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22. September 2011, 22:41 Uhr

Wie schmeckt Jesus?

Mehr als 60.000 Menschen haben im Berliner Olympiastadion mit Papst Benedikt XVI. eine Messe gefeiert, Zigtausende den Leib Jesu empfangen. stern.de war mit dabei. Von Sophie Albers, Berlin

Religiöse Rituale muss man nicht verstehen, sie dienen eben der Exklusivität. Dennoch ist die Kannibalennummer der Katholiken nicht leicht zu verdauen: Wenn der Gläubige die Hostie zerbeißt, dann sei das tatsächlich der Leib Christi, so die Erklärung. Und wenn er den Wein schluckt, tatsächlich das Blut des Gottessohnes. Das sei einer der großen Unterschiede zu den Protestanten. Im Berliner Olympiastadion lagen am Donnerstagabend 60.000 Hostien zum Zerbeißen bereit. Nicht alle Plätze der Sportarena waren besetzt, aber fast. Aus allen Himmelsrichtungen sollen die Gläubigen gekommen sein, um den Papst zu sehen.

Stundenlang haben die Menschen ausgeharrt. Sie wurden mit Christenpop, Chormusik und Werbevideoclips für die Kirche mit der schwindenden Mitgliederzahl berieselt und mussten die Füllwörter eines respektlosen und uninformierten ZDF-Moderators ertragen. Doch dann, als das Papamobil pünktlich um kurz nach sechs um die Ecke biegt, geht frischer Jubel durch die Reihen. Banner werden gestrafft. Gesichter leuchten. Regen und Kälte sind vergessen. Benedikt XVI. dreht seinen "Giro" auf der blauen 400-Meter-Bahn, muss immer wieder anhalten, weil Mütter ihm ihre Neugeborenen reichen. Er küsst, er winkt, und er lächelt so milde, wie ein Papst eben lächeln muss.

Eine Frage des Timings

Der weiße Aufbau an der Kopfseite des Stadions sieht aus wie eine provisorische Theaterbühne und ist entsprechend bestückt mit seltsamen Accessoires. Der Einzug der Messdiener in Rot-Weiß, der Bischöfe in hellem Grün mit pinkfarbenen Pileoli und der Malteser Templer in wehendem Beige erinnert ein wenig an die Papst-Modenschau in Fellinis Film "Roma". Zumindest außen ist es wild und bunt. Aber alles hat seinen Ort und seine Zeit, das wird vor allem deutlich, als die Messe beginnt, in der die Menge immer wieder wie ein Leib aufsteht und sich nach einiger Zeit - wie auf einen stillen Befehl - wieder hinsetzt. Religion scheint vor allem eine Frage des Timings.

Benedikt XVI. hat während seiner Bundestagsrede mit einem Witz über sein Alter überrascht. Im Olympiastadion ist dafür kein Platz. Geradezu martialisch geht es in seiner Predigt zu. Hatte er den Politikern im Parlament noch König Salomos "hörendes Herz" empfohlen, spricht er nun von den schlechten Reben, die der Herr vom Weinstock schneidet und ins Feuer wirft. Gemeint sind damit Menschen.

Die stehen trotzdem weiterhin auf und setzen sich wieder, was sich jedes Mal anhört wie ein kräftiger Regenschauer. Während der Papst Weihrauch schwenkend um den Altar schreitet, verausgabt sich ein Christenpop-Musiker mit einem Gitarrensolo. Ein lateinisches Gebet beginnt mit einem kleinen Hustenanfall des "Heiligen Vaters". Kinder rennen derweil quietschend über die Tartanbahn, Flugzeuge kreuzen am Himmel. Es ist leicht, die Konzentration zu verlieren, wenn man nichts versteht. Außerdem ist diese Kirche noch kälter als Kirchen es sowieso immer sind. Und dann erreicht der Weihrauch die Pressetribüne.

Auf der Suche nach dem Mysterium

Heiligkeit, spirituelle Magie oder gar Verständnis für das katholische Mysterium der Wandlung von Hostie zu Fleisch stellt sich nicht ein. Als der weißhaarige alte Mann in Grün sich eine Hostie in den Mund schiebt, sieht es kurz so aus, als esse er zwei Stücke vom Leib Jesu. Und was passiert eigentlich mit der Serviette, mit der er sich das Blut von den Lippen tupft?

Plötzlich stehen Priester in den Sitzreihen, um Jesus-Stücke anzubieten. Und die Schlange bei den Journalisten ist erstaunlich lang. Nicht nur Sie, Herr Mattussek. "Und? Wie schmeckt Jesus?" "Nach nicht viel ... wie Esspapier", sagt ein Kollege und lächelt. Er hatte die Augen in der Stille nach dem Jesus-Mahl geschlossen. Später trägt ein Priester einen gekreuzigten Jesus an der Bühne vorbei, ein Jesus, wie er in jeder Kirche hängt. Der Sohn Gottes wird nicht nur gegessen, es wird auch seine Folterszene angebetet. Warum werden eigentlich immer nur andere Religionen brutal genannt?

Religiöse Rituale muss man nicht verstehen, sie dienen der Exklusivität.

Von Sophie Albers, Berlin
 
 
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