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5. Oktober 2009, 15:40 Uhr
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Panik im Pennerglück

Durfte Kommissar Ballauf im letzten Kölner "Tatort" noch sein Alkoholproblem bekämpfen, holt er sich jetzt Läuse als Penner auf der Platte. "Platt gemacht" ist eine vor Kitsch triefende Sozialstudie, die ihrem Titel leider entspricht. Von Kathrin Buchner

"Tatort", Platt gemacht, Ballauf, Schenk, Köln

Kein typischer Obdachloser: Beethoven (Udo Kier) hilft Kommissar Ballauf (Klaus J. Behrendt, rechts) bei den Ermittlungen© Willi Weber/WDR

Eigentlich hätte es ganz gut gepasst: Ein hochpolitischer Kölner "Tatort" aus dem Obdachlosenmilieu zum Beginn einer schwarz-gelben Regierungsära. Brennende Mülltonnen gegen soziale Kälte, das Ringen um eine bürgerliche Existenz, die Angst vor sozialem Abstieg. All das hätte "Platt gemacht" sein können, doch leider ist der Titel Programm. Da kippt ein Penner von der Parkbank - er wurde mit Frostschutzmittel im Wein vergiftet. Vom Täter keine Spur. Also ziehen die Kommissare Freddy Schenk (Dietmar Bär) und Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) auf einer ziellosen Odyssee durch Kölns Suppenküchen und Sozialstationen, Nachtschlafstellen und Notunterkünfte.

So verbringen sie zwar schön wenig Zeit hinter Büroschreibtischen, verfolgen potenzielle Täter zu Fuß und per Fahrrad, und es entstehen dabei fast romantisch-impressionistische Bilder von Menschen, deren Zuhause keine Türen hat, die unter Brücken leben und auf Parkbänken schlafen. Schräge Typen tauchen auf, die diebische Elster mit struppig-weißem Vollbart, das zweite Opfer, das an Glykolwein verstirbt, was die Penner endgültig in Panik versetzt. Oder der prollige Asphaltcowboy Django, der Berber-Balladen gröhlt, doch sie bleiben ohne Profil.

Obdachlose als Opferlämmer

Als Mittler zwischen Bürgerlichen und Gesellschaftsaussteigern fungiert Beethoven. Ein schöngeistiger Musterclochard der Sozialromantik, der dem milieuüblichen Fusel widersteht und auf der Platte freiwillig Buße tut für eine schlimme Tat, zur moralischen Erbauung Orgel spielt und abwechselnd Molière und Mark Twain zitiert. Hier blitzt zumindest der Ansatz einer Analyse durch, wie dieser Mann an den Rand der Gesellschaft gelangte. Hollywoodstar Udo Kier hat Regisseur Buddy Giovinazzo für diese Rolle verpflichtet, der erstmals vor der Kamera Kölsch sprechen darf.

Doch Kiers unentschlossene Darstellung reißt diesen "Tatort" nicht aus seinem Betroffenheitsdilemma. Obdachlose werden als Opferlämmer dargestellt, die von widrigen Umständen aus der Bahn geworfen wurden und von ignoranten Kleingeistern mit Baseballschlägern und Benzinkanistern bedroht werden. Menschen, denen es an medizinischer Grundversorgung fehlt, weil sie nicht "wartezimmerfähig" sind, "als das soziale Netz enger gestrickt war, gab es das noch nicht", darf sich Kommissar Schenk wundern.

Vor Kitsch triefende Sozialschmonzette

Platt und plakativ mit einer Überdosis Pathos, Plattitüden und Phrasendrescherei kommt dieser "Tatort" einfach nicht in die Gänge. Zu allem Überfluss blickt man am Ende noch nicht mal durch, wer wen warum ermordet hat. Da werden noch schnell eine Erbschaftsstreitigkeit und eine geldgierige Anwältin eingebaut - als ob die Drehbuchautoren Stefan Cantz und Jan Hinter eine Botschaft platzieren wollten, aber ganz vergessen hatten, sich vorher eine Story dafür zu überlegen.

Am Ende gibt's eine Party, nostalgisch-gelbstichige Bilder zeigen Penner selig schunkeln zur Kölner Band Höhner, das Kölsche Urgestein Peter Millowitsch hat auch noch seinen Auftritt, und der Krimi empfiehlt sich endgültig als vor Kitsch triefende Sozialschmonzette fürs Volkstheater.

Von Kathrin Buchner
KOMMENTARE (10 von 15)
 
Jean09 (06.10.2009, 08:23 Uhr)
Stinklangweilig
Verkopft, bräsig, pseudo-sozialkritisch... und einfach nur langweilig: dieser Tatort war einmal ein Beweis dafür, wie sehr die Kultserie am Untergehen ist. Eben typisch ARD.
Foxie (05.10.2009, 16:50 Uhr)
Liebe Frau Buchner,
Es lässt sich sicher darüber streiten, ob der Regisseur in diesem Fall eine Höchstleistung auf den Weg gebracht hat. Und auch die Story hatte sicherlich, abgesehen vom üblichen Streit über Sozialkritik, einige generelle und deutliche Schwächen. Zu wenig Biss, zu wenig Reiberei zwischen Ballauf und Schenk, so würde ich das formulieren, zu wenig Dynamik. Sicher. Teilweise nicht genügend herausgearbeitete Charaktere. Sicher.

ABER, um nur einige Ihrer Passagen zu kommentieren:

Dass heruntergekommene Menschen Probleme bekommen, wenn sie in ein sauberes, volles Wartezimmer kommen, ist keine Mitleidsphrase, sondern ein Fakt. Die Ursache, warum sie heruntergekommen sind, ist dabei Nebensache. Als Begründung für eine "vor Kitsch triefende Sozialschmonzette" scheint mir das daher doch etwas an den Haaren herbeigezogen.

Obdachlose als Opferlämmer: ich denke, da spielt Ihre (wohl auch taktisch so gewählte) polemische Brille Ihnen einen Streich. Hier und da mag tatsächlich der Touch der Sozialromantik aufblitzen. Größtenteils aber ist gerade der Umgang der Kommissare mit den Obdachlosen sehr pragmatisch und weniger von phlegmatischem Mitleid geprägt. Sie werden als das behandelt was sie sind: Akteure in einem Mordfall. Und zudem: was ist so falsch daran, die Charaktere aus dem Obdachlosenmilieu für den Zuschauer (teilweise!) sympathisch zu machen? Eine Kritik, die sich durch verallgemeinernde, überspitzte und unsachliche Ausdrücke definiert, hilft hier nicht weiter; der Film ist vielschichtiger. Er mag an der Grenze zum Gutmenschentun und dem Kitsch vorbeischrammen, aber doch nur an der ein oder anderen Stelle. Der Ausdruck "Opferlamm" scheint mir somit heillos übertrieben und dient wohl eher der Polarisierung.

Das gleiche gilt für die "widrigen Umstände", die die Obdachlosen angeblich aus der Bahn geworfen haben. Nennen Sie hier nur ein Beispiel. Sie werden keines finden, denn diese wurden kein einziges Mal thematisiert - bis auf Beethoven, den Hauptcharakter aus dem Milieu. Und dieser lehnt das Abschieben der eigenen Verantwortung für das Enden auf der Straße entschieden ab. Sein Grund, dort zu sein, ist ein ganz anderer.

Wenn Sie übrigens die Story (die durchaus schlüssig war, wenn auch nicht ohne sich die Puzzleteile im Kopf selbst zusammenzusetzen) nicht verstanden haben, darf ich Ihnen den Tipp geben, nächstes Mal etwas mehr Energie in die Aufmerksamkeit für den Film, und dafür etwas weniger in das Dreschen polemischer Phrasen zu investieren.
Anderenfalls machen Sie exakt das, was Sie diesem doch ganz passablen Krimi hier so provokativ und pauschal vor die Füße werfen. Und nehmen sich damit selbst den Wind aus den Segeln.
auwei (05.10.2009, 14:08 Uhr)
Schön,
wie ein schwacher Tatort und berechtigte Drehbuchkritik hier sofort wieder die "Penner sind selber schuld, unsrere Gesellschaft ist gerecht und gut"-Fraktion die Tute schwingen lässt. Nun gut, jetzt wissen wir im Umkehrschluss: alles Lüge, Penner sind böse und Anwälte gut - und wer auf der Parkbank schläft, ist vermutlich ein Versager, ders nicht besser verdient hat. Prost.
Buureremmel (05.10.2009, 13:43 Uhr)
Sozialarbeiter-Soap statt Krimi
So können die Tatort-Macher der ARD-Anstalten ihrem Bildungsauftrag offenbar nachdrücklicher gerecht werden. Und keinswegs darf die politisch korrekte Klarstellung fehlen, dass die Entgleisten von widrigen Umständen aus der Bahn geworfen wurden. Da hätte zumindest Herr Sarrazin noch was lernen können. Insoweit stimmte zumindest das Timing.
Magic710 (05.10.2009, 13:22 Uhr)
aber die Darsteller waren gut..
Udo Kier war Klasse und Catherine Flemming als Anwältin war auch super besetzt.. Würde man gerne öfter sehen...
STR_EDDS (05.10.2009, 13:00 Uhr)
Verkopft
Was für eine verkopfte politisch korrekte und undurchsichtige Folge... Verschwendete Zeit. Wie so Vieles was bei uns produziert wird. Aber war ja schon in der Vorschau klar. Penner: alle gut und unschuldig. Anwälte: immer geldgeil und gefühlskalt. Soziales Netz: viel, viel weiter als früher (früher war immer alles viel besser - aber ja nicht zu früh. Da wars dann doch nicht so gut.). Und am Ende haben wir uns dann voll doll lieb. Mr Regiseur und Drehbuchautor: gehen se mal an den den Feiertagen zur sozialen Stunde in eine Suppenküche (gibts in Köln ebenso wie in Stuttgart) - dann is mal sowas von sense mit sozialromantik und Klische. Aber das macht man ja als pc-Schöngeist nicht. Ne?
pistenpirat (05.10.2009, 12:45 Uhr)
Schade drum.
Jede Tatortfolge, egal von wo ist doch in den letzten Jahren zu einer PC Sozialstudie mit erhobenen Zeigefinger verkommen - Nur noch langweilig.
.link (05.10.2009, 12:36 Uhr)
der erste...
...war doch ein selbstmord. wie man mal nebenbei erfahren hat ;)
missimpossible (05.10.2009, 12:01 Uhr)
fehlende logik
ja, schade, hatte ich mich auf einen tatort mit udo kier so gefreut. die story war superlangweilig umgesetzt, und ich habe - ebensowenig wie meine mitseher - nicht verstanden, warum der erste obdachlose sterben musste (wer hat ihn warum ermordet???) ... und dass es beim zweiten wie eine verwechslung aussehen sollte, ist klar, aber wie kam frau anwältin denn an diese personen ran, hä?? sehr sehr hanebüchen. was sollte dann diese öde nebensächliche story mit dem jungen auf dem fahrrad, die abgedroschenen und wie auswendig gelernten sätze der kioskbesitzerin? neee, schlechter gehts echt nicht, obwohl ich freddy und max eigentlich ganz klasse finde. aber bei denen ist so langsam - dank schlechter umsetzung - die luft raus! schade, schade
.link (05.10.2009, 11:39 Uhr)
typisch köln.
ich frage mich jedesmal aufs neue, wieso die kölner kommissare zu den beliebtesten in deutschland gehören. einen guten tatort aus köln gabs doch zum letzten mal vor 5 jahren.
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