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Florida und die Folgen Warum die dramatische US-Wahl von 2000 bis heute einen Schatten wirft

US-Wahl 2000
Erstes Treffen nach der Wahl: George W. Bush (l.) und Al Gore im Dezember 2000 in Washington, D. C.
© Tannen_Maury/ / Picture Alliance
Niemals wurden die Schwächen des Wahlsystems der USA so schonungslos offengelegt wie rund um die US-Wahl vor 20 Jahren, als das Duell zwischen George W. Bush und Al Gore in eine nervenaufreibende Nachspielzeit ging. Rückblick auf eine Posse, deren Folgen bis heute sichtbar sind.

Seit Wochen wundern sich Republikaner und Demokraten in den USA: Wird bei der bevorstehenden Wahl alles mit rechten Dingen zugehen? Hinter den Kulissen bereiten sich die Lager von Präsident Donald Trump und seinem demokratischen Herausforderer Joe Biden auf die drohende Eventualität vor: Was tun, wenn die Gegenseite den Wahlausgang anzweifelt? Was, wenn neu gezählt werden muss? Was, wenn geklagt wird? Alles scheint möglich, zumal in Zeiten, da die Corona-Pandemie das Land fest im Griff hat, Zeiten, in denen der amtierende Präsident ständige Zweifel an der Briefwahl schürt.

Nun reden wir hier zwar nicht von irgendeiner Bananenrepublik, sondern der vermeintlich "größten Demokratie der Welt". Weshalb sich die Frage stellt: Wie kann es sein, dass dort vor einer Wahl solche Ängste umgehen? Für Antworten lohnt sich, wie so häufig, ein Blick in die Vergangenheit, genauer gesagt: ein Blick auf die US-Wahl vor 20 Jahren.

Denn nie zuvor oder seither wurden die Schwächen des veralteten Wahlsystems der Vereinigten Staaten so geballt und schonungslos offengelegt wie im Finale des Duells Bush vs. Gore – und dessen Nachspielzeit.

Wahlabend – the American Way

Aber von vorne: Der Wahlabend wird seinerzeit längst von den drei großen TV-Anstalten des Landes – ABC, CBS und NBC –, aber auch von der kleineren Kabelkonkurrenz, zur Unterhaltungsveranstaltung hochgejazzt, so wie es bis heute üblich ist. Das ist der American Way, könnte man sagen, die amerikanische Art, mit einer doch eigentlich ziemlich seriösen Angelegenheit umzugehen. Nur hat diese Art einen Haken, der im Jahr 2000 erstmals für die ganze Welt sichtbar wird.

Denn natürlich entwickelt sich auf diese Weise im Laufe des Wahlabends eine Art Wettrennen zwischen den Sendern: Wer erklärt in welchem Bundesstaat wen zuerst zum Sieger? Seinerzeit lehnt sich der damalige NBC-Sprecher Tom Brokaw weit aus dem Fenster, als er den schon damals umkämpften "Swing State" Florida bereits am frühen Abend den Demokraten zurechnet: "Ein wichtiger Sieg für Vizepräsident Al Gore", sagt Brokaw live auf Sendung. "Das ist ein sehr, sehr wichtiger Staat für Gore – und jetzt liegt der Druck auf Bush ..."

Der von NBC damit auf die gesammelte Konkurrenz von ABC bis Fox ausgeübte Druck zeigt Wirkung, kurz darauf ziehen sie alle mit der Verkündung des Erfolgs der Demokraten in Florida nach. Aber derselbe Domino-Effekt entwickelt sich im Verlauf des Abends auch in die andere Richtung: CNN erklärt zuerst (und entgegen der ursprünglichen Meldung), dass Florida doch noch nicht entschieden sei und sich weiterhin ein Kopf-an-Kopf-Rennen abzeichne. Die anderen Sender schließen sich nach und nach an.

Gegen 2 Uhr in der Nacht ist Fox News dann der erste Sender, der einen Bush-Sieg in Florida verkündet. Kurz darauf machen es ihnen die Konkurrenzanstalten nach: Damit ist Bush offiziell der 43. Präsident der USA.

Oder?

Gore ruft Bush an und gratuliert ihm zum Sieg. Als der demokratische Kandidat aber wenig später erfährt, dass der republikanische Vorsprung in Florida nur ein paar hundert Stimmen beträgt, ruft er Bush noch einmal an – und zieht sein Eingeständnis der Niederlage zurück. Dass Gore in diesem Moment wie ein schlechter Verlierer aussieht, liegt somit auch an der Hysterie, die von den Medien und ihren überstürzten Vollzugsmeldungen befeuert wird. Eine Lehre, die bis heute nachwirkt: Unter gar keinen Umständen sollte ein Kandidat seine Unterlegenheit zu früh anerkennen.

So oder so sind die Augen der Nation in diesen Stunden nun auf Florida gerichtet: Berichte von fehlerhaften Wahlmaschinen und obskuren Auszählungsmethoden machen bald die Runde. So werden beispielsweise bei den bei den Lochkarten in einigen Wahlbezirken offenbar nur vollständig durchgestanzte Löcher als gültige Stimmen gewertet, in anderen reichen dagegen schon leicht eingerissene Stimmfelder. Auf über 20.000 Zetteln sind zudem offenbar die Felder beider Parteien gelocht, womit sie ungültig sind.

Über einen Monat ziehen sich die juristischen Probleme bei der Auszählung schließlich hin, bis der damals – wie heute – mehrheitlich republikanisch besetzte Supreme Court in letzter Instanz eine erneute Nachzählung in bestimmten Wahlkreisen des Bundesstaates verbietet und Bushs Sieg mit einer umstrittenen Differenz von 537 Stimmen in Florida bestätigt.

Doch wer den Wahlschaden hat, braucht für den internationalen Spott nicht zu sorgen: Wochenlang hat die Welt zu diesem Zeitpunkt bereits über die Posse gelacht. Das Scheinwerferlicht ist jetzt grell auf die Fehler und Ungereimtheiten im politischen System der USA gerichtet.

Schlimmer noch: Auch in der eigenen Bevölkerung haben sich in den zähen Stunden, Tagen, Wochen seit dem Wahlabend diverse Zweifel eingenistet, ob die Vorgänge überhaupt tragbar sind, ob die eigene Stimme wohl überhaupt gezählt wurde. Zweifel, die vor allem von den Republikanern geschürt werden, als die Demokraten die Neuauszählung nur in bestimmten Bezirken beantragen – nämlich jenen, in denen sie ohnehin mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gewinnen. Gore untergräbt damit seine eigenen hochtrabenden Bemerkungen, dass jede Stimme zähle. Ihm sei demnach jedes Mittel recht, sagen die Republikaner, und er würde alles dafür tun, um Bush den Sieg zu stehlen.

US-Wahl 2000: Warnungen vor Wahlbetrug verfangen

Und die Warnungen vor Willkür und Chaos verfangen. Es kommt zu Protesten vor Wahlbüros, bei denen ein sofortiges Ende der Auszählungen gefordert wird, und die Demonstranten prägen einen damals neuen Begriff, der heute kaum aktueller klingen könnte: "voter fraud" – der Mythos vom Wahlbetrug ist damit erstmals im kollektiven Gedächtnis der Amerikaner etabliert. Aber für Betrug gibt es damals – ähnlich wie heute bei Donald Trumps raunenden Warnungen – keinerlei Beweise.

Trotzdem wird aufgrund der Unruhen zum Beispiel in einem großen und wichtigen Bezirk wie Miami-Dade County tatsächlich die Auszählung gestoppt, sodass sich das destruktive Vorgehen der Republikaner bezahlt macht. Es folgen diverse Klagen und Gerichtsverhandlungen, bis schließlich der Supreme Court sein umstrittenes Machtwort spricht. Gore gibt auf und gratuliert Bush abermals: "Ich habe ihm versprochen, dass ich ihn diesmal nicht noch einmal anrufen werde."

Hier werden gleich zwei Konsequenzen sichtbar, die an Gültigkeit in den vergangenen 20 Jahren nur noch gewonnen haben: Zum einen zeigen Gerüchte von "voter fraud" offensichtlich Wirkung und sie legitimieren Einschränkungen zum Beispiel bei der frühen Stimmabgabe, die wiederum vor allem zum Nachteil ärmerer, oft schwarzer oder hispanischer Wählergruppen gereichen – die, statistisch gesehen, verstärkt demokratisch wählen.

Zum anderen ist es von immenser Bedeutung für die Parteien, die wichtigen Richterstühle in den eigenen Farben zu besetzen – denn ist die Lage erst einmal verfahren, greift das Oberste Gericht irgendwann ein. So erscheint die hastige Ernennung von Amy Coney Barrett zur neuen Richterin am Supreme Court auf Drängen der Republikaner auch angesichts des langen Schattens der US-Wahl vor 20 Jahren in ziemlich eindeutigem Licht.

"Ich bin dankbar für Amerika", sagt George W. Bush am 12. Dezember 2000 im Anschluss an das beispiellose Chaos, "und dankbar, dass wir unsere Differenzen bei der Wahl auf eine friedliche Weise lösen konnten."


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