Nie wieder ... rosa Herrenhemden!

Sonny Crockett, Nelson Mandela, Johnny Rotten - es gab in der jüngeren Geschichte nur wenige Vertreter des starken Geschlechts, die mit Anstand und Würde die wohl schwierigste Farbe der Männermode tragen konnten. Für alle anderen: Lasst es endlich sein! Rosa ist was für Mädchen. Von Dirk van Versendaal

Herrenmode, Männermode, Hemden, rosa

Was will uns diese Farbe sagen? Wir hören zu, wenn Frauen reden? Wir fühlen mit? Oder ist, wer Schweinchenfarbe trägt, heimlich selbst ein Mädchen?©

Farbfehlsichtigkeit, landläufig auch Farbenblindheit genannt, betrifft vor allem das männliche Geschlecht. Jeder zwölfte Mann ist im Durchschnitt farbuntüchtig, hat diesen Mangel väterlicherseits erworben und wird ihn womöglich auf seine Söhne und männlichen Enkel vererben. So weit, so bekannt. Doch woran nun erkennen wir diese Männer? Mutmaßlich an ihren rosa Oberhemden - sind doch die für die Roterkennung zuständigen Gene auf dem weiblichen X-Chromosom gelagert. Immanuel Kant schrieb 1790 von "unserer Anmaßung, Geschmacksurteile zu fällen" und davon, dass es "keine Wissenschaft des Schönen gibt, noch geben kann". Der Mann hatte leicht reden, musste er doch nicht miterleben, wie etwa Johannes B. Kerner und Reinhold Beckmann die Fernsehkultur seines Landes in rosa Herrenhemden auf tiefen Grund setzten, von wo aus sie sich schließlich bis ins Bankwesen und in konservativste Elitekreise ausbreitete. Was wollen die Herren Rosaträger uns sagen? Wir sind gar nicht so dröge, wie wir aussehen? Wir hören zu, wenn Frauen reden? Wir fühlen mit?

Als im Sommer 2005 die ersten schweinchenfarbenen Hemden die Mailänder und Pariser Laufstege erklommen, hatte das nur einen einzigen wie banalen Grund: die Rückkehr der Farbe Weiß in die Mode. Einzig Rosa und Schwarz nämlich vermögen es, das auf Dauer fade Weiß aufzupeppen. Vergebens mühte sich Stefano Gabbana, dem Rosa damals höhere Weihen zu verschaffen. "Rosa ist die Farbe der Romantik", erklärte er vage, "und dies ist eine Saison der Romantik." Aha. Auf die Frage, wie er es denn persönlich mit dem Rosa halte, antwortete er: "Ich bevorzuge die dunkleren Farben." Da hatte es sich wieder einmal selbst entlarvt, das locker dahingeplauderte Designermärchen. Kaum ein Mann versteht es, Rosa mit Anstand zu tragen: Nelson Mandela ("Mein Hang zum bunten Hemd hat wohl seine Ursache in den langen Jahren in grauen Gefängniszellen"), Don Johnson, der als "Sonny" Crockett in der 80er-Jahre-Serie „Miami Vice“ als Pastellflamingo Koksdealer jagte; mit Abstrichen John Lydon, alias Johnny Rotten, der als Sex Pistol in der Pflicht stand zu tun, was sich nicht gehörte, und also in Apricot oder Tulpenrosa auf der Bühne fuhrwerkte. Nicht zu vergessen Jacqueline Kennedy, die ihre Lieblingsfarbe 1962 zum Modetrend des Jahres machte. Aber Jackie war ja auch eine Frau.

Wollen Männer über 15, die Rosa lieben, Frauen sein?

Rosa nämlich steht für Barbie, Babypopo und Erdbeershake, für lieblich Süßes und zarte Zuneigung, aber auch für Hass und Geringschätzung, mit der Jungen unter 15 der Farbe Rosa begegnen, weil sie partout keine Mädchen sein wollen. Gilt hier auch der Umkehrschluss? Wollen Männer über 15, die Rosa lieben, Frauen sein? Fragen Sie mal Tim Wiese. Der Torhüter des SV Werder Bremen bekam von der Trikotagenfirma Kappa ein eng geschnittenes, rosafarbenes Trikot verpasst, weil die Herren Ausstatter fanden: "Das Rosa ist spannend und spektakulär, eben typisch italienisch!" Das war eine Anspielung darauf, dass der Kultklub Juventus Turin auswärts in seidigem Blassrosa kickte (bevor er wegen arglistiger Manipulationen in den Zwangsabstieg taumelte). An Wiese jedoch war nichts italienisch, er sah aus wie eine halbgare Presswurst, und die Spottgesänge der gegnerischen Fans trafen ihn mit Wucht: "Wiese ist ’ne Frau, Wiese ist ’ne Frau", sangen sie, und: "Da steht’n Homo im Tor." Gemein, oder? Nicht wirklich. Es gibt eben Dinge, die das ästhetische Empfinden schwer verletzen. Aus Mangel an Symmetrie, strukturellem Durcheinander, farblicher Inkongruenz et cetera. Dazu gehören psychedelische Autolackierungen, geplatzte Grillwürstchen und rosa Männerhemden. Und vielleicht stimmt ja, was der Farbentheoretiker Max Lüscher behauptet: Farben sind "visualisierte Gefühle", sie sind "Resonanzkräfte, die den Menschen zum Mitschwingen veranlassen". Wenn demnächst mal der Boden unter Ihren Füßen wackelt, wenn Ihnen schwindelt, dann sehen Sie sich um: Es könnte ein Mann im rosa Hemd in der Nähe stehen.

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