talaren. Die Ansätze waren da: "Ihr denkt auch: Entweder ein Priester hat was mit seiner Haushaltshilfe oder er ist pädophil", sagt Vize-Regent Hans Wolff (merkwürdig fehlbesetzt: Ulrich Noethen). Klar, warum sollte es nicht auch Geistliche ohne Heimlichtuereien und Geheimnisse geben?

Doch nein - der sympathische Wolff ist auch nicht anders als all die anderen (Film-)Kleriker: Er führt seit 16 Jahren eine heimliche Beziehung mit seiner Zugehfrau Karin Ellinghaus (Johanna Gastdorf), die beiden haben einen gemeinsamen Sohn - und wie sich herausstellt hat er noch eine weitere Tochter aus einer früheren Beziehung.

Drehbuchautor Magnus Vattrodt hat viel Recherchematerial in den Film einfließen lassen. Der Zuschauer erfährt, dass von 16.000 deutschen Priestern die Hälfte heimliche Beziehungen haben soll - woher auch immer diese Zahlen stammen mögen. Weiter erfahren wir, dass es Selbsthilfegruppen für katholische Priester in Beziehungen gibt - nicht in Deutschland, sondern in den Niederlanden.

"Nur die eigenen Kinder sagen Onkel"

Doch die Stärke dieses "Tatorts" liegt darin, dass er den Fokus nicht auf den Priester, sondern auf die Partnerin und ihr Kind legt. "Alle sagen zu ihnen Vater, nur ihre eigenen Kinder sagen Onkel", bemerkt Thiel - und beschreibt damit das eigentliche Thema. Nicht die vermeintlich verlogene katholische Kirche, sondern die heimlichen Familienangehörigen sind das Thema. So erklärt sich auch der Titel dieses Falls: "Tempelräuber" werden die Kinder von Priestern genannt, "weil sie der Kirche die Priester rauben".

Letztendlich war genau ein solcher "Tempelräuber" auch der Mörder des Regens' - um das Geheimnis seines Vaters zu schützen. Der 15-Jährige kommentiert den Mord seltsam unbeteiligt: Es sei für ihn "einfach nur ein weiteres Geheimnis". Die ewige Heimlichtuerei hat den Jungen moralisch völlig deformiert. Angesichts dieser Tragik treten sogar die üblichen Blödeleien zwischen Thiel und Boerne in den Hintergrund. Das ist vielleicht die größte Leistung dieses "Tatorts".

Von Carsten Heidböhmer
KOMMENTARE (10 von 12)
 
thalamusbahn (26.10.2009, 21:18 Uhr)
münster-land
wir freuen uns immer drauf wenn die münster-länder ihren tatort zeigen. das thema ist dann fast schon zweitens bei den super darstellern!!!
algernon (26.10.2009, 20:03 Uhr)
Tatort im neuen Jahrtausend ...
Die Tatorte des neuen Jahrtausend werden immer besser. Man sollte Äpfel (amerikanische Krimis) nicht mit Birnen (Tatort) vergleichen. Es ist sicherlich schwierig ein Thema durchzuzíehen ohne
zwischendurch mit unglaubwürdigen Áctioneinlagen abzulenken.
Mit den Typen vom Tatort kann man sich identifizieren, die haben Probleme die man versteht und die Themen sind von hier. Gut so !
Loki696 (26.10.2009, 15:54 Uhr)
Münster TOP
Ganz ehrlich... Man brauch doch diese "schlechte" Kritik nicht zu ende lesen, da eh jeder Tatort schlecht gemacht wird auch wenn er mal wieder TOP war. Wenn ich da an die Tatorte von Ulrike Folkerts denke, OH GOTT!!!
Liebe Stern-Readaktion: Wann hat euch mal ein Tatort überhaupt gefallen?
Kann mich den vielen anderen hier nur anschließen. TOP-TATORT einfach!!! Grüße an alle Tatort-Fans...
starwriter (26.10.2009, 14:54 Uhr)
Näher dran an der Realitiät ...
... als der katholischen Kirche lieb ist!

Schon bemerkenswert, wie der Müster-Tatort es immer wieder schafft, gehobenen Klamuk und Anspruch zusammen zu bekommen!

Was die ewige Heimlichtuerei mit einem Priester, seiner Partnerin und nicht zuletzt den etwaigen Kindern macht, hat der Film dabei sehr anrührend, gar nicht effekthascherisch und durchaus realitätsnah geschildert. Das kann ich zumindest für den Beziehungspart bestätigen, da ich selber über Jahre eine solche heimliche Beziehung gelebt habe, bevor ich mich für den ehrlichen Weg (Austritt - Heirat - Konversion) entschieden hatte.

Also: Nur weiter so, Herr Thiel und Prof. Boerne!
stratoarmin (26.10.2009, 14:41 Uhr)
Auf der nach unten ...
offenen Tatortskala war das eindeutig einer der besseren Tatorte. Wieso war Ulrich Noethen eine "merkwürdige Fehlbesetzung"? So unterschiedlich können da die Auffassungen sein, ich fand das durchaus gut, was er abgeliefert hat.
Iphitos (26.10.2009, 14:07 Uhr)
Erfrischend...
Ob man im Katholiken-Umfeld nun unbedingt die Thematik Beziehung zu Haushälterin/homosexuell/pädophil thematisieren muss... nunja... darüber kann man streiten, da hätte es vermutlich bessere Themen gegeben, die dennoch in die Kirche gepasst hätten.
Es gab aber auch schon deutlich schlechtere Tatort-Stories, wo man sich wirklich fragen musste, ob eigentlich irgendeiner die Drehbücher vorher liest oder ob man einfach alles verfilmt, was man hingelegt bekommt.
Festzuhalten bleibt: Münster ist jedem anderen Tatort-Team um Welten voraus und sehr erfrischend...
schlusi09 (26.10.2009, 13:21 Uhr)
Top
Top Unterhaltung und besser als jeder Amischinken.Team Münster ist uns das liebste Tatort-Team und alle Figuren sind sehr "stimmg".Verstehe auch nicht warum zum Himmel Ulrich Noehten fehlbestzt sein sollte???´Gibt es vielleicht auch mal Leute die einfach gute Unterhaltung geniessen können,ohne perse Antieingestellt zu sein???
EVITA-1 (26.10.2009, 12:36 Uhr)
@ nilsmt
..wieso kann ich über etwas mein Urteil abgeben, was ich nicht gesehen habe?
gormiti (26.10.2009, 11:18 Uhr)
fand ich ok
Der Fokus war auf der "Familie" des Priesters.
Münster ist in echt noch viel schlimmer. Optisch zwar nicht, aber menschlich. Städte mit so großen klerikalen Gebäuden sollte man meiden.
Windukeit (26.10.2009, 10:49 Uhr)
Politisch ideologisch?
Ich fand den Tatort sehr ansprechend und gelungen. Persönliche Schicksale der Beteiligten standen im Mittelpunkt. Politisch ideologisch fand ich den Tatort nicht. Es wurde zu keiner Zeit Stellung bezogen und der Mord wäre ohne die dargestellte Thematik ja gar nicht geschehen. Ulrich Noethen war meines Erachtens auch keine Fehlbesetzung. Am besten gefallen hat mir jedoch, dass der übliche Börne Slapstick tatsächlich in ein echtes Drama überging. Für mich bis jetzt der beste Tatort des MünsteranerTeams.
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