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30. März 2009, 10:10 Uhr

Komödienstadel mit Kräuterhexe

Scharlatan, Hellseher und Kräuterhexe - reich an skurrilen Gestalten ist dieser Esoterik-Hokuspokus. Dem Münchner "Tatort" "Gesang der toten Dinge" könnte schon jetzt ein trauriger Rekord beschieden sein: nämlich als schlechteste Krimifolge des Jahres in die ARD-Statistik einzugehen. Von Kathrin Buchner

Tätersuche zwischen Räucherstäbchen und Marienstatue: Kommissar Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Kollege Batic (Miroslav Nemec) verdächtigen den Ehemann der Toten (Andre Eisermann)© Stephen Power/BR

Es muss wohl die Midlife Crisis sein, die den einst so gestandenen, gerne mal muffigen Macho-Kommissar Ivo Batic (Miroslav Nemec) neues Terrain jenseits des Mainstreams erforschen lässt. Ist er in einer kürzlich gesendeten Münchner "Tatort"-Folge nach Potenzstörungen beim Sex mit einer Kollegin im Schwulenmilieu gelandet, erliegt er diesmal der Aura einer Kräuterhexe (Irm Hermann) mit hellseherischen Fähigkeiten. Sie weckt seine sentimentale Ader, weil sie ihm ansieht, dass sein Hund von einem Auto überfahren wurde, als er noch ein Teenager war. Für sie nimmt Batic das Geräusch eines Paternosters auf und philosophiert bei einer Tasse Tee über ihre Musikkompositionen aus Türenquietschen und Uhrenticken.

Schön schräg könnte man des Kommissars Ausflüge in das Hexenhäuschen mitten im Nymphenburger Schlosspark finden. Doch leider ist diese moderne Walburga nur eine von allzu vielen klischeehaft gezeichneten Spinnern der "Tatort"-Folge "Gesang der toten Dinge". Darin wird die Fernsehastrologin Doro Pirol in einer gutbürgerlichen Villa im Münchner Stadtteil Nymphenburg erschossen aufgefunden. Ein Abschiedsbrief suggeriert Selbstmord, doch das Schreiben entpuppt sich als Fälschung.

Hellseher und Energiearbeiter

An Verdächtigen mangelt es nicht: Ihr Stiefvater ist ein selbsternannter Psychometrie-Professor, der Holzketten über bunten T-Shirts trägt. An seinem parapsychologischen Institut forscht er an übersinnlichen Phänomenen und weissagt dabei Aktienkurse mit Hilfe von Eingebungen seiner Klienten. "Deswegen die Finanzkrise", kommentiert Kommissar Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) trocken. Die beste Freundin hat die Tote mit ihrem Mann betrogen und arbeitet "mit Energie". "Bei den Stadtwerken?", fragt Leitmayr. "Mit Kristallen", rückt die rotblonde Selina zurecht.

Zuviel Themenstränge ohne Verdichtung

Derlei Kalauerdialoge werden noch etliche folgen. In seinem "Tatort"-Debüt mixt Regisseur Thomas Roth ein schwerverdauliches Gebräu aus Mystik, Hellseherei und Parapsychologie. Zuviel Handlungsstränge werden verbunden, zwischen Räucherstäbchen und Batikteppichen findet keine Verdichtung statt. Dabei hätte es an guten Geschichten nicht gemangelt: Sowohl der Zweifel an Schulmedizin, das fragwürdige Geschäft mit der Astrologie als auch Scharlatane, die mit dem Schicksal gutgläubiger Anhänger spielen, hätten jeweils Stoff genug für einen ganzen Krimi geboten.

Doch noch schlimmer als mangelnde Verdichtung und schlechter Klamauk ist, dass Drehbuchautor Markus Fenner seine Charaktere offensichtlich nicht ernst nimmt: Der Ehemann der Toten (Andre Eisermann) empfängt in seinem zuckenden Oberkörper die botschaften des Erzengels Gabriel, sitzt aber im buddhistischen Mönchsoutfit mit orangefarbener Pumphose und blankem Oberkörper vor seiner Marienstatue. Ivo Batic schwärmt von den Heilkräften der Kräuterhexe, die seinen Knöchel einrenkt, "er fühlt sich an wie neu", trotzdem humpelt er danach weiter. Neu-Ermittlerin Gabi Kunz (Sabine Timoteo) brilliert zwar mit analytisch-organisatorischen Fähigkeiten, wird aber durch das übertriebene und schwerverständliche Schwyzerdütsch ihrer Aussprache zur Witzfigur degradiert.

Am Ende erweist sich der Stiefvater als Erbschleicher und landet im Restmüllcontainer. Dorthin gehört auch die "Tatort"-Folge. Das Überirdische ist unterirdisch, ein Komödienstadel mit Kasperlfiguren. Allein Kommissar Batic' kuriose Ausflüge in den Märchenwald bieten interessante Einblick in das Seelenleben eines verunsicherten Mannes. Kann man nur hoffen, dass er bald wieder sein inneres Gleichgewicht findet.

Von Kathrin Buchner
 
 
KOMMENTARE (10 von 28)
 
Kiat (31.03.2009, 17:42 Uhr)
Gute Ansätze, aber zu klischeehaft!
Ich bin ja in der mongolischen Steppe bei Nomaden aufgewachsen. Der Schamane der Sippe hat in mir eine Schamanin erkannt, als ich noch ein Kind war und Schamanin wollte ich partout nicht sein. Deshalb hat mich dieser Tatort interessiert. Also ich fand ihn lustig und unterhaltsam. Allerdings hätte mehr herausgeholt werden können.
Ich selbst schüttle meistens meinen ergrauten Kopf, wenn ich mit den Auswüchsen der Eso-Branche konfrontiert werde. Wen es interessiert, der möge in meinen Blog schauen, z. B.
http://schamaninkiat.over-blog.de/article-29678083.html
Kiat, eine authentische (!) Schamanin
vegefranz (31.03.2009, 13:42 Uhr)
@lilly: Tatort als Oberlehrer der Nation
muss ein Tatort spannend sein? Ich glaube, da bist du ziemlich alleine. Vielmehr hat sich allgemein der eindruck verfestigt, dass der tatort der Oberlehrer der Nation sein muss und insbesondere Kapitalismuskritik zu transportieren hat. ab und zu ist auch mal ein rassistischer Deutscher dargestellt. MaW: Der tatort ist stets berechenbar und vorhersehbar. Kein Intendant würde es wagen, einen kriminellen Ausländer oder stehlenden Zigeuner als Protagonisten darzustellen. Lieber zieht man einen tatort noch mal kurzfristig zurück. Also: "spannend"? das war wohl mal vor 20 Jahren als der Gutmenschenterror noch nicht wütete
Hullebuh (31.03.2009, 10:45 Uhr)
Mal was anderes!
Ach Leute, der Tatort ist zwar eine Sonntag-Abend-Institution, aber deshalb heißt es doch nicht, dass man nicht gängige Schemata durchbrechen könnte. Zur Erinnerung: Der starke Münsteraner Tatort zum Thema Vergewaltigung wirkte auch deshalb so unglaublich wuchtig, weil die Scherz-Masche von Thiel/Boerne durchbrochen wurde. So ist auch der Münchner Tatort, der gerne mal in skurrilen Millieus ermittelte, eine willkommene Abwechslung zum sozialen Elend der letzten Folgen. Und die keimende Freundschaft zwischen Ivo und Fefi war doch spitze. Aber ich gestehe: Ich verehre Regisseur Thomas Roth auch schon wegen seiner leichten Hand bei der Inszenierung der grandiosen "Traumann"-Krimis!
Dewerth (30.03.2009, 17:15 Uhr)
War vielleicht kein Klasse-Krimi …
. aber gute unterhaltung. Nix für verkopfte Reine-Lehre-Jünger. Oder Schweizerinnen.
freeride (30.03.2009, 16:30 Uhr)
nur noch den kopf schuetteln...
...konnte man bei diesem tatort. wirklich schlecht und an den haaren herbeigezogen. ausserdem war die handlung so langatmig und langweilig, dass ich getrost meinen junior ins bett bringen konnte, ohne den anschluss zu verpassen. das schlimmste war aber die gabi - oder besser gesagt ihr pseudo-schwyzerduetsch. so blieb meiner schweizer ehefrau nur mitleidiges kopfschuetteln ob unserer vorstellungen vom dialekt ihrer landsleute. schade, dass sabine timoteo sich dafuer hergibt...
SoftPlaner (30.03.2009, 16:22 Uhr)
Endlich mal eine Abwechslung
von Kinderschändern, Terroristen, Perversen und Vergewaltigern.
Ohne besondere Tiefe aber sehr ironisch und komisch. Lusrig war's.
achim51 (30.03.2009, 16:05 Uhr)
Endlich mal was zum Lachen...
... bei dieser ansonsten doch eher todernsten Serie! Komisch übrigens auch das Eigentor des stern: In der Fernsehbeilage Tagestipp mit 4 Sternen, heute dann der Verriß.
SethusCalvisius (30.03.2009, 14:48 Uhr)
Also der Tatort war doch witzig
Das ist wahrscheinlich das Problem. Comedy-Sendungen haben wir genug. Wenn ich Albernheiten sehen will, kann ich ja Mario Barth gucken. Aber bei einem Tatort erwarte ich eine halbwegs spannende Geschichte und davon war gestern abend nun gar nichts zu sehen. Insofern kann ich der Stern-Kritik nur Recht geben.
Jozzel (30.03.2009, 14:44 Uhr)
Schlimmster Tatort des Jahres!
Sorry, dieser Tatort war weder unterhaltsam noch spannend, er war nur schlecht. Die Schweizer Kollegin mit ihrem immergleichen nervigen Singsang und der maskenhaften Mimik, ein miserabel reimendes Hexenweiblein, eine völlig krude Story und zwei denkbar schlecht aufgelegte Kommissare reichen, um sich definitiv nicht mehr auf den Münchner Tatort zu freuen. Bitte einfach zurück zur alten Qualität bei Drehbuch und Regie à la Dominik Graf. Wie sagt man in Bayern: "A großer Schmarrn."
Sternobyl (30.03.2009, 14:22 Uhr)
Also der Tatort war doch witzig.
Wenn man mehr in dieser Art zu sehen bekommen würde, würde ich auch deutlich häufiger Tatort schaun. Als Angestellte einer Privatfirma, ist es Kathrin Buchner, die Schreiberin des Stern-Artikel, vielleicht gewohnt, mehr auf die Quoten zu sehen, als der Qualität letztlich gut tut.
 
Qualität vor Quote ist schließlich eines der Hauptargumente für öffentlich rechtliches Fernsehen. Frau Kathrin Buchner möge das bei ihrem nächsten Fernsehkritik im Hinterkopf behalten, um die Qualität ihres Artikels quotenunabhängig zu steigern.

Wer sich mehr Bodenständigkeit wünscht, ist bei Toto und Harry aber vermutlich eh besser aufgehoben.
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