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TV-Kritik zu "Hart aber fair" Das Vollkasko-Kind


Ziehen wir uns gerade eine "Generation Weichei" heran, verhätschelt und überbehütet? Frank Plasberg diskutierte mit seinen Gästen über Kunststoffmatten auf Spielplätzen und Elternklagen gegen schlechte Schulnoten. Ein Lehrersohn fand das alles eher zum Lachen.
Von Mark Stöhr

Wenn der Vater von Bastian Bielendorfer seinem Sohn früher ein bisschen Manieren beibringen wollte, fuhr er mit ihm von Gelsenkirchen nach Essen-Kray. Dort stand ein verlassenes Fabrikgebäude. Das sei, so der Vater, das einzige Kindergefängnis in Deutschland. "Klopf doch mal." Und als natürlich keiner aufmachte, sagte er: "Die Kinder können nicht zur Tür kommen, weil sie alle gefesselt sind." Der Sohn war, kein Wunder, schwer eingeschüchtert.

Viele Jahre später, 2010, Bielendorfer war inzwischen Mitte zwanzig, saß er vor Günther Jauch bei "Wer wird Millionär?" Es ging um 8000 Euro für die Frage, welche historische Epoche in der Renaissance ihre Wiedergeburt feierte. Der Psychologiestudent Bielendorfer tippte auf Barock, entschloss sich aber sicherheitshalber zu einem Telefonjoker: seinem Vater. Der ging erst mal gar nicht ran. Als er sich dann doch noch bequemte, sagte er nur: "Mensch, Antike!" und legte auf – sieben Sekunden vor Ablauf der Zeit. Das hatte es noch nie gegeben in der Geschichte der Show.

Geschadet hat die ziemlich eigenwillige Art des Gymnasiallehrers seinem Sohn offenbar nicht. Bielendorfer jun. veröffentlichte vergangenes Jahr ein Buch, "Lehrerkind – Lebenslänglich Pausenhof", das sich bis heute über 150.000 Mal verkauft hat. Das zweite ist schon in Arbeit.

Pampern der Alten, "Vollkasko-Mentalität" bei den Jungen

Bastian Bielendorfer war der Witzereißer in der Plasberg-Runde, ein wahrer Wonneproppen, mit sich und der Welt im Reinen. Sieht so die "Generation Weichei" aus, wie es im Sendungstitel süffig hieß, überverwöhnt und überbehütet und irgendwie unfähig? Wohl kaum. Denn keine der Eigenschaften, die Josef Kraus, der Präsident des deutschen Lehrerverbandes, als Folge übermäßigen Kümmerns aufzählte und vor der Sendung offensichtlich im Einmaleins der Psychoanalyse nachgelesen hatte, trifft auf den Bestsellerautor Bielendorfer zu: "keine Frustrationstoleranz", "kein Mumm, mit Widerständen konstruktiv umzugehen", "keine Entwicklung zu Selbstbewusstsein und Eigenverantwortung."

Aber warum pampern die Alten heutzutage denn die Jungen so fortgesetzt, auch wenn die schon längst nicht mehr in die Hose machen? Auch dafür, er nannte es die "Vollkasko-Mentalität", hatte der grantige Bayer Kraus, im richtigen Leben Schuldirektor, eine Erklärung parat, genau genommen, eine Zahl: 1,3. So viele Kinder bekommen die Deutschen zurzeit im Schnitt. Das ist wenig. Da wird die schmerzhafte Abnabelung schon mal so weit wie möglich nach hinten geschoben. Und da wird der seltene und damit umso kostbarere Nachwuchs so energisch durch die ersten beiden Lebensjahrzehnte gelotst wie ein Staatsbesuch durch die Rush Hour.

Kraus erzählte Beispiele aus seinem Schulalltag, Plasberg lieferte die Einspieler dazu: Eltern, die jeden Schritt ihrer Kinder auf den mit Kunststoffmatten ausgelegten Spielplätzen überwachen und mit dem Risiko auch deren Erfahrungsgewinn minimieren. Eltern, die die Schulen bei unliebsamen Noten mit Klagen überziehen und die Ablösung der Lehrer fordern. Und Eltern, die sich an der Uni mit in die Studienberatung setzen, damit auch ja die richtige Weichenstellung für die Zukunft stattfindet.

Kurzweiliger, aber belangloser Meinungsaustausch

Eine echte Kontroverse wollte nicht aufkommen in diesem Talk. Katharina Saalfrank, die ehemalige RTL-"Super-Nanny", und Inge Kloepfer, Autorin eines Erziehungsratgebers, waren genervt von den Schlaumeiereien des Oberlehrers aus Bayern, mehr aber auch nicht. Sie verteidigten ein gewisses Maß an Fürsorglichkeit in einer Welt des Wettbewerbs und der Beschleunigung (Kloepfer: "Viele Abiturienten sind heute erst 17, die können noch gar keinen Mietvertrag unterschreiben!"), sahen jedoch auch ein, dass man sein Kind auch mal nur auf dem Gepäckträger transportieren kann und nicht nur im Hochsicherheitssitz.

Und so blieb es bei einem zwar recht kurzweiligen, aber auch recht belanglosen Meinungsaustausch. Denn das Schlusskommuniqué, auf das sich alle einigen konnten, war so schwammig wie ein Sandkasten nach sieben Tagen Dauerregen: Ein Kind braucht Regeln und Aufsicht, aber auch die Freiheit, Fehler zu machen und sich eine blutige Nase zu holen. Maren Heinzerling, eine betagte ehemalige Eisenbahningenieurin, brachte noch die abhärtende Wirkung der Ohrfeigen ins Spiel, die sie als Kind manchmal von ihrem Bruder bekommen hatte. Das fand die Saalfrank aber nicht so gut.

Schläge waren auch im Haushalt der Bielendorfers in Gelsenkirchen nie ein Mittel der Wahl. Damit sich der Sohn auch auf dem Schulweg keine einfing, fuhr er immer zusammen mit seinem Vater an der Schule vor. Bielendorfer: "In einem taubenkotgrauen Pädagogen-Passat".


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