Der Bundestag hört heute Experten zum Thema "Killerspiel"-Verbot an. Im stern.de-Interview sagt der Kriminologe Christian Pfeiffer, wie Spiele auf Jugendliche wirken, welche er verbieten würde und welche auf den Index gehören - und er schlägt eine Sonderabgabe vor.

Muss man "Killerspiele" verbieten? Oder auf den Index setzen? Beides, findet der Kriminologe Christian Pfeiffer© Axel Schmidt/DDP
Ich denke, beides sollte nebeneinander geschehen. Der bayerische Vorstoß wird nur extrem gewalthaltige Computerspiele erreichen können. Er ist ein Akt symbolischer Gesetzgebung, den ich allerdings als wichtig erachte. Es ist Aufgabe des Staates, einmal Flagge zu zeigen und Spiele wie etwa "Der Pate", das bei uns ab 18 Jahren frei gegeben ist, strafrechtlich zu verbieten. Daneben gibt es jedoch eine Fülle von etwas weniger gewaltorientierten Spielen, bei denen wir davon ausgehen, dass sie schädliche Wirkung auf Kinder und Jugendliche entfalten. Bei diesen ist ein differenziertes Vorgehen nötig. Da eignen sich die Vorschläge von Frau von der Leyen und Herrn Laschet bestens.
Warum sollte ein Verbot ineffektiv sein? Schon jetzt wissen wir, dass bereits Indizierungen höchst effektiv sind. Wir wissen, dass 82 Prozent der 14- bis 15-jährigen Jungen zumindest gelegentlich Spiele spielen, die erst ab 18 Jahren frei gegeben sind. Gleichzeitig haben wir durch unsere Befragung klären können, dass nur knapp 5 Prozent von ihnen Spiele spielen, die indiziert sind, weil sie diese nämlich gar nicht kennen. Die sind von der Werbung ausgenommen, man kann sie in Kaufhäusern nicht sehen. Dass Erwachsene sie unter dem Ladentisch gegen Ausweisvorlage bekommen, führt nicht dazu, dass sie zu Prestigeobjekten der Jugendkultur auf dem Schulhof werden. Von daher verspreche ich mir von einer Herausnahme solcher Spiele aus dem Markt, die bei der Gewalt deutlich überziehen, doch große Effekte auf den Bekanntheitsgrad dieser Spiele und damit auf den Verbreitungsgrad.
Nein, weil die Empirie das Gegenteil bestätigt. Nur 0,2 Prozent der zehnjährigen Jungen etwa haben Erfahrungen mit indizierten Spielen, die durchaus alle im Internet verfügbar wären. Aber jeder zweite zehnjährige Junge hat schon mal Spiele gespielt, die ab 16 sind. Der Bekanntheitsgrad ist es, der niedrig gehalten wird, wenn ein Spiel verboten oder indiziert wird. Von daher sind beide Maßnahmen hoch geeignet, Kinder zu schützen und der Industrie klar zu machen, dass sie sich auf ein risikoreiches Gelände begibt, wenn sie extrem gewalthaltige Spiele produziert. Die Industrie weiß dann: Sie riskiert massive Gewinneinbrüche bis hin zu Verlusten.
Das sind solche, in denen der Spieler die Rolle eines Verbrechers einnimmt, der lustvoll andere foltert, tötet, der extreme Gewalt ausübt. Dafür ist "Der Pate" auch im Bundestag mein Beispiel, wenn ich dort das Spiel vorführen und die Gebrauchsanweisung verlesen werde.
So in etwa könnte man das machen. Oder GTA [Grand Theft Auto] würde indiziert und "Der Pate" verboten werden. Beide Wege hätten große Effekte. Die Tatsache, dass eine kleine Gruppe sich die Spiele dann trotzdem aus dem Internet herunter lädt ist nicht relevant. Entscheidend ist, dass die Industrie klare Signale vom Staat bekommt, was erlaubt ist und was nicht erlaubt ist.
Dazu gleich. Aber viel wichtiger ist für uns der Befund, den wir selbst erarbeiten konnten, dass solche Spiele eine destruktive Wucht auf die Schulnoten entfalten. Je mehr Zeit Kinder und Jugendliche mit solchen Spielen verbringen und je brutaler die Inhalte sind, umso schlechter fallen die Schulnoten aus. Das interessiert die Eltern am meisten. Und dass dann noch eine kleine Gruppe von ohnehin gefährdeten Jugendlichen dazu animiert wird, noch tiefer in ihre Machokultur einzutauchen und diese Gewaltmuster zum Vorbild zu nehmen, das ist für die meisten Eltern irrelevant, weil sie keine gefährdeten Kinder haben. Der sorgsam gehütete Jüngste ist dann etwa kaum in Gefahr, ein Gewalttäter zu werden, wohl aber ist er in Gefahr, in Mathe einen Fünfer zu schreiben. Die Wirkung auf die Schulnoten ist viel entscheidender. Wir können klar belegen, dass die Leistungskrise der Jungen in einem beachtlichen Ausmaß damit zusammenhängt, dass sie zu viel Zeit verdaddeln und zu wenig Zeit aufs Mathe- und Vokabelnlernen verwenden.
Zur Person Der Rechtswissenschaftler Christian Pfeiffer, 63, ist Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. Als Professor hat er einen Lehrstuhl an der Universität Hannover, ist derzeit jedoch beurlaubt. Von 2000 bis 2003 war das SPD-Mitglied Pfeiffer niedersächsischer Justizminister.
Ihre Meinung
Ist es richtig, besonders gewalthaltige "Killerspiele" zu verbieten? Ist es sinnvoll, andere auf den Index zu setzen? Kann man so einer Verrohung männlicher Jugendlicher und schlechten Schulnoten entgegenwirken?
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