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20. September 2008, 08:49 Uhr

Deutschlands Burgunder-Wunder

Erstmalig gilt ein Ahr-Wein als weltweit bester Spätburgunder: Werner Näkel heißt sein Erzeuger. Immer mehr Weinfreunde greifen allerdings zum Frühburgunder. Er ist bezahlbar und gut. Von Pit Falkenstein

burgunder, ahr, wein

Die Zeit der blassen Weinchen ist vorbei. Ahr-Winzer wie Werner Näkel konzentrieren heute Kraft ins Glas© Thomas Frey/DPA/IRS

Deutsche, heißt es im Ausland, können vieles, nur keinen Rotwein. Und nun das: "Decanter", die weltweit einflussreichste Weinzeitschrift, hat den 2005er Dernauer Pfarrwingert zum weltweit besten Pinot noir (zu Deutsch: Spätburgunder) erklärt. Erzeuger: Werner Näkel, 55, vom Weingut Meyer-Näkel an der Ahr. Der Mann ist Ehrbezeugungen ja gewohnt - aber mehr in Deutschland. Dass sein Wein die Spitzenweine aus der Bourgogne geschlagen hat, das haut ihn "total von den Socken".

Burgunderweine kommen, wie der Name schon sagt, eigentlich aus Burgund, also der Bourgogne, auch wenn die Reben von dort heute weltweit angebaut werden. Das Leistungsniveau der Burgunder aus Burgund ist allerdings sehr unübersichtlich. Als ebenso edel wie kapriziös gilt der Pinot noir. In Burgund entstehen Säuerlinge daraus, aber auch Götterweine. Auf die sind die Franzosen so stolz, dass die Weine unbezahlbar sind. Als Konkurrenten gelten gerade mal die Kalifornier und ein paar Neuseeländer.

Dass jetzt ein Deutscher alle übertroffen hat, liegt auch am Klimawandel, mehr noch aber am wachsenden Können der deutschen Winzer. Leider kostet der Weltmeisterwein auch schon 48 Euro - pro Flasche. Womit er längst nicht der teuerste deutsche Spätburgunder ist. Wenn sich ein Winzer mit dieser Sorte auch nur einigermaßen anstrengt, dann sind die Preise gleich zweistellig.

Durchgehend hohe Qualität

Was das für Normaltrinker bedeutet? Dass sie sich am besten an den kleinen Bruder des Pinot noir halten, den Frühburgunder. Der war schon fast vergessen. Jetzt ist er wieder da, ebenfalls nicht zu verachten - und bezahlbar. Auch Näkel macht ihn. Weinfreunde treffen damit keine schlechte Wahl, wie auch wieder eine Ahr-Probe vor zwei Wochen bei der Industrieund Handelskammer zu Koblenz zeigte. Es gab zwei Durchgänge, erst Spät-, dann Frühburgunder. In der ersten Runde fand sich der wohl schönste Tropfen des Tages (wieder mal von Werner Näkel), aber es gab auch einige arge Ausfälle.

Bei der Runde der Frühburgunder hingegen war die Qualität durchgängig auf hohem Niveau. Der beste Wein kam vom Weingut Burggarten in Heppingen - der 2007er Neuenahrer Sonnenberg Fass 69. Was dem Winzer davon geblieben ist, dürfte bald ausverkauft sein, obwohl der glutvolle Schluck auch schon 17 Euro kostet.

Der Frühburgunder ist vermutlich eine Mutation des Spätburgunders. Herkunft: unbekannt. Zu Kaisers Zeiten war die Sorte weit verbreitet. Wegen der geringen Erträge verschwand sie jedoch nach und nach. In den 60er Jahren wurde sie aus dem Register der in Deutschland zugelassenen Rebsorten gestrichen.

Nur der Ingelheimer Winzer Julius Wasem blieb dem Frühburgunder treu. Er ließ sich als Erhaltungszüchter eintragen. Damit hat er die durchaus wertvolle Rebe vor dem Aussterben gerettet. Nach seinem Tode 1972 führten seine Söhne das Werk fort, und sie konnten einige Kollegen im Ort überreden, die Sorte wieder anzubauen. Heute freut sich Enkel Holger Wasem darüber, dass "dieser Wein wieder viele Freunde hat". Vor zehn Jahren gab es in Deutschland gerade mal noch 40 Hektar Frühburgunder. Nun sind es immerhin wieder 250. Das ist zwar nur ein Viertelprozentchen der deutschen Rebfläche, aber besser als gar nichts.

Üppiges Aroma, sanfte Säure

Das Manko dieser Sorte, dass sie zum Verrieseln neigt, also während der Blüte viele Fruchtansätze verliert, wird heute eher positiv gesehen. "Für volle Weine müssen wir beim Spätburgunder im Sommer mühsam Trauben herausschneiden. Beim Frühburgunder macht das die Natur von selbst", sagt Wasem. Auch die frühe Reife liegt den Winzern. Dadurch verteilt sich die Rotweinernte über einen längeren Zeitraum.

Das eigentliche Plus aber sind die üppigen Fruchtaromen, die an Süßkirschen, mitunter auch an Erdbeeren erinnern. Dazu kommt eine sanfte Säure. Der Kellermeister darf nur nicht mit dem weichen Geschmack übertreiben, sonst gerät der Wein rasch zur Trinkmarmelade. Näkel hat beobachtet, dass vor allem Frauen den Frühburgunder schätzen. Wasem in Ingelheim bestätigt das nur zum Teil: "Ich kenne eine Menge Männer, die den Wein gerne trinken."

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 38/2008

Von Pit Falkenstein
 
 
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