16. Dezember 2008, 10:13 Uhr

"Jammern ist bei uns nicht angesagt"

Kurz vor dem 90. Geburtstag von Altkanzler Helmut Schmidt spricht seine einzige Tochter Susanne erstmals öffentlich über ihren Vater. Dabei gibt sie tiefe Einblicke in Privates und erzählt über die hochdramatischen Jahre des RAF-Terrors.

Susanne Schmidt, Tochter des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt, erzählt, ihre Eltern hätten in der Erziehung erfolgreich an ihre Vernunft appelliert©

In einem Interview in der neuen, bereits am Mittwoch erscheinenden Ausgabe des stern erzählt die heute 61-jährige promovierte Finanzexpertin und TV-Journalistin, sie habe ihren Vater als einen zwar fernen, aber liebevoll zugewandten Vater erlebt, einen Mann "von rustikaler Zuneigung". Er war es, der sie aufgeklärt hat, "wie man Kinder kriegt oder auch nicht".

Sowohl ihren Vater, als auch ihre Mutter Loki schildert Susanne Schmidt im stern als pragmatisch und schnörkellos: "Wir sind alle drei keine Leute, die ständig ihr Innerstes nach außen kehren. Jammern ist nicht angesagt." In der Erziehung hätten beide Eltern erfolgreich an ihre Vernunft appelliert. "Und ich war immer vernünftig. Vielleicht ein bisschen zu sehr", so Susanne Schmidt im stern.

Nur an die bedrückenden Jahre der RAF, als Kanzler Schmidt ganz oben auf der Abschussliste der Terroristen stand, erinnert sich die Tochter mit Unbehagen. "Das waren hochdramatische Zeiten, an die ich nicht gern zurückdenke." Sie habe ständig Angst um ihre Eltern gehabt. Das Haus sei ständig umzingelt gewesen von Polizisten und bewacht von Kameras. Nie konnte sie einfach mal so mit Freunden ausgehen. "Es waren zeitweise vier Bodyguards dabei, mit Maschinenpistolen."

Ebenso wie Loki und Helmut Schmidt hatte auch Tochter Susanne beschlossen, sich im Falle einer Entführung durch die RAF nicht austauschen zu lassen. "Wir waren einer Meinung. Der Staat darf sich nicht von Terroristen erpressen lassen."

Susanne Schmidt, 61, arbeitet beim Börsenkanal Bloomberg in London und lebt mit ihrem Ehemann Brian Kennedy, einem irischen Banker, in der englischen Grafschaft Kent.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 52/2008

Lesen Sie mehr im neuen stern

Lesen Sie mehr im neuen stern

 
 
KOMMENTARE (2 von 2)
 
ramteid (16.12.2008, 14:41 Uhr)
Das waren noch Zeiten.
Da hatte man noch das Gefühl einen Kanzler zu haben. Er setzt bis zum heutigen Tag die Maßstäbe bzw. die Messlatte. Wann kommt in Deutschland wieder mal so ein Mann, fragt man sich?
hannes_schinder (16.12.2008, 11:37 Uhr)
Der Erpressbarkeit des Staates
Der Staat kann und sollte sich auch nicht erpressen lassen. Dennoch, der Staat war einer der Hauptverursacher der Eskalation mit der RAF, und das noch lange bevor Helmut Schmidt Kanzler war.
Gewalt ist nie eine gute Lösung, in manchen Fällen aber ist Gewalt unumgänglich.
MEHR ZUM ARTIKEL
Buchpräsentation Helmut Schmidt ist niemals außer Dienst

Am Mittwochabend kamen 700 Gäste ins Berliner Ensemble, um Helmut Schmidt bei der Präsentation seines neuen Buches zu sehen. Der Altkanzler sprach über Deutschland, Amerika und die Finanzkrise. Zur Tagespolitik wollte er sich nicht äußern - und tat es letztlich doch.

Helmut Schmidt Ruhiger Fels in globaler Brandung

Die SPD steht vor dem Abgrund. Die Umfragen sind verheerend, ihr Personal ist zerstritten, die Lage aussichtslos. Man könnte an den Sozialdemokraten verzweifeln - gäbe es ihn nicht: Altkanzler Helmut Schmidt, der letzte Held der SPD. Mit 89 Jahren ist er eine Kultfigur - über die Parteigrenzen hinweg.

Helmut Schmidt "Ein Politikertyp, der nicht mehr existiert"

Altbundeskanzler Helmut Schmidt wird in diesem Jahr 90 Jahre alt - und ist auf dem Höhepunkt seiner Popularität angelangt. Cooler als Til Schweiger, geachteter als Willy Brandt: Die Deutschen verehren den Hanseaten. Politikwissenschaftler Peter Lösche erklärt im stern.de-Interview, warum.

 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (22/2013)
Hoffen oder handeln?