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"Hart aber fair" Der amerikanische Riss geht quer durch Plasbergs Studio

Die TV-Diskussionsrunde "Hart aber fair" am Vorabend der US-Präsidentschaftswahlen
Am Vorabend der US-Präsidentschaftswahlen diskutierten die Gäste bei "Hart aber fair" (ARD) zum Thema: "Trump oder Biden – die freie Welt vor einer Jahrhundertwahl"
© WDR/Dirk Borm
Am Vorabend der US-Wahl setzt Moderator Frank Plasberg unter anderem eine Demokratin und einen Republikaner in sein Studio, deren Diskussion bloß belegt: Konstruktives haben sich beide Parteien einfach nicht mehr zu sagen.

Ein amerikanischer Abend in der ARD, angesichts der unmittelbar bevorstehenden "Jahrhundertwahl" natürlich durchaus angemessen. Zuerst zeigt Ingo Zamperoni in einer 45-minütigen Dokumentation den Riss, der dieser Tage durch die USA geht, am Beispiel der Familie seiner Frau auf – die ist Amerikanerin, Demokratin, und liegt sich regelmäßig mit ihrem Vater, einem unbeirrbaren Trump-Wähler, in den Haaren.

Anschließend zieht sich besagter Riss dann einmal quer durch das Studio von "Hart aber fair", denn Moderator Frank Plasberg hat mit George Weinberg ein Aufsichtsratmitglied der "Republicans Overseas Germany" geladen – und Candice Kerestan, die Vorsitzende der "Democrats Abroad Germany", neben ihn gesetzt.

Zamperoni: "Leichter, die 'Tagesthemen' zu moderieren"

Da sind die Fronten gleich geklärt, sprich: verhärtet. Die weiteren Gäste der Runde sind an diesem Vorabend der US-Wahl: Norbert Röttgen, hier ausnahmsweise eher in seiner Funktion als Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses denn als potenzieller Kanzlerkandidat der CDU; Christiane Lemke, Professorin für Politikwissenschaft an der Uni Hannover; sowie Matthew Karnitschnig, Europa-Korrespondent des US-Portals "Politico".

Außerdem ist Doku-Macher Zamperoni aus Washington zugeschaltet und betont zu Beginn der Sendung noch einmal, was jedem Zuschauer seines Films zu diesem Zeitpunkt längst dämmert: Es sei "leichter, die 'Tagesthemen' zu moderieren", als die politischen Diskussionen in der Familie seiner Frau.

Wie zum Beweis stellen auch die Demokratin und der Republikaner sofort klar, dass zwischen ihnen nicht viel konstruktive Debatte zu erwarten ist: "In allen Ehren", floskelt Weinberg nicht zum letzten Mal an diesem Abend, er habe "überhaupt keine Zweifel" an Trumps Wiederwahl. Es kämen schließlich immer 30.000, 40.000, 50.000 Menschen zu dessen Rallys – egal, wie kalt es sei.

Kerestan hält mit leichter Verunsicherung in ihren Augen und ihrer Wortwahl dagegen: "Eigentlich nicht", antwortet sie auf Plasbergs Frage, ob sie denn schon ein bisschen Angst vor dem Wahlabend habe. Es hätten sich schließlich so viele Menschen für Biden und die Demokraten engagiert.

Klingt fast schüchtern im Vergleich zu Weinberg, der sich den Diskussionsstil offenbar bei Donald Trump abgeguckt hat: Er fällt den Leuten ins Wort, macht ein überhebliches Gesicht und redet sich so lästige Themen wie Trumps Versagen in der Corona-Pandemie mit maximaler Faktenfreiheit schön.

Korrespondent Karnitschnig, der einen österreichischen Vater hat und deshalb Deutsch mit sehr österreichischem Akzent spricht, bringt das nicht aus der Ruhe – vielmehr begegnet er den aufkeimenden Aufgeregtheiten mit maximalem "Es is‘ halt so"-Charme, den er dauerhaft versprüht: halb so wild, alles. Nicht mal das amerikanische Wahlsystem kann Karnitschnig wirklich schlimm finden: "Die Gründerväter haben sich schon was dabei gedacht."

Röttgen ist zumindest etwas leichter aus der Ruhe zu bringen, vor allem von Weinberg. Als Plasberg einen verstörenden Ausschnitt aus der Doku "Im Wahn" von Klaus Brinkbäumer und Stephan Lamby vorspielt, in dem sich ein paar aufgeregte Evangelikale einem feixenden Donald Trump vor die Füße werfen, macht Röttgen deutlich, wie wenig er damit anfangen kann, wenn Politik mit religiöser Legitimierung betrieben wird. Weinberg weist ihn daraufhin "in allen Ehren" auf das C in CDU hin, was Röttgen nur mäßig amüsiert.

Karnitschnig findet es derweil seltsam, dass uns in Europa immer häufiger der Eindruck vermittelt werde, die USA bestünden nur aus "radikalen Christen und Waffennarren". Politikwissenschaftlerin Lemke geht sogar noch einen Schritt weiter und sieht nicht weniger als die Demokratie in Amerika gefährdet.

Ist sie das wirklich?

Wenn es nach Weinberg geht, droht den Vereinigten Staaten unter einem Präsidenten Biden zumindest der Sozialismus – denn dessen Programm zufolge werde doch bald alles vom Staat reguliert: von der Bildung bis zum Gesundheitssystem. Plasberg nimmt die Vorlage auf und fragt den Republikaner mit doppeltem Wohnsitz in Deutschland und den USA, wo er in Pandemie-Zeiten denn lieber versichert sei. 

Weinberg antwortet so, als würde er die Frage absichtlich nicht verstehen. Er sei hier wie dort schon mal krank gewesen und finde beide Systeme gut. "Klar", ruft Zamperoni aus Washington, in den USA gebe es zwar die besten Ärzte überhaupt, nur nicht unbedingt für jederfrau oder jedermann zugänglich.

Im Studio wird daraufhin kurz über den Begriff "Sozialismus", dem Schlagwort der Stunde im Trump-Lager, diskutiert, und was die Amerikaner eigentlich darunter verstehen – jedenfalls offenbar was anderes als die meisten Deutschen, zum Beispiel. Karnitschnig scheint solche Detailfragen eher überflüssig zu finden, überhaupt gehöre ein bisschen politisches Theater in den Staaten doch einfach zur Folklore.

Für Hunter Biden interessiert sich kein Mensch

Apropos politisches Theater: Ein Raunen geht durch die Runde, wie Trump sich wohl im Falle seiner Abwahl verhalten möge. "In allen Ehren", sagt Weinberg (und so langsam merkt der Zuschauer, dass er eigentlich "bei allem Respekt" meint, wann immer er "in allen Ehren" sagt) und versucht mit den vermeintlichen dubiosen Machenschaften des Hunter Biden dagegen zu argumentieren. Dafür würde sich in den USA kein Mensch interessieren, kontert Kerestan. In Deutschland auch nicht, findet Plasberg, und unterbindet das kleine Wahlkampfscharmützel kurzerhand.

Kurz darauf versucht Weinberg es noch einmal mit einem Ablenkungsmanöver à la Donald Trump, als er nach einem Video, in dem Trump-Anhänger auf dem Highway mit ihren Autos einen Bus des Biden-Teams "eskortieren", plötzlich die Ausschreitungen in Seattle oder Kenosha einerseits der Antifa, andererseits den Demokraten ein bisschen aber auch Joe Biden in die Schuhe schieben möchte. Nicht nur Kerestan schaut daraufhin noch etwas betroffener als vorher, auch Röttgen muss sich sichtlich zusammenreißen.

Aber ist so eine Zerrissenheit wie in den USA eigentlich auch in Deutschland denkbar (also auch außerhalb des "Hart aber fair"-Studios)? Röttgen sieht durchaus eine "Krise westlicher Demokratien" – in Deutschland gebe es jedoch immer noch ein Wahlsystem mit mehreren Parteien, das "auf Kompromiss angelegt" sei. Aber zugegeben, der Kompromiss werde schwerer, der Hass werde größer, darauf müsse man achten – schlechte Beispiele seien schließlich anderswo in Europa bereits zu beobachten.

Zuerst wird aber ganz Europa in der kommenden Nacht das zerrissene Amerika beobachten, wo die Menschen wählen werden – aber wen denn nun eigentlich? Plasbergs Runde ist sich am Ende der Sendung weitgehend einig: Biden macht’s, sagen sie alle. Außer Weinberg, der tippt auf Trump. Aber das hätten wir auch nicht anders erwartet. In allen Ehren.


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