Lehrermangel Vom Aussterben bedroht

Viele westdeutsche Länder sind auf der verzweifelten Suche nach geeigneten Lehrkräften
Viele westdeutsche Länder sind auf der verzweifelten Suche nach geeigneten Lehrkräften
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Die Suche ist in vollem Gange: Einzelne Schulen und ganze Bundesländer werben um Pädagogen für das kommende Schuljahr, obwohl der drohende Lehrermangel seit Jahren bekannt ist. Wie konnte es so weit kommen?
Von Karin Prummer

Als er nicht mehr weiter wusste, setzte Schulleiter Josef Kraus in der Vilsbiburger Lokalzeitung einen Notruf ab: Helft dem Montgelas-Gymnasium, werdet Lehrer! Alle interessierten Bürger sollten sich melden, warb er in dem vierspaltigen Interview. Am 16. September ist Schulstart im bayerischen Vilsbiburg. Kraus, Schulleiter und Chef des Deutschen Lehrerverbands, hatte noch offene Stellen, aber keine Bewerber.

Auch in anderen westdeutschen Ländern läuft die Jagd auf Lehrer und Quereinsteiger. Not herrscht in den Naturwissenschaften und Mathematik, auch Latein und Englisch sind dünn besetzt. Der Philologenverband schätzt, dass für das kommende Schuljahr 20.000 ausgebildete Lehrer fehlen, vor allem an Gymnasien und Berufsschulen. Das Schulamt Bremerhaven suchte und fand Lehrer in der polnischen Partnerstadt Stettin. Der hessische Kultusminister Jürgen Banzer (CDU) investierte 240.000 Euro in eine Werbekampagne, lockt mit dem Beamtenstatus und höheren Gehältern. Das Plakat "Hauptrollen in Hessen zu vergeben" steht auch vor Unis in Köln und Heidelberg.

Doch die Lehrer sind nicht plötzlich verschwunden, der drohende Mangel ist seit Jahren bekannt. "Wir schlittern in eine fulminante, hausgemachte Krise", sagt Marianne Demmer, die Leiterin des Vorstandsbereichs Schule der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Bereits vor fünf Jahren hatte die Kultusministerkonferenz (KMK) in einer Studie vorgerechnet, dass bis 2015 die Hälfte der 800.000 deutschen Lehrer in den Ruhestand gehen wird. In der Zeit würden nur 300.000 junge Lehrer das Referendariat abschließen, schätzte die KMK. Damals wäre eine "massive Werbekampagne" für das Studium nötig gewesen, sagt Demmer.

Die Kultusminister ließen auch ausrechnen, wie viele Lehrer man jährlich einstellen müsste - aber hielten sich nicht an die Ergebnisse: Rund 17.000 Lehrkräfte stellten sie weniger ein, als sie an Bedarf berechnet hatten. Das zeigt eine Studie der Unis Dortmund und Duisburg-Essen. Die KMK wollte sich dazu nicht äußern. Hessen argumentiert, nicht der Lehrermangel sei Grund für die aktuelle Suche, sondern das Ziel, dieses Jahr 1000 zusätzliche Lehrkräfte einzustellen. Schulleiter Josef Kraus ist sauer: "Eine Firma wäre mit so einer Personalpolitik längst hopsgegangen." Viele Kultusminister hätten versucht, sich mit Notmaßnahmen in die Zeit zu retten, in der die Schülerzahlen wieder sinken: Die Klassenstärken wurden heraufgesetzt, die Unterrichtszeit eines Jahrgangs verringert und die Unterrichtspflicht eines Lehrers verlängert.

Notfalllehrer springen ein

Der Lehrerbedarf werde allerdings noch weitere zehn Jahre hoch sein, schätzt der Essener Bildungsforscher Klaus Klemm. Den Sündenbock allein bei den Kultusministern zu suchen sei aber nicht gerechtfertigt: "Es ist schwierig, die Studenten dazu zu bewegen, genau die Mangelfächer zu studieren." In den kommenden fünf Jahren werden laut Klemm jährlich rund 25.000 Lehramtsanwärter gebraucht. Ungefähr so viele Studenten schließen pro Jahr auch ihr Studium ab. Aber nicht in den nachgefragten Fächern: In Mathematik und Naturwissenschaften waren es 2006 nur 4900 - zu wenig, wie die aktuelle Rekrutierungsjagd zeigt.

Um den Studenten einigermaßen verlässliche Bedarfsprognosen geben zu können, brauche man aktuelle Daten. Klemm kritisiert, die Studie der KMK von 2003 mit Daten von 2001 sei veraltet. Doch Prognosen werden schwieriger: Im neuen Bachelor- und Master-System müssen sich Studenten erst spät festlegen, ob sie wirklich Lehrer werden wollen. So können sie im Bachelor zwar zwei Unterrichtsfächer und Bildungswissenschaften studieren, aber wie viele sich dann für den "Master of Education" entscheiden, weiß niemand. Klemm, der jahrzehntelang den Lehrermarkt untersuchte, sagt: "Ich traue mir gar keine Prognose mehr zu, weil ich nicht weiß, wer Lehramt studiert."

Fit mit einem Crashkurs in Pädagogik

Das Interesse am Lehramtsstudium stieg zwar in den vergangenen Jahren, Mangelfächer wie Physik und Mathematik sind aber unattraktiv - in der Industrie verdienen Absolventen dieser Fächer deutlich mehr. Außerdem sind Lehramtsstudenten so unzufrieden mit ihrem Studium wie keine andere Studienrichtung, das zeigt eine Studie des Hochschul-Informations-Systems (HIS) und der Uni Konstanz. Lehramtsstudenten lernen schon im Studium überfüllte Klassen kennen und beklagen die pädagogisch schlecht aufbereiteten Kurse. Die werden nun wohl auch in den Schulen häufiger. Schulleiter Josef Kraus ist trotzdem heilfroh um seine zehn Notfalllehrer: Maschinenbauer, Informatiker, ein niedergelassener Arzt. Sie wollen einfach helfen, haben meist selbst schulpflichtige Kinder. Kraus wird sie mit einem Crashkurs in Pädagogik vorbereiten. Der Großteil der Lehrer-Feuerwehr kann aber nur am Morgen unterrichten - dann müssen sie zurück an ihre Arbeitsplätze in Praxen und Fabriken.

FTD

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