30. März 2008, 10:07 Uhr

"Bitte schalten Sie ein!"

Thomas Gottschalk stand schwer unter Druck: Nach sinkenden Quoten von "Wetten, dass..?" und scharfer Kritik muss der alternde Entertainer Erfolge vorweisen. Paris Hilton und Comebackauftritte von R.E.M. und Udo Lindenberg sollten die Wende bringen. Doch um Gottschalk wurde es immer einsamer. Von Malte Krebs

Sorgte für das internationale Flair auf dem Sofa bei Thomas Gottschalk: Paris Hilton©

"Ich höre erst auf, wenn ich Umfragewerte wie die SPD habe." Das stellte Thomas Gottschalk gleich zu Beginn der 175. "Wetten, dass..?"-Sendung klar. Und tatsächlich weiß niemand so genau, wann das sein könnte. Denn die letzte Ausgabe aus Halle erzielte mit 10,28 Millionen Zuschauern und einem Marktanteil von 33,4 Prozent die schwächste Quote der laufenden Staffel. Viele sehen das ZDF-Unterhaltungsschlachtschiff bereits sinken. Zu wenig internationale Stars, langweilige Wetten und vor allem zu wenig jüngere Zuschauer. Doch diesmal wollte Gottschalk allen zeigen, dass noch lange mit ihm zu rechnen ist.

Es war vor allem eine Sendung der musikalischen Comebacks. Gleich zu Beginn waren die amerikanischen Superstars von R.E.M. an der Reihe. Vor allem in puncto Bühnendekoration ließ der Revival-Abend schlimmes befürchten. Denn lange wirkten die Kulissen bei "Wetten, dass..?" wie von Farbenblinden in der Dunkelkammer entworfen. Doch welche Überraschung! Die Bandmitglieder präsentierten ihren gradlinigen Gitarrenrock in schwarzer Garderobe auf einer schlichten Bühne. Mit knappen Worten verabschiedete Gottschalk seine Stargäste nach ihrem unspektakulären Auftritt: "Guys over 40 - that's what we need!"

Dann stand leichte Klassik auf dem Programm, der übliche Kessel Buntes einer öffentlich-rechtlichen Samstagabendshow. Rolando Villazón, ein Klassik-Star mit beeindruckender Stimme und ebenso erstaunlichen Augenbrauen, schmetterte eine Arie. Im Anschluss knödelte er im Duett mit Thommy um die Wette. Als Überleitung zu Gottschalks neuer Casting-Show "Musical Showstar 2008", für die der Moderator inständig um Zuschauer bat: "Tun Sie mir einen Gefallen und schalten Sie ein!".

"Udo und ich sind Buddies, dass das erst mal klar ist"

Schließlich das letzte Comeback des Abends. Udo Lindenberg stellt sein gefeiertes neues Album "Stark wie zwei" vor. "Wenn du durchhängst" - ein Titel wie geschaffen für die marode ZDF-Sendung. Doch Udo, der in seinem engen schwarzen Anzug wie der kleine Bruder von Karl Lagerfeld aussah, hatte bereits im Vorfeld den Nebenjob als Wettpate auf dem Sofa öffentlich verweigert. Sichtlich gekränkt von dieser Absage ließ Gottschalk ("Udo und ich sind Buddies, dass das erst mal klar ist") eine Couch auf die Bühne tragen, um doch noch zu einem gemeinsamen Bild mit dem Nuschelrocker zu kommen: "Wenn Udo nicht zur Couch kommt, dann kommt die Couch zu Udo." In solchen Momenten tat einem Gottschalk schon fast leid. Die Kritik, die er sich in letzter Zeit immer öfter anhören musste, und die Selbstkritik, die er kürzlich in der "Zeit" von sich gab - das alles lag wie eine dunkle Wolke über der Unterhaltungssendung. Es wird langsam einsam um den alternden Entertainer.

Die berühmte Couch von "Wetten, dass..?", sonst ein Tummelplatz für Kurzzeitauftritte und körperliche Annäherungsversuche, auf der sich einst internationale Showgrößen und deutsche TV-Stars die Sofakissen in die Hand gaben, sie blieb auch diesmal während der überlangen Sendezeit spärlich besetzt. Das ganze wirkte wie eine Party, deren Gäste aus vollkommen inkompatiblen Freundeskreisen zusammengewürfelt wurden, und deren Gastgeber dazu verdammt war, das stockende Gespräch mühsam am Laufen zu halten.

Im Gegensatz zu den drei Biathletinnen Magdalena Neuner, Kati Wilhelm und Andrea Henkel, die ihren neuen Film vorstellen und als Wettpatinnen die Daumen drücken durften, verabschiedete sich die gebürtige Erfurterin Yvonne Catterfeld nach kurzem Sofageplänkel zur Außenwette: "Ich muss jetzt mal los, auf den schönen Domplatz." Der Berliner Comedian Kurt Krömer war zuständig für die obligatorische Comedy-Quote. Während Gottschalk nicht müde wurde, auf die Gemeinsamkeiten mit dem ARD-Komiker hinzuweisen, wurde doch überdeutlich, was die beiden trennt: Hier der familienfreundliche Konsens-Kalauer von Thommy, dort der derbe Humor des Neuköllners. Krömers eher holprig vorgetragene Stand-up-Comedy kam beim Erfurter Studiopublikum überhaupt nicht an, sodass ein einsamer Fan den Kultkomiker völlig aus dem Konzept brachte ("Solche Typen hab ich gefressen: Nischt inner Hose, aber im Puff drängeln!").

Kahn: "'Ich' hat jetzt nicht unbedingt mit mir zu tun"

Auch Torwartlegende Oliver Kahn konnte die Gästerunde kaum bereichern. Mit kurioser Schirmmützenfrisur war der Bayernspieler in die Thüringische Landeshauptstadt geeilt, um sein neues Buch "Ich" vorzustellen und zugleich eine erstaunliche Kernthese zu präsentieren: "'Ich' hat jetzt nicht unbedingt mit mir zu tun." Deutlich gesenkt wurde der Altersdurchschnitt der Runde durch die Söhne Uwe Ochsenknechts, Jimi Blue und Wilson Gonzalez. Zum Dank mussten die "Wilden Kerle" nach verlorener Wette ein Eisbad in einem Bottich nehmen.

Für das internationale Flair auf dem Sofa hatte man sich ausgerechnet Paris Hilton ausgesucht. Es war bereits ihr zweiter Auftritt in einer "Wetten, dass..?"-Sendung. Nach einer langwierigen Vorstellungsrunde mit gefühlten 200 "nice to meet you"s räumte sie mit Gerüchten um ihren geheimnisumwitterten Vornamen auf: Nein, die französische Hauptstadt sei nicht ihr Zeugungsort. Gottschalk zeigte sich wenig überrascht von dem Dementi: "Sonst müsste mein Sohn Düsseldorf heißen." Bei der frischverliebten Hotelerbin ("Ich bin ganz treu - vor allem zurzeit") hatte man sich einen besonders originellen Wetteinsatz einfallen lassen. Sie musste sich mit einer Zuschauerin und Thomas Gottschalk in einem Passbildautomaten fotografieren lassen. Und so durfte sie schließlich das tun, was sie sowieso am besten kann: lächeln und hübsch aussehen. "That was fun!" Na ja.

Dosen und Bierdeckel

Die meisten Wetten hatten kaum mehr Unterhaltungswert. "Du siehst aus wie ein amputiertes Engelchen", beschrieb Gottschalk passend seinen ersten Wettkandidaten, einen schmächtigen Elftklässler, der zwischen seinen hervorstehenden Schulterblättern dennoch 20 Getränkedosen zerdrückte. Immerhin reichte diese Form der Altmetallverwertung zum Wettkönig. Kaum spannender war der vergebliche Versuch, fünf Besen gleichzeitig frei im Raum hinzustellen (Gottschalk: "Keine Zauberei, kein Uri Geller"). Ein anderer blieb gleich auf einer Liege liegen, um 40 Bierdeckel auf seiner Stirn zu stapeln.

Am dramatischsten war ausgerechnet die Kinderwette, die außer Konkurrenz lief. Ein Zwölfjähriger kletterte eine fünf Meter hohe Holzwand auf Dartpfeilen hoch. Schon das Werfen der Pfeile bekam dankbaren Szenenapplaus, der erste wirkliche Höhepunkt nach einer Stunde Sendezeit. Da konnte dann auch nicht mehr die gewonnene Saalwette mithalten: Halb Erfurt badete bei eisigen Temperaturen auf dem Domplatz in mitgebrachten Bottichen, darunter auch zwei Mädchen oben ohne. Gottschalk zu Paris Hilton: "Siehste, das ist German TV". Gottschalks Abschiedsworte, mit denen er sich mit "Wetten, dass..?" in eine sechsmonatige Sommerpause verabschiedete, wirkten denn auch wie eine trotzige Durchhalteparole: "Wir machen jetzt mal länger Pause. Damit Sie merken, ob wir Ihnen fehlen."

 
 
KOMMENTARE (10 von 27)
 
typisch (31.03.2008, 13:05 Uhr)
alternder kritiker?
und dann ist der hämische kritiker so auf der höhe, dass er auf den inszenierten zuschauergag von kurti krömer reinfällt. malte krebs glaubt wahrscheinlich auch, dass tagesschausprecher die nachrichten spontan und auswendig vortragen?
zuddi (31.03.2008, 12:53 Uhr)
Erstaunlich...
immer wieder erstaunlich. Es ist doch eigentlich allen klar, was einen in etwa erwartet, wenn man Wetten dass anschaut. Wenn mir diese Sendung nicht gefällt, schau ich sie mir nicht an. So einfach ist das. Da muss ich dann auch nicht rumnölen, wie besch.. das mal wieder war und wie langweilig. Einfach nicht anschauen. Ich hab's gesehen und ich fand's unterhaltsam - mehr hab ich nicht erwartet. Aber es ist natürlich so schön, wenn man rummotzen kann...
mona.lisa (31.03.2008, 12:28 Uhr)
Zum Einschlafen Spitze - weg in 10 Sekunden!
Ganz früher war Wetten daß eine Sendung mit Wetten, die meistens wirklich spannend waren.
Dann rückten die Wetten immer mehr in den Hintergrund, aber die Gäste waren interessant.
Jetzt sind die Wetten im Hintergrund nur noch langweilig, und die vordergründige Unterhaltungsshow mit uninteressanten Gästen und einem eingeschlafenen Moderator ist nur noch fürs Einschlafen gut.
Ein Geheimtipp für alle Schlaflosen: in 10 Sekunden liegt man im Tiefschlaf!
Daher: bitte NICHT diese Sendung einstellen!
guzziman (31.03.2008, 12:24 Uhr)
Irgendwann
ist halt auch mal das beste Konzept ausgelutscht Und auf "Gäste" wie die Hilton (würg) oder Lindi, der seine einzig kreative Zeit in den Siebzigern hatte (wo ich ihn übrigens noch gut fand, z.B. 8 Days in April, für die Insider) und dann auf der grünen-Welle ritt, tierisch unterging und jetzt so Loser wie Jan Delay (oberwürg) nötig hat, kann ich liebend gern verzichten. Der einzige Lichtblick scheint ja wohl REM gewesen zu.
DjangovdH (31.03.2008, 12:08 Uhr)
Abschaffung bzw. Rücktritt
An alle, die hier die Abschaffung der Sendung oder den Rücktritt von T. Gottschalk fordern: SEIT IHR ALLE VÖLLIG VERRÜCKT???? Wetten dass??? und Thomas Gottschalk sind im Unterhaltungsbereich noch das Einzige, was bei den öffentlich Rechtlichen ein halbwegs hohes Niveaulevel erreicht.
Wenn die in der Chefetage bei ARD/ZDF mal endlich lernen würden, wie man anständig wirtschaftet. Davon haben die nämlich keine Ahnung.
Schwaebin (31.03.2008, 11:22 Uhr)
Der Film...
auf RTL mit Michael Douglas war gut. Hab dann in den Werbepausen ab und an zu Wetten dass gezappt. Aber im Gegensatz dazu war sogar die Werbung interessanter.
tri.star (31.03.2008, 10:55 Uhr)
komatös langweilig
Mein Gott(schalk) wie öde kann dieses Format noch werden? Nach glücklichen Jahren des ignorierens hab ich am Samstag mangels Alternativen ab 22:15 den Schluß der Show ertragen. Es begann mitten in Lindenbergs Gesangsversuchen, ein eher einschläferndes Stück eines bereits heute gestrigen Interpreten. Dann das gequälte Sofaintermezzo, peinlich - aber es sollte noch peinlicher werden. Denn nun kam Paris Hilton, warum auch immer sie zur Show kam, weiß ich nicht, aber wer will die heute noch sehen. Außerdem gabs noch die Null-Humor Nummer des offensichtlich humorlosesten Berliner , den man sich denken kann. Mein Gott(schalk), jeder Opa der in Berlin bei Reichelt einkauft ist witziger, die Berliner Schnauze ist an diesem Männchen vollkommen vorbeigegangen. Ob er wirklich aus dem Konzept kam weiß ich nicht, wahrscheinlich hatte er kein Konzept aber dieses einsame Fanplakat sprach Bände - ein Totalflopp! Zum Glück gings dann schneller, der müde Wettsieger und die Aussenwette kamen wie im Schnelldurchlauf, noch mal Blumen für die damen und auf in die Sommerpause - möge sie bis in alle Ewigkeit dauern...
blwolf (31.03.2008, 10:40 Uhr)
Was guckst Du ?
Es würde mich schon mal interessieren, was die ganzen hochintellektuellen Wetten-dass-Kritiker so gucken? Wahrscheinlich bei den Privaten Dschungel-Show, DSDS und Big Brother !!!
Echoes (31.03.2008, 09:18 Uhr)
@andreas_n
ich bezog das natürlich auf das fernsehprogramm schlechtin, und da im besonderen auf samstag-abend-shows.
ansonsten haste recht. und danke für die mitleidsbekundungen.
AchazIII. (31.03.2008, 07:59 Uhr)
Wenn das Toupet nicht mehr richtig sitzt....
Es gibt eine Weisweit von alternden Damen, die sich vor dem Spiegel "schön" machen (müssen): Es dauert mit zunehmendem Alter immer länger.
Bei Männern ist das Pendant ein schlechtsitzendes Toupet, das beim besten Willen nicht mehr passen will.
Man sollte als mittlerweile unglaubwürdiger, lächerlicher "Berufsjugendlicher" aufhören, wenn man allmählich zur Karikatur seiner selbst wird. Sein Schäfchen dürfte G. doch im Trockenen haben - es sollte genug sein.
Ich bewundere die Leute, die sich via TV oder im Saal live hier 2 1/2 Stunden diese Sendung antun können.
Die Sendung wäre gar nicht mal so schlecht, wenn sie in "Musik& Gäste" umbenannt werden würde, die (ohnehin langweiligen) Wetten entfielen und ein jüngerer Moderator zum Zuge käme.
Und vor allem: In der Kürze (max. 60 Minuten) liegt auch hier die Würze.
Kein Mensch in den USA, im Mekka der Unterhaltung, bietet heute noch Shows über 60 Minuten an. Sonst ist Deutschland doch auch immer so USA-hörig.....
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