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"Vaterlose Jungs sind ein Milliardengeschäft"

Elterntraining für überforderte Alleinerziehende: Der Psychologe Matthias Franz hilft Müttern bei der Kindererziehung. Im stern.de-Interview spricht der Professor von der Uni Düsseldorf über die Sorgen und Nöte nach einer Trennung und die Probleme von vaterlosen Jungen.

Herr Franz, viele Leute sagen: "Lieber glücklich getrennt als unzufrieden zusammen". Was ist das Problem, wenn Partner sich trennen?

Wenn alle Versuche, zusammenzubleiben, gescheitert sind, und die Kinder mehr unter dem Zusammensein leiden, kann eine Trennung wirklich dem Wohl des Kindes dienen. Es gibt Konstellationen, da ist dies das kleinere Übel. Aber ich wehre mich dagegen zu sagen, dass es heute selbstverständlich zu sein scheint, wenn Eltern nicht mehr zusammenbleiben. Jedes Kind möchte, bewusst oder unbewusst, dass seine Eltern zusammenbleiben.

Die Zahl alleinerziehender Frauen wächst. Mit ihnen wachsen offensichtlich auch die Probleme für die Kinder. Was sind die größten?

Diese Kinder haben nicht automatisch Probleme; wenn man sich aber die Statistiken anschaut, dann fallen doch einige Risiken auf. Alleinerziehende Mütter stehen oft unter großem Druck. Für viele ist der Alltag eine strukturelle Überforderung. Und je jünger die Kinder und je schwieriger die Trennung, desto mehr. Wer mit seinen Sorgen alleingelassen wird und sich einsam fühlt, kann seinen Kindern kein entspanntes Sein vorspielen. Auf die Dauer sind Einzelkämpfer erschöpft - und haben weder Zeit für sich, noch für ihre Kinder. Und Kinder brauchen Zeit und Zuwendung, ihre Signale gehen in einem druckvollen Alltag oft unter.

Glauben Sie, dass sich Alleinerziehende viel vormachen, wenn sie versuchen, Beruf und Kinder unter einen Hut zu bekommen?

Es ist jedenfalls ein größeres Problem, als man bereit ist zuzugeben. Wir haben in meinen Untersuchungen festgestellt, dass fast jede zweite Alleinerziehende Hilfe wünscht, aber keine Unterstützung findet. Wer sich von seinem Partner trennt, ist oft niedergeschlagen und kann zum Beispiel über Schuldgefühle nicht sprechen. Außerdem drücken Existenzängste, viele kleine Probleme werden zu großen und wachsen einem irgendwann über den Kopf. Alleinerziehende Mütter sind daher häufig in ihrer emotionalen Zuwendungsfähigkeit eingeschränkt und selber unterstützungsbedürftig. So können sich Mütter gerade dann ihrem Kind nicht so gut zuwenden, wenn es das Kind am nötigsten braucht. Das Kind spürt sehr genau, wenn Spannungen im Spiel sind und kann sich dann nicht mehr so leicht orientieren.

Was passiert dann?

Wenn die Erwachsenen, salopp gesagt, selbst auf den Arm wollen, haben die Kinder ein Problem. Sie fühlen mit, sie leiden mit. Doch wenn sich Eltern nicht abgrenzen und vielleicht sogar Schutz und Verständnis bei ihren Kindern suchen, drehen sich die Rollen manchmal sogar um. Das Kind passt sich an das kindliche Versorgungsbedürfnis seiner Eltern an und beginnt, sie zu bemuttern. Diese sogenannte Parentifizierung stürzt die Kleinen in ein Dilemma - denn eigentlich sind sie es, die ihrem Alter entsprechend auf Unterstützung angewiesen sind. Aber man kommt aus dieser vertrackten Situation heraus, wenn man bereit ist, sich ehrlich zu stellen. Das tun wir mit den Müttern auf unseren Kursen.

Ihr "PALME"-Projekt existiert seit drei Jahren. Was hat sie dazu bewegt? Und können Sie bereits von Ergebnissen berichten?

Als Psychoanalytiker erlebe ich viele Erwachsene, deren Probleme eine Ursache in ihrer Kindheit haben. Wir versuchen dann, mit sehr viel Aufwand und sicher auch häufig mit gutem Erfolg zu bearbeiten, was in der Kindheit nicht gut gelaufen war. Aber wenn man früher ansetzt, geht das billiger und schneller. Unser Training ist präventiv und effektiv. Die Mütter geben an, ihr Kind besser zu verstehen und sich intensiver in deren Gefühle und Bedürfnisse einfühlen zu können. 39 Prozent der Mütter, um mal eine Zahl zu nennen, litten zu Beginn unter stressbedingten psychosomatischen Körperbeschwerden, vor allem Rückenschmerzen. Nach unserem Kurs waren es nur noch vier Prozent. Der Anteil stark verunsicherter, ängstlicher Mütter sank von 42 auf 15 Prozent. Die Depressionen gingen zurück, den Kindern ging es besser, was auch den Erzieherinnen in Kindertagesstätten auffiel. Wir sprechen auch über den Umgang mit dem Vater und über seine Rolle.

Es wird derzeit wieder viel über die Probleme von Jungen diskutiert. Es gibt immer weniger Lehrer und Erzieher, an denen sich Jungs orientieren können. Haben es Kinder von alleinerziehenden Müttern da auch schwerer?

Jungen orientieren sich, bei aller Liebe, ab einem gewissen Zeitpunkt eher an männlichen Idealen, bestenfalls an ihren Vätern. Sie brauchen auch deren Vorbild und auch Auseinandersetzung, um sich später abgrenzen und ihren eigenen Weg gehen zu können. Kinder, deren Väter eine aktive Rolle in der Familie spielen, erreichen ein höheres Bildungsniveau, rauchen seltener, und werden weniger häufig kriminell. Wenn Väter sich nach einer Trennung zurück ziehen oder Mütter ihr Verhältnis zu den Vätern nicht geklärt haben, ihren Kindern womöglich einen Umgang erschweren oder verbieten, dann vergreifen sie sich an ihrer Entwicklung. Wir haben es heute mit einer vaterhungrigen Generation zu tun, deren Bedürfnisse immer weniger gestillt werden.

Wie meinen Sie das?

Die vaterlosen Jungs sind längst zu einem Milliardengeschäft geworden. Ob Terminator, ob Sternenkrieger mit ihren Laserschwertern, Obi-Wan Kenobi und wie sie alle heißen: die Macher in der Spiele- und Illusionsindustrie beuten die Nöte vieler vaterloser Jungen schamlos aus. Die kleinen, aber im Grunde verunsicherten und ängstlichen Schulhof-Machos haben dann nur noch mordende und gewalttätige Medienmonster zum Vorbild und lernen gar nicht mehr von echten Männern, wie sie besser mit Konflikten und ihrer Aggressivität umgehen können. Und wenn sie sich im Kindergarten oder auf dem Schulhof mal balgen, brausen - zugespitzt- gleich Erzieherinnen heran und wollen ihnen diese körperliche Erprobung wegerziehen. Sie spüren die heimliche Angst der Jungen, nicht zu Mädchen erzogen zu werden.

Wenn Ihr "PALME"-Projekt so erfolgreich ist, warum ist es bisher so wenig bekannt?

Das wüsste ich auch gern. Ich hatte meine Idee zuerst dem Düsseldorfer Jugendamt angeboten, doch dort lehnte man das Projekt zu unserem Erstaunen ab. Nach dem Motto: den Alleinerziehenden geht es eh schon so schlecht, und jetzt kommt auch noch eine stigmatisierende Forschung dazu. Nun denn, die Nachbargemeinden Neuss und Hilden haben das Projekt aufgegriffen. Auch Dormagen, dessen Bürgermeister Hilgers Stadtverwaltung Eltern und Kinder mit ihrem "Dormagener Modell" hervorragend unterstützt, bietet unser Training mit großem Erfolg an. Bundesfamilienministerin von der Leyen möchte PALME in den Mehrgenerationshäusern einführen, sieht darin auch Potential. Ich kann nur sagen, dass wir in 30 Stunden unglaublich viel erreichen: ein Platz kostet nur 160 Euro. Wenn man das mal in die Relation zu den Kosten eines, sagen wir, Heimplatzes, setzt, müsste eigentlich jede Kommune daran interessiert sein, der PALME ein Dach zu geben.

Mehr Infos: www.palme-elterntraining.de

Interview: Ulrich Hauser
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