Schule ist Energieverschwendung

30. September 2012, 11:25 Uhr

Kinder können viel mehr, als wir ihnen zutrauen. Ihre Fähigkeiten verkümmern, weil Anerkennung immer von guten Noten abhängt. Fördert endlich alle Talente. Ein Plädoyer von stern-Reporter Uli Hauser

Pauken nach Plan

So erfahren Kinder, was Psychologen Selbstwirksamkeit nennen: kompetent darin zu sein, das Leben selbst meistern zu können. Doch dann kommen sie in die Schule und hören sich an, was andere sich für sie ausgedacht haben. Jetzt wird nach Plan gepaukt. Lernen mit Lehren verwechselt. Und jedem Kind, das vorher doch Experte für sein eigenes Leben war, wird nun bedeutet, was es sich wann in welcher Geschwindigkeit gefälligst zu merken hat. Wie beleidigend.

Denn mit der Geburt gelingt jedem Menschen ein Wunder: Sein Gehirn kann nicht nur seinen Körper und alle im Körper ablaufenden Prozesse steuern. Sondern vermag auch, all das zu lernen, worauf es im späteren Leben ankommt. So verfügt jedes Kind über ein ganz besonderes, für die Organisation seines Körpers und für sein weiteres Wachstum und seine weitere Entwicklung optimal geeignetes Gehirn.

Das sind sensationelle Voraussetzungen für ein gelungenes Leben. Von da an ist Lernen kinderleicht: Aufgabe von Schule und Erziehung muss nur sein, jedem Kind eine Welt zu bieten, in der es Gelegenheit bekommt, möglichst vieler der im Hirn angelegten Vernetzungsoptionen zu stabilisieren. Und so viele gute Erfahrungen wie möglich zu machen. Um immer wieder zu erleben, was alles geht.

Wenn wir darüber nachdenken, wie Schule heute organisiert sein müsste, sollten wir uns an diesen frühen Erfahrungen orientieren. Kinder wollen gestalten. Nicht verwaltet werden. Sie wissen, was sie wollen. Sie sagen, was sie denken. Sie sind, wovon heute so viele so gern reden: "authentisch".

Schulleiter, die etwas wagen

Wir leben in einer spannenden Zeit. Umbruch und Aufbruch allerorten. Die Welt ist in Bewegung. Doch Deutschlands Schüler hocken den ganzen Tag auf ihren Stühlen. Jede Stunde ein neues Thema, jede Woche ein neuer Test. Einmal im Jahr ist Wandertag, sonst haben sie still zu sitzen. Wie wäre es, wenn sich eine Klasse jeden Tag auf den Weg machte und die Ausnahme zur Regel würde? Die Schüler und Lehrer sich gemeinsam eine Aufgabe suchten, unter verschiedenen Aspekten? Aus mathematischer, aus physikalischer, aus philosophischer Sicht?

Einige wenige Schulleiter wagen, die Lehrpläne radikal zu entrümpeln. Sie führen Fächer ein wie "Verantwortung" oder "Herausforderung" wie an der wahrscheinlich besten Schule Deutschlands, der "Evangelischen Schule Berlin Zentrum", sie schicken ihre Schüler in Altersheime oder auf selbst organisierte Reisen. Zu Handwerkern und Künstlern.

Und sie fühlen sich bestätigt von Meldungen wie dieser: 40 Prozent der Unternehmer, von der Deutschen Industrie- und Handelskammer jetzt nach Einstellungskriterien befragt, geben an, bei Bewerbern mehr auf "gute persönliche und soziale Kompetenzen" als auf schulische Leistungen zu achten. Ihnen sind Fähigkeiten wie Teamgeist und Rücksichtnahme, Empathie und Umsicht wichtig.

Den Charakter schulen und die Persönlichkeit, das Miteinander üben und nicht das Gegeneinander: Das ist es, worauf es ankommt. Und auf Erwachsene, die nicht verdrängt haben, wie mies sie sich gefühlt haben, wenn andere über sie bestimmen wollten. Es gibt Erfahrungen, die nicht jede Generation von Neuem machen muss.

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