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"Hart aber fair" Ukraine: Die Freude vom Sonntag weicht der riesigen Angst vor falschen Hoffnungen

Das Thema bei "Hart aber fair" am 28.02.2022: "Triumph der Gewalt: Wie hilflos ist der Westen gegen Putin?"
Das Thema bei "Hart aber fair" am 28.02.2022: "Triumph der Gewalt: Wie hilflos ist der Westen gegen Putin?"
© WDR/Oliver Ziebe
An Tag fünf des Angriffskriegs, den Russlands Präsident Putin gegen die Ukraine angezettelt hat, weicht blankes Entsetzen immer mehr dem Drang, zu verhindern, was vielleicht noch zu verhindern ist. Der Abend bei „Hart aber fair“ führt schmerzhaft vor Augen, dass dieser Prozess härter werden kann, als viele erwarten.

Von Margarete van Ackeren

Die brutalsten Minuten des Abends beginnen genau in dem Moment, als der Mann mit dem strahlenden Lächeln ins Bild kommt, der gar nicht aufhört, über seine schönen Gefühle zu reden. Er redet wie im Rausch. Über seine Dankbarkeit gegenüber den "vielen, vielen hunderttausenden Deutschen", die seit Sonntag ihre Solidarität mit der Ukraine gezeigt haben. Über die Bundesregierung, die "eine Kehrtwende vollzogen" hat, über den Stolz auf seine Heimat. Andrij Melnyk, Botschafter der Ukraine in Deutschland, redet und redet. Er ist sicher: Russlands Präsident habe sein "Stalingrad-Gefühl bereits bekommen". Melnyk: "Dieser Krieg ist schon längst verloren für Putin." Die übrigen Teilnehmer der Runde schauen betreten in den Raum, sie wirken angefasst. Und schweigen erst einmal.

Die Gäste Frank Plasbergs diesmal:

  • Hans-Lothar Domröse, ehemaliger deutscher NATO-General
  • Sabine Fischer, Osteuropa- und Russland-Expertin bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP)
  • Udo Lielischkies, ehemaliger Leiter des ARD-Studios in Moskau
  • Andrij Melnyk, Botschafter der Ukraine in Deutschland
  • Michael Roth, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Bundestags und Mitglied im SPD-Präsidium
  • Gabor Steingart, Herausgeber und Gründer von „Media Pioneer“

Dabei haben die anderen Talkgäste durchaus einiges offensiv beredet. Manchmal auch ziemlich lebhaft. Der frühere General Domröse hat wegen des 100-Milliarden-Euro-Extras, das Kanzler Olaf Scholz (SPD) für die Verteidigung in Aussicht gestellt hat, Putin süffisant als "Arbeitgeber des Monats für die Bundewehr" tituliert. Pioneer-Herausgeber Gabor Steingart kommt es in diesen Tagen vor, als sei der deutsche Regierungschef "aus einem 100-jährigen Schlaf erwacht". Steingart diskutiert mit der Osteuropa-Expertin Sabine Fischer, ob Deutschlands Pläne für Waffenlieferungen ein Zeichen von Hilflosigkeit sind – er findet ja, sie hält dagegen. Und der Michael Roth dieser Woche erklärt, weshalb er Waffenlieferungen an die Ukraine befürwortet, die der Michael Roth, der gerade erst vor zwei Wochen bei Plasberg zu Gast war, noch skeptisch sah. Putins Rede an sein Volk brachte bei ihm die Umkehr. Kurz: Man spricht ziemlich offen an diesem Abend.

Doch ausgerechnet die optimistische Ansage des Botschafters, der an Tag fünf quasi die Niederlage des russischen Präsidenten ausruft, lassen sie unkommentiert. Die Sache wäre wohl zu schmerzhaft geworden für Melnyk. Und für alle, die das Leid der Ukrainer seit Wochen mitnimmt.

Es kommt „eine hässliche Phase“

Schon vor Plasbergs Schalte mit dem Botschafter haben die Gäste klargemacht, dass die Aussichten für die nächste Zeit wohl sehr finster sind. Russland-Kenner Lielischkies beweifelt, ob die Ukraine, die sich in den ersten Tagen des Krieges so viel stärker zeigt, als viele erwartet haben, der gewaltigen Übermacht Russlands Stand halten kann. Er fürchtet, dass Kiew in ein paar Tagen ganz anders aussieht als jetzt. Lielischkies sieht zwar Menschen, die wild entschlossen sind zu kämpfen, weil sie nicht mehr zurückwollen unter "das Joch Moskaus". Doch zunächst erwartet er "eine hässliche Phase". Sabine Fischer spricht aus, was da genau zu erwarten ist: Ausweitung der Kämpfe und immer mehr zivile Opfer.

Vielleicht geht es Botschafter Melnyk gerade nicht anders als vielen in Deutschland? Sie sind berauscht von der riesigen Unterstützungswelle für die Ukraine, die seit einigen Tagen stetig zu wachsen scheint, von der Wende der Bundesregierung, von neuen Zusagen der Europäischen Union, vom emotionalen Zusammenhalt des Westens, der sich über weite Strecken tatsächlich einmal wieder als Einheit präsentiert.

Der Westen vielleicht doch nicht nur hilflos?

Frank Plasberg, hatte seine Sendung zunächst angekündigt mit dem Titel "Triumph der Gewalt: Wie hilflos ist der Westen gegen Putin?" Gerade so, als ginge es nur um das Ausmaß der Hilflosigkeit. Am Abend aber hinterfragt Plasberg sozusagen seine eigene Frage: "Sind wir im Westen wirklich so ohnmächtig?" Der wachsenden Zuversicht, der neuen Stimmung im Land, die seit dem Schwenk der Bundesregierung vom Wochenende um sich greift, will auch er sich offenbar nicht komplett verschließen.

Nur kann diese neue Zeit am Ende kaum vergessen machen, dass alte Hardliner nicht Teil dieser "Zeitenwende" sind. Und so steht über den Debatten auch an diesem Abend die riesige Sorge, wohin Putins Unberechenbarkeit Europa und die übrige Welt noch führen mag.

Putin droht unverhohlen mit Nuklearwaffen

Sabine Fischer, Expertin der Stiftung Wissenschaft und Politik, glaubt zwar angesichts der Gesamtentwicklung, dass "mittelfristig" die Folgen für Putin selbst hochgefährlich werden können. Doch ihr aktueller Befund fällt nüchterner aus: Fürs Erste baut sich der Mann in Moskau weiter auf, er hat seine Repressionen nach innen verstärkt, und nach außen droht er unverhohlen mit Atomwaffen. Wie real die Option von Nuklearwaffen, die lokal begrenzt einsetzbar sind, für ihn tatsächlich ist, weiß Putin selbst am besten. Als Drohung jedenfalls verfehlt der Hinweis auf Waffen dieser Dimension seine Wirkung nur selten.

„Chinesen können ihm den Stecker ziehen“

Gesucht: mögliche Auswege aus der dramatischsten Bedrohung in Europa seit über 75 Jahren. Der SPD-Politiker Roth wirbt dafür, der Ukraine eine Perspektive in der Europäischen Union zu bieten. Und da auch er weiß, dass es schon einige Länder gibt, die sich in dieser Warteschleife tummeln, betont Roth, dass er die "ernsthafte Annäherung", kein bloßes "Lippenbekenntnis", will.

Steingart setzt darauf, dass ein Land, das sich aktuell noch als neutrale Kraft weitgehend in Deckung hält, in dem Konflikt klar Position bezieht: "Die Chinesen können ihm (Putin) den Stecker ziehen."

„Verbrecher“, der Opfern Messer an den Hals setzt

Wer wirklich entscheidende Schritte bei der Deeskalation gehen will, wird auch überlegen müssen, was er (sie) bieten kann, damit der Mann, der in seinem Akt der Aggression schon so weit gegangen ist, noch irgendwie gesichtswahrend rauskommen kann. Wenn es bei Putin noch eine Ratio gibt, dann wird man ihm eine Chance bieten müssen, "halbwegs rational" diesen Krieg zu beenden, meint Lielischkies.

Botschafter Melnyk hat in seiner Schalte mit Plasberg hinterlegt, wie er das sieht: Bei einem "Verbrecher", der seinen Opfern ein Messer an den Hals gesetzt habe, könne man nicht überlegen, was zu tun sei, damit der Verbrecher sein Gesicht wahren kann.

Er sagt das an dem Abend, an dem erste Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine ohne Durchbruch zu Ende gingen. Sabine Fischer findet den Begriff "Friedensverhandlungen" für diese Gespräche ohnehin zu optimistisch. "Möglicherweise", so die Wissenschaftlerin, stehe man am Beginn von "Waffenstillstandsverhandlungen". Möglicherweise. Hoffnung will wohldosiert sein in diesen Tagen.

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