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Liam Gallagher: Der ewige Rotzlöffel wird (zum Glück nicht) erwachsen

Beim Reeperbahn Festival in Hamburg wird Liam Gallagher als Überraschungsgast sein neues Solo-Album vorstellen. Nicht nur für Oasis-Nostalgiker ist das ein Pflichttermin. Über die besondere Magie eines der letzten Rockstars.

Auf Krawall gebürstet: Liam Gallagher im Juli beim spanischen Benicassim-Festival in seinem Element

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Kann es einen moderneren Mann als geben? Wohl kaum, denn der britische Rockstar schafft es wie keine andere öffentliche Person, mit minimalem Aufwand maximale Wirkung zu erzielen. In einer Ära wie unserer, in der Effizienz zu den höchsten Qualitäten zählt, könnte er also allein mit dieser Gabe als Vorbild funktionieren. Gallagher gelingt das allerdings schon seit jeher auf der Bühne, ob früher als Oasis-Sänger oder heute als Solo-Künstler: den Oberkörper unters Mikrofon gekrümmt, den Blick stoisch und schlecht gelaunt, die Hand um den Schellenkranz gekrallt. Aber eben auch diese keifende Gesangsstimme, mit der er alle(s) erledigt.

Gallagher ist damit zum Idol für eine ganze Generation von Musikern geworden, von Killers-Sänger Brandon Flowers bis zum deutschen Rapper Casper berufen sich die unterschiedlichsten Künstler auf ihn. Weil er die Hymnen ihrer Jugend gesungen hat, geschrieben von seinem Noel. Zurzeit sind beide einander mal wieder in leidenschaftlichem Hass verbunden, auch wenn sich Fans nichts sehnlicher wünschen als eine Wiedervereinigung. "Wenn du mich küsst, schreibt Noel wieder Songs für Liam", haben Kraftklub in ihrem Hit "Songs für Liam" diese Sehnsucht schon vor Jahren auf den Punkt gebracht.

Liam Gallagher: Überraschungsgast in Hamburg

Bis es so weit ist, machen die Brüder ihr eigenes Ding: Noel schon seit einigen Jahren mit seiner Begleitband "High Flying Birds", Liam aktuell mit seinem ersten Soloalbum "As You Were", das Anfang Oktober erscheint und das er beim Reeperbahn Festival in Hamburg mit einem Überraschungskonzert erstmals in Deutschland präsentieren wird.

Die Vorab-Singles wecken durchaus Interesse: "Wall of Glass" oder "Chinatown" sind reife Britpop-Perlen, die man von Liam so nicht unbedingt erwarten konnte. Als Songwriter machte er zu Oasis-Zeiten kaum einen Stich gegen den großen Bruder, auch wenn mit "Songbird" zumindest ein kleiner Klassiker der großen Band höchstpersönlich aus seiner Feder stammt. Für "As You Were" hat er bei den Aufnahmen in London in Los Angeles mit Greg Kurstin und Dan Grech-Marguerat aber offenbar genau die richtigen Produzenten gefunden.

Musikalisch tut ihm das gut. Aber so erwachsen er auf Platte inzwischen klingt, so wenig hat sich an der grundsätzlichen Mentalität des gerade 45 Jahre alt gewordenen Gallaghers geändert. Wie ein ewiger Rotzlöffel schimpft er immer noch auf alles, was ihm nicht in den Kram passt: Kollegen, Klamotten, Konzerte - was Gallagher nicht gefällt, tut er mit verlässlich und mit hohem Unterhaltungsfaktor kund.

Dieser amüsante Missmut macht einen nicht zu unterschätzenden Teil von Liams Magie aus: Welcher erwachsene Mensch wünscht sich nicht manchmal, die Regeln noch einmal so bestimmen zu können wie damals im Sandkasten? Unliebsame Spielkameraden einfach aus dem Weg zu schubsen? Sich auf nichts einzulassen, worauf man keine Lust hat? Seine Meinung hinauszuposaunen, ganz egal, ob es jemanden interessiert oder nicht?

Die Oasis-Generation ist jetzt alt genug für Nostalgie

Liam hat diese Attitüde über die Jahre im Rock 'n' Roll-Rampenlicht perfektioniert und lebt sie stellvertretend für alle großen Jungs und Mädchen aus, die sich solche Frechheiten im Alltag natürlich nie erlauben würden. In kreuzbraven AnnenMayKantereit-Zeiten verkörpert er damit mehr denn je einen der letzten Rockstars im ursprünglichen Sinne. Nie haben wir ihn deshalb dringender gebraucht als heute. Ganz zu schweigen davon, dass die Oasis-Generation inzwischen selbst alt genug ist für ein bisschen Nostalgie - und wer steht strammer für die guten, alten Zeiten als Liam?

An die erinnert er sich auch selbst ganz gerne - wenngleich auf seine ureigene Art: In den sozialen Medien ist gerade ein Video zum Hit geworden, in dem Liam Tee kocht. In den 90ern, sagt er da, hätten das noch vier andere Leute für ihn erledigt. Heute müsse er seinen Tee selbst zubereiten, weil das Geld knapp sei. Und warum? Weil "all die kleinen Klugscheißer" keine Platten mehr kaufen würden: "Und dann wundern sie sich, warum es keine echten Rock'n'Roll-Stars mehr gibt!" Klingt nach logischer Konsequenz. Zum Glück gibt Gallagher höchstpersönlich die Ausnahme von dieser Regel.

 

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