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6. Juli 2005, 14:44 Uhr

Der "Ozean der Weisheit" wird 70

Der 14. Dalai Lama ist durch seine Weisheit und Freundlichkeit weltweit beliebt. Meist lächelt er, auch wenn sein eigenes Schicksal wenig Grund dafür bietet. Mit 70 Jahren denkt er allmählich über die Zeit nach seinem Tod nach.

Tenzin Gyatso, der 14. Dalai Lama, wird 70 Jahre alt. Seit 1959 war er nicht mehr in seiner Heimat Tibet© Munish Sharma/Reuters

Seit Jahrzehnten predigt er Gewaltlosigkeit und Toleranz, obwohl sein Volk unterdrückt wird. Meist lächelt er, auch wenn sein eigenes Schicksal wenig Grund dafür bietet. Seine Weisheit und seine Freundlichkeit haben Tenzin Gyatso, besser bekannt als der 14. Dalai Lama, weltweit bekannt und beliebt gemacht. Am 6. Juli wird das geistliche und weltliche Oberhaupt der Tibeter 70 Jahre alt. Trotz seines selbstlosen Engagements, trotz seiner weltweit vorgetragenen Bitten um Unterstützung für die Sache der Tibeter: Von seinem Ziel, das Leid seines Volkes zu beenden, scheint der Friedensnobelpreisträger von 1989 weit entfernt zu sein.

Seit 1959 gewährt ihm Indien Asyl

Zwei Jahre nach dem Tod des 13. Dalai Lama 1933 beginnt gemäß dem Glauben der tibetischen Buddhisten die Suche nach seiner Wiedergeburt. Ein Suchtrupp stößt auf Lhamo Dhondup, den Sohn einer Bauernfamilie. Im Februar 1940, im Alter von vier Jahren, wird er unter dem Namen Tenzin Gyatso als Dalai Lama (Ozean der Weisheit) inthronisiert. Rund zehn Jahre später beginnt die chinesische Invasion Tibets, das die Volksarmee bis heute gegen auch gewaltsamen Widerstand der Tibeter besetzt hält. 1959 schließlich flieht der Dalai Lama aus seiner Heimat im Himalaja. Indien gewährt ihm Asyl.

Seitdem ist der Dalai Lama nicht ein einziges Mal nach Tibet zurückgekehrt. Er lebt, wie mehr als 100.000 tibetische Flüchtlinge im nordindischen Dharamsala, wo auch der Sitz der von keinem Staat der Welt anerkannten tibetischen Exilregierung ist. Hilflos muss er seit seiner Flucht mit ansehen, was in seiner Heimat geschieht: Allein während der chinesischen Kulturrevolution seien 6000 Klöster zerstört worden, beklagt die Exilregierung. Die Siedlungspolitik habe dazu geführt, dass inzwischen mehr Chinesen als Tibeter in Tibet lebten, von letzteren 70 Prozent unterhalb der Armutsgrenze.

Indentität Tibets ernsthaft bedroht

"Es ist ein Fehler zu glauben, dass das Schlimmste vorüber ist", meint die Exilregierung. "Das Schicksal der einzigartigen nationalen, kulturellen und religiösen Identität Tibets ist heute ernsthaft bedroht." Immer noch komme es zu schweren Menschenrechtsverletzungen, Tibeter würden willkürlich festgenommen, selbst gegen Kinder gingen die Chinesen vor. Sorge dürfte manchen Tibetern bereiten, dass sich Indien und China immer weiter annähern. Nepal schloss vor kurzem bereits das Büro des Dalai Lama in Kathmandu - nach Ansicht von Exil- Tibetern "zu 100 Prozent" unter dem Druck Chinas.

Trotz des Unrechts, das den Tibetern widerfährt, ruft der Dalai Lama seine Landsleute immer wieder dazu auf, sich nicht der Gewalt hinzugeben - der einzige Weg zur Lösung des Konflikts sei der des Dialogs, meint er. Schon lange hat der Dalai Lama sich von der Forderung nach Unabhängigkeit verabschiedet, stattdessen bittet er um Autonomie innerhalb der Volksrepublik und um die Erlaubnis, in seine Heimat zurückkehren zu dürfen.

Sein Tod wird ein schwerer Rückschlag für Tibet sein

Doch nicht alle Tibeter teilen den moderaten Ansatz ihres Oberhauptes - immer wieder gibt es Stimmen, die sich für gewaltsamen Widerstand gegen die Besatzer aussprechen. Spätestens mit dem Tod des Dalai Lamas wird seine einflussreiche, mäßigende Stimme verstummen. Sein Tod werde ein "schwerer Rückschlag" für die Tibeter werden, sagte er selber vor knapp zwei Jahren in einem Interview.

Der Dalai Lama sorgt sich, dass die Chinesen einen Jungen im besetzten Tibet als seine Wiedergeburt und damit als seinen Nachfolger bestimmen könnten. Er ist allerdings überzeugt, dass seine Landsleute das nicht akzeptieren würden. Ihnen versichert er: "Meine Wiedergeburt wird logischerweise außerhalb, in einem freien Land stattfinden." Schließlich sei der Sinn der Wiedergeburt, so Tenzin Gyatso, "jene Aufgabe zu erfüllen, die das alte Leben begonnen hat".

Can Merey/DPA
 
 
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