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24. Mai 2008, 11:19 Uhr

Lernen ohne Regeln

Keine Pausenklingel, kein Frontalunterricht, keine Noten: Freie Schulen haben fast nichts mit dem Pauken an staatlichen Schulen zu tun. Die Kinder dürfen lernen, was und wann sie wollen. So auch in der Montessori-Schule in Berlin Köpenick. Lehrer sind hier "Begleiter" - und den Schülern tut es scheinbar gut. Von Marcus Müller

Bauen und Lernen: In der Freien Montessori-Schule Köpenick gibt es keinen Zwang© Marc Müller

Zwei Zwölfjährige liegen auf einem runden, blauen Teppich und klicken sich auf einem Laptop durchs Internet. Sie informieren sich über Affen. Im Garten sägen einige Kinder an dicken Holzbalken herum, zwei andere Jungs proben unter dem Dach Schlagzeug und E-Bass. Alltag in der Freien Montessori-Schule in Berlin-Köpenick. In Schulbänken zu sitzen und dem ganzen Tag einem Lehrer zuzuhören - das kann sich hier niemand vorstellen.

"Müsst ihr nicht in den Englisch-Unterricht?" Hannah und Emma lächeln über diese Frage nur. "Nö", sagen die beiden 12-Jährigen flott wie aus einem Mund. "Da gehen wir später hin", sagt Hannah. Die beiden wollen jetzt lieber ihrem Gast die Schule zeigen. Im ganzen Haus öffnen Hannah und Emma die Türen, schauen kurz in die Zimmer hinein, drinnen schimpft darüber niemand.

Ein paar Schüler haben ihre Klassenräume an diesem Morgen noch gar nicht richtig betreten, sondern sind gleich im Garten geblieben. Schon früh haben einige ältere Jungs angefangen, an schweren Holzbalken herumzusägen und zu hämmern. Sie wollen einen Pavillon errichten. Zu ihnen hat sich auch der sechsjährige Julius gesellt, um zu helfen. Denn er weiß schon jetzt: "Ich will Tischler werden."

Rythmus selbst bestimmen

Wenn ein Kind so klare Vorstellungen von dem hat, was es im Augenblick und sogar schon in der Zukunft machen will, warum soll man es dann zum Rechnen zwingen? Nur weil Mathematik gerade auf dem Stundenplan steht? Wie an anderen so genannten Freien Schulen heißt die Antwort auf diese Frage an der Freien Montessori-Schule "nein".

Ab acht Uhr kommen die derzeit 222 Kinder im Alter von zwei bis 16 Jahren in der Einrichtung an, die nach den Lehren der italienischen Ärztin Maria Montessori betriebenen wird. Schon dabei fällt auf: Die Schulkinder tragen keine Ranzen oder Taschen. Alle Unterrichtsmaterialien sind in der Schule. Sie stehen und liegen in hellen Holzregalen in den Klassenzimmern. Sie sollen alles im Wortsinne begreifbar machen und so gibt es etwa kleine Plus- und Minus-Zeichen in einem Schächtelchen zum Mathe-Lernen oder für die Erdkunde große Landkarten, in die Fähnchen mit Städtenamen gesteckt werden können.

Die Lehrer wollen Begleiter sein, keine Lehrenden

Außerdem ist die Köpenicker Montessori-Schule eine Gesamt- und Ganztagsschule mit Kinderhaus für Kleinkinder, Grundschule und Oberstufe bis zur zehnten Klasse. In zwei Jahren sollen die Schüler auch Abitur machen können. Bisher geht es bis zum Realschulabschluss.

Ziel der Montessori-Pädagogik ist es, den Kindern selbst bestimmtes Lernen zu ermöglichen. "Ich möchte dabei ein Begleiter sein, kein Lehrender", erklärt Uwe Reyher. Früher war er Deutsch- und Kunstlehrer an einer staatlichen Schule. "Ich habe irgendwann gemerkt, dass Lernen im 45-Minuten-Takt nicht funktioniert", sagt Reyher, der sich wie seine Montessori-Kollegen nicht mehr Lehrer nennt. Das, sagt er, klinge zu sehr nach Belehren.

Auch seine Kollegin Johanna Fehrer, die staatlich ausgebildete Erzieherin ist, nennt sich Pädagogin. Beide werden, wie alle Erwachsenen an der seit 2004 bestehenden Schule, von den Schülern geduzt. Die beiden Pädagogen betreuen die "Tigeraugen"-Lerngruppe, die sich selbst so genannt hat, und zu der auch Hannah und Emma gehören. Die Gruppe umfasst die Klassen vier bis sechs, die gut 20 Kinder sind neun bis 12 Jahre alt.

Das gemischte Alter ist gewollt, damit sich die Kinder gegenseitig helfen können, eine kleine Gemeinschaft bilden. An diesem Morgen zerfallen die "Tigeraugen" aber erst einmal in viele kleine Grüppchen. Denn bevor es mittags zum Englisch-, Französisch- oder Spanischkurs geht, ist Freies Arbeiten angesagt. Das heißt: Jeder Schüler beschäftigt sich mit dem Thema, das ihn gerade interessiert.

Der Lehrer kniet auf dem Teppich

Reyher hat sich auf den Teppich gekniet und lässt sich von einer Schülerin das Dividieren erklären. In den im Raum verteilten Sitzecken – Stuhlreihen gibt es nicht – hocken kleine Grüppchen zusammen. Manchmal kommt ein anderes Kind vorbei und fragt, ob es helfen kann. Oder es schaut auf die Aufgabe und geht gelangweilt wieder weg. Ein leises Gemurmel erfüllt den Raum – denn eine der wenigen Regeln der Montessori-Schule lautet, andere beim Lernen nicht zu stören und deren Freiheit zu respektieren.

Im Nebenraum der "Tigeraugen"-Klasse haben sich zur gleichen Zeit neun Jungs um einen Tisch versammelt und schauen sich Strom-Messgeräte an. Unter ihnen sitzt Hansjoachim Lechner, ein emiritierter Physik-Professor der Humboldt-Universität. Seine Enkelin war früher an der Schule, jetzt erklärt der 70-Jährige als Experte sein Fachgebiet.

Auch die Eltern werden besonders gefordert. Drei Stunden müssen sie im Monat mit anpacken oder nachmittags zu Kursen als Experten auftreten. Auch wenn die Schule inzwischen finanziell vom Berliner Senat gefördert wird, müssen die Eltern für die besondere Ausbildung ihrer Kinder zahlen. Zwischen 150 und 250 Euro kostet das, die Aufnahmegebühr beträgt 500 Euro.

Der Andrang an die Schule ist enorm

Trotzdem, betont Pädagoge Reyher, sei die Schule nicht nur für Kinder mit reichen Eltern, da die Kosten auch vom Sozialamt übernommen werden müssten. Es gebe Schüler, die in Brandenburg auf einem Schloss wohnten und welche, die sich mit ihren zwei Geschwistern ein Kinderzimmer teilten. Der Andrang an die Schule ist trotz der Kosten enorm.

Entgegen der landläufigen Vorstellung seien auch die Leistungen und der Bildungsstand der Montessori-Schüler im Vergleich zu anderen Schülern nicht schlechter, betonen die Pädagogen, weil die Kinder lernen würden, selbst zu lernen.

Hannah und Emma werden voraussichtlich auch ihr Abitur an der Montessori-Schule machen können. Und sie sind froh darüber. "Man hört irgendwann einfach nicht mehr zu", sagt Hannah über einen Probetag, den sie kürzlich an einem staatlichen Gymnasium gemacht hat. "Der Lehrer quatscht irgendwas, aber mich hat das nicht interessiert, weil ich das schon kannte."

Mehr über die Debatte zur Kindererziehung...

Mehr über die Debatte zur Kindererziehung... ...finden Sie im aktuellen stern und der Titelgeschichte "Los, erzieht mich".

Von Marcus Müller
 
 
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Abitur Eltern Emma Garten Hannah Pädagogen Teppich
KOMMENTARE (10 von 18)
 
Known (31.05.2008, 11:31 Uhr)
Ex
Also ich war bis zur 6. Klasse an einer freien Schule, die wohl noch ein Stück freiheitlicher war, als die im Artikel beschriebene, habe danach auf einem herkömmlichen Gymnasium Abitur gemacht und bin jetzt selbständig im IT-Bereich tätig.
Ich sehe freie Schulen eher als eine sinnvollere Vorbereitung auf das Leben, als herkömmliche staatliche Schulen, da es im "richtigen Leben" eben gerade nicht so ist, dass einem alles vorgegeben wird und man stattdessen viel auf sich allein gestellt ist, für sich Entscheidungen treffen muss, und selbst zusehen muss, was man lernen möchte.
Außerdem sind die Schülern an diesen Schulen sich dessen bewusst, dass sie in gewisser Weise in einer "besonderen" Umgebung sind und haben ja schon vor einem Wechsel der Schule oder ins Berufsleben eine Vorstellung von dem, was sie dort erwartet. Es ist ja nicht so, dass sie hermetisch von der Umwelt abgeschlossen sind (so ist es eher in staatlichen Schulen).
So eine konstruierte Autorität wie die der Lehrer in den Schulen gibts in der Realität außer in der Armee kaum noch. Wenn ich mit Leuten täglich zusammenarbeite, dann sieze ich die doch nicht mehr.
Die PISA-/Dummeits-Argumente find ich auch nicht haltbar. Nur ein Bruchteil von dem, was in regulären Schulen gelehrt wird, bleibt bei den Leuten hängen (und zwar der Teil, für den die Schüler in der Zeit Interesse aufbringen konnten oder einen Nutzen für sich sahen). Durch die Überladung mit sinnlosem Ballast wird den Schülern die Zeit genommen sich mit Interessantem zu beschäftigen bzw. überhaupt ihre eigenen Interessen zu finden.
Kejo111 (25.05.2008, 18:27 Uhr)
@ AST61
Nix "oje". Summerhill existiert noch immer, und die Schule arbeitet höchst erfolgreich. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier so mancher einfach nur neidisch auf die Kinder ist, die das Glück haben, anders und genussvoller zu lernen als die meisten.
gernelerner (25.05.2008, 14:36 Uhr)
Neidisch???
Wenn man sich die Kommentare anhört, sprechen da wohl alles Neider und Nichtgönner...
An Montessori-Schulen wird den ganzen Tag gearbeitet, hochkonzentriert.
Hier gibt es keine Null-Bock-Schüler und Schuleschwänzer. Auch muss sich keiner mit Alkohol oder was zu rauchen zudröhnen, um den Unterricht überhaupt durchzustehen. Und warum wohl? Weil diese Schulen sich den Kindern anpassen - nicht umgekehrt!!
Aus diesen Kindern werden keine "verkorksten" Jugentlichen oder unglückliche muffelige Erwachsene. Die Kinder lernen gehirngerecht und nur deshalb macht ihnen das Lernen "Spass". Die neuesten Erkenntnisse der Hirnforschung bestätigen doch nur, was Dr. Montessori schon vor 100 Jahren herausfand. Würde dieses Wissen endlich auch an Regelschulen ankommen, würden wir bei PISA endlich besser abschneiden.
Während in anderen Schulen nur für Klassenarbeit und Klausur gelernt wird, lernen die Schüler hier fürs LEBEN!!!
Gruß aus Wuppertal
RatzRuebe (25.05.2008, 07:44 Uhr)
Schrecklich!
Man sollte diese Schulen verbieten!
Da wird eine Generation von unbelastbaren Sensibelchen heran gezüchtet. Die Tochter einer Freundin kam im Berufsleben gar nicht klar. Warum? Da gab es doch tatsächlich eine Rangordnung, Regeln und manchmal einen schroffen Umgangston in der Firma. So etwas, das arme Ding! Das der Andrang so groß ist liegt doch nur daran, daß es immer mehr Eltern gibt, die sich von ihren Kids auf der Nase rum tanzen lassen. Immer öfter hört man: Oh, hast du xxx gehauen, so was macht man doch nicht. Das ist ganz ganz böse. Möchtest du noch nen Keks?
Da wird mir echt schlecht!
Aurum (25.05.2008, 06:33 Uhr)
Schlimm!
So wird ein Volk von Dummen heran gezüchtet. Schon jetzt ist die Bildung auf niedrichsten Level angelangt, dann noch solche Experimente. Aber das hat System! Denn ein dummes Volk läßt sich leicht regieren und unterdrücken.
AST61 (24.05.2008, 23:41 Uhr)
oje...
mir tun diese Kinder leid. Was wird denen bloss nach der Schule passieren und wie werden sie damit klarkommen?
Habe als Jugendlicher 1975 mal was über eine englische Schule "Summerhill" gelesen, da war es so ähnlich. Es war die Zeit der antiautoritären Erziehung.
Keine Ahnung, was aus denen geworden ist, aber bestimmt nichts gutes.
hanszander (24.05.2008, 19:31 Uhr)
Alte Köpfe.....
Alte Köpfe und Zöpfe unter alten Hüten...das gibt es schon arg lange...und die Welt ist kein bisschen besser geworden durch die Spaßmacher, die nie den Ernst begreifen. Jede aktuelle staatliche Grundschule arbeitet offen, kooperativ und nicht im 45 Min.- Takt. Dieser Reporter ist sicher in den 50ern stecken geblieben. Ein wenig Ahnung sollte man haben, bevor man für renommierte Blätter schreibt. Vielleicht war er auch auf der Montessori.....und hat Spaß daran, Belangloses zu verzapfen. Hauptsache, es macht Spaß!!
Duis (24.05.2008, 19:20 Uhr)
Vorschrift Fortschritt
Und schon kommen die liberalen, konservativen, spezialisierte experten eines breiten wissensbereichs, aus ihren Löchern gekrochen um zu Kreuze zu ziehen gegen alles was sie nicht verstehen.
Hört euch mal euer Geschwafel an! Es wird über eine Schule mit riesigem Andrang bereichtet und die hälfte von euch redet schon von Lebensunfähigen Sozialfällen. Auch wenn offensichtlich manche Lehrmethoden in Messerstecherstadt nicht funktionieren, handelt es sich hierbei natürlich um das Hirngespinst von LSD süchtigen Hippiemüttern und nicht vielleicht um eine Alternative.
Bumpinger (24.05.2008, 19:06 Uhr)
Unterschichtenzucht der Zukunft
In solchen Läden wird die Unterschicht der Zukunft gezüchtet. Ich seh die Eltern schon vor mir ... irgendwelche Esoterikhausfrauen und Pantoffelheldenväter im Easy-Going-Groove. Peinlich! Gut dass ich keine Kinder hab!
wynmuck (24.05.2008, 19:06 Uhr)
In England gibt es doch auch eine bekannte Schule
Komme leider nicht mehr auf den Namen, aber die Quintessenz ist, daß die Schüler irgendwann selbst drauf kommen, was sie noch lernen müssen, wenn sie ein Ziel (z.B. Abitur) erreichen wollen, um anschließend ihr Berufsziel, das sie vorher spielend sich ausgesucht haben, zu erreichen. Sie holen dann auch schnell auf.
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