Der 40.000. ist ein Kommunist

3. Juli 2013, 17:55 Uhr

Seit 20 Jahren verlegt der Künstler Gunter Demnig seine Stolpersteine. Am Mittwoch hat er den 40.000. eingesetzt. Eine Erfolgsgeschichte ohnegleichen. Und das wohl folgenreichste Kunstprojekt Europas. Von Anja Lösel

Stolpersteine, Gunter Demnig, Niederlande, 40.000

Seit 20 Jahren legt Gunter Demnig Stolpersteine - zuerst in Deutschland, dann in ganz Europa. Sie werden mit Blumen geehrt, aber auch mit Farbe beschmiert oder herausgerissen.©

40.000 Stolpersteine. Eine unglaubliche Zahl. Als der Berliner Künstler Gunter Demnig vor rund 20 Jahren die Idee zu den kleinen Gedenkplatten aus Messing hatte, konnte sich niemand vorstellen, dass er einmal so viele davon verlegen würde. Durchschnittlich sechs pro Tag sind es, jeder einzelne Stolperstein eigenhändig eingesetzt. Und ein Ende ist nicht abzusehen.

Stolpersteine - das sind kleine Schilder, eingelassen in das Pflaster des Gehweges. Sie tragen Namen und Daten von Menschen, die von den Nationalsozialisten entrechtet, in Konzentrationslager verschleppt und ermordet wurden. Stutzen soll man, verharren, sich hinunterbeugen zu den Steinen, auf denen in dürren Worten Schreckliches zu lesen ist. "Deportiert Auschwitz ermordet" etwa oder "Theresienstadt für tot erklärt". Man hält für einige Augenblicke inne, schaut wieder hoch und begreift: Aus diesem Haus wurden Menschen verschleppt und getötet.

Stolpersteine auch für Kommunisten

Im holländischen Drieborg verlegte Gunter Demnig am Mittwoch seinen 40.000sten Stolperstein. Nur 350 Einwohner hat der kleine Ort, aber eine bewegte Geschichte. Hier richtete der Pfarrer Bastiaan Jan Ader zur Zeit der Deutschen Besatzung ein Versteck für Verfolgte der Nazis ein – unter seiner Kirche. Zehn Kommunisten aus dem Ort taten es ihm gleich und boten Juden und Roma Unterschlupf in ihren Backsteinhäuschen, obwohl sie darin selbst beengt wohnten. Alle zehn und auch der Pfarrer wurden verraten und 1941 und 1942 von den deutschen Besatzern erschossen. Als Lenie 't'Hart von den Stolpersteinen erfuhr, wusste sie sofort: Das wäre eine gute Sache für Drieborg. Sie ist eine zupackende Frau, Leiterin einer Seehund-Aufzuchtstation, mitfühlend und doch resolut. Sie und ihr Mann Karst van der Meulen waren allerdings erst einmal unsicher: "Gibt es auch Stolpersteine für Kommunisten?" Ja, gibt es. Also regten sie den ersten in Drieborg an und übernahmen die Patenschaft (120 Euro). Das war der Anstoß für andere Familien und auch für die kommunistische Partei, sich für Stolpersteine einzusetzen. Neun weitere gibt es nun seit Mittwochmorgen um neun. Einer davon ist der 40.000.

Familie, Freunde und Nachbarn gucken zu

Natürlich ist Gunter Demnig selbst gekommen, wie immer, mit seinem Lieferwagen voll goldglänzender Stolpersteine. Im Gehweg vor den Backsteinhäuschen hat er die kleinen Quader einzementiert. Familien und Nachbarn der getöteten Kommunisten guckten zu, man lief gemeinsam von Haus zu Haus, und viele hatten Tränen in den Augen. Seltsam nur: Pfarrer Adel ging leer aus. Das liegt an der Bescheidenheit seines Sohnes Erik. Der wollte, dass endlich einmal an die fast vergessenen Kommunisten erinnert wird. "Mein Vater wurde schon so oft geehrt, vor Jahren sogar mit einer Straße", sagt er. Aber wer weiß, vielleicht kommt Gunter Demnig ja noch einmal nach Drieborg: "Irgendwann sollte auch der Pfarrer einen Stolperstein bekommen."

40.000 Solpersteine - ein Grund, sich eine Pause zu gönnen? Für sowas hat Gunter Demnig keine Zeit. Die Drieborger Schulkinder werden ohne ihn auskommen müssen, wenn sie am Wochenende vor den Stolpersteinen singen und Blumen niederlegen. Der nächste Stolperstein-Ort wartet schon. Demnig ist immer auf Achse - unterwegs zu neuen Orten, neuen Menschen, neuen Geschichten.

Zum Thema
Schlagwörter powered by wefind WeFind
Konzentrationslager Messing Stolpersteine Theresienstadt
Panorama
Spende sucht soziale Helden
Aktion Deutschlands Herzschlag: Hier können Sie sich bewerben! Aktion Deutschlands Herzschlag Hier können Sie sich bewerben!
Noch Fragen?

Neue Fragen aus der Wissenscommunity

  von dorfdepp: Soll sich die westliche Welt Kuba gegenüber öffnen?

 

  von dorfdepp: Gibt es noch Vorbehalte gegen Online-Banking?

 

  von JennyJay: Heißt es "mittels Mobilkrane" oder "mittels Mobilkränen"?

 

  von bh_roth: Vorsätzliche Tötung

 

  von Amos: Warum muß ein Blinder bei "Wetten dass" eine geschwärzte Brille tragen?

 

  von Amos: Seit heute steigen die Preise der DB, wenn ich per Kreditkarte oder Internet bezahle.

 

  von Bananabender: Der Mythos Megapixel

 

  von Amos: Warum müssen verunglückte Reitpferde immer eingeschläfert werden?

 

  von Amos: Haus mit 5 Wohneinheiten. Jetzt steht eine Wohnung längere Zeit leer. Wie verhält es sich dann mit...

 

  von Amos: Smartphones zu Weihnachten: Kaufentscheidung abhängig von der Fotoauflösung? Telefonieren wäre doch...

 

  von StechusKaktus: Wie kann die kalte Progression abgeschafft werden?

 

  von bh_roth: Gastherme versetzen

 

  von Bananabender: Drucker Patronen

 

  von bh_roth: Lichterführung bei speziellen LKW

 

  von Amos: Wenn ich einen Karton Sekt aus Bequemlichkeit im Kofferraum "vergesse": wie hoch ist die...

 

  von Musca: Vogelschwarm filmen

 

  von Amos: Da ich als Arzt nicht mehr tätig bin, habe ich meine Berufshaftplicht gekündigt.

 

  von Amos: Eine Fondsgesellschaft schickt mir am 2..12.2014 die Steuerbescheinigung für 2013. Obwohl ich meine...

 

  von Gast: Ist der Nahme "Haircouture" geschützt

 

  von Gast: ich habe eine rente in höhe von 760 ?,wie viel kann ich dazu beantragen?