Der Elektroingenieur machte 1984 Schlagzeilen durch seine Selbstjustiz - er schoss in der New Yorker U-Bahn vier junge Schwarze nieder, von denen er sich bedroht fühlte.

Bernhard Goetz, 60, im Park beim Füttern der Eichhörnchen. Ihm wurde versuchter Mord vorgeworfen. Goetz war nach den Schüssen in der Bahn zunächst geflohen, hatte sich aber gut eine Woche später gestellt© Heather Johnson/WPN
Ja, wieder. New York ist viel sicherer geworden. Seit circa zehn Jahren trage ich keine Waffe mehr, wenn ich aus dem Haus gehe.
Klar! Eine Menge Typen wollten sich an mir rächen. Zweimal wäre es fast wieder zu Schießereien gekommen.
Es gibt ein altes Sprichwort: In New York braucht man zwei Dinge, um eine Waffe tragen zu können: eine Knarre. Und einen Waffenschein. Eines davon habe ich, am anderen arbeite ich noch …
Knast war nicht so schlimm. Ich habe mich mit einem Schwarzgurt in Karate befreundet und hatte meine Ruhe.
Stimmt, aber ich habe bis heute keinen Cent gezahlt. Ich bin pleite, habe nur mein Existenzminimum. Außerdem, das Urteil war lächerlich.
Warum sollte ich? Sie waren keine Opfer. Sie hatten mich bedroht. Wenn Sie eine Bank überfallen, müssen Sie ja auch damit rechnen, erschossen zu werden. Natürlich ist es schlimm, wenn ein Mensch verkrüppelt wird. Ich wollte das nicht. Ich hätte ihn lieber getötet.
Es ist viel Mist über mich erzählt und geschrieben worden. Von wegen, ich hätte zu Cabey (dem Opfer, das heute im Rollstuhl sitzt, Anm. d. Red.) gesagt: "Du siehst gar nicht so schlecht aus, hier ist noch eine", und ihn dann zum zweiten Mal angeschossen. Das ist Quatsch. Ich hatte gar keine Kugel mehr.
Sicher. Ich befand mich in einer extremen Situation. Voller Adrenalin. Ich hörte nichts und hatte im rechten Augenwinkel eine Strichliste mit abgefeuerten Schüssen, ähnlich wie bei einem Videospiel.
Nein. Aber ich wollte auf Missstände aufmerksam machen und vor allem Vegetarismus propagieren. Gott hat uns Tiere nicht anvertraut, damit wir sie essen.
Ich bin mir nicht sicher. Mein Bruder hat mich immer schwer beeinflusst, und der ist Atheist. Er fiel vom Glauben ab, nachdem ihm Kirchenmitarbeiter seine Kekse weggenommen hatten.
Ich verkaufe elektronische Geräte, engagiere mich in einem vegetarischen Verein ("Viva Vegie") und füttere Eichhörnchen.
Ja, die brauchen mich im Winter. Eichhörnchen sind außerdem die besten Haustiere. Sie sind anschmiegsam, verspielt und machen wenig Dreck. Vor fünf Jahren starb mein Lieblingseichhörnchen, danach fiel ich in eine tiefe Depression.
Es war das erste Mal, dass ich Liebe zu einem Tier empfand. Noch heute kann ich keine Musik mehr hören. Alles erinnert mich an das Eichhörnchen.
Ich wünschte, ich hätte eine Frau und Kinder, wünschte, ich wäre beizeiten aus New York weggezogen. Jetzt bin ich zu alt für all das. Die Würfel sind nun mal so gefallen.
Interview: Severin Mevissen
Übernommen aus ...
Ausgabe 05/2008
Zur Person Bernhard Goetz wurde 1947 in New York als Sohn deutscher Einwanderer geboren; er studierte Elektrotechnik. Schon 1981 wurde er bei einem Überfall verletzt, trug seither eine Waffe. Am 22. 12. 1984 war Goetz auf dem Weg zu einer Weihnachtsfeier, als ihn vier Rowdys in der U-Bahn nach Geld fragten. Er fühlte sich bedroht, rief "Ich gebe jedem von euch fünf Dollar" - und schoss auf alle vier. Dabei verletzte er einen schwer. Ein Gericht erkannte die Schießerei später als Notwehr an. Goetz lebt noch immer in New York.