Fast hatte ich mich damit abgefunden, sie in diesem Jahr nicht mehr loszuwerden. Meine Wintermütze. Ein cremeweißes, bauschiges Teil aus Strick und Fleece. Schick geht anders, finden meine Freundinnen. Egal – ich brauche diese Mütze, sobald ich einen Fuß vor die Tür setze. Seit mindestens acht Monaten, einer gefühlten Ewigkeit, heißt Rausgehen hier in Hamburg: Mütze auf! Denn es friert und plästert und windet und will einfach nicht Sommer werden. Abends schleppen meine Kinder ihren selbst gezogenen Avocadobaum vom Balkon ins Wohnzimmer, denn Temperaturen unter fünf Grad überlebt er nicht. Ich arbeite mit Wärmflasche im Rücken und schlafe mit Wärmflasche auf dem Bauch. Winterstarre, Dunkelheit, nichts geht voran. So wird das bleiben, fürchte ich, für die nächsten acht Monate. Zum Heulen.
Das Gefühl der Woche: Sommervorfreude
Heute früh dann ein Blick auf die Wetter-App. Was?! Brille auf, noch mal genauer hingucken. Richtung Pfingsten stehen da tatsächlich lauter Sonnen und total unglaubwürdige Zahlen. Die Vorhersage für den Norden: erst 20 Grad, dann 24, an Pfingstmontag schließlich 27 Grad! In Bayern sollen es gar hochsommerliche 34 Grad werden. Der Blick aus dem Fenster beweist, dass das Fake News sein müssen: eiskalter Regen peitscht den fröstelnden Avocadobaum. Und doch, merke ich, rollt da jetzt eine warme Welle bis in meine kalten Fingerspitzen. Sonne, Licht, Grillduft, sockenlose Füße und das alles schon ab übermorgen? Sommervorfreude, da bist du ja endlich, wo warst du denn so lange?!
Vorfreude ist gesund, es sollte sie auf Rezept geben. Psychologen nennen sie positive Antizipation, also die Erwartung von etwas Gutem. Sie aktiviert unser Belohnungssystem, reduziert Stress und Grübelei. Wer sich auf etwas freut, plant aktiver, sucht mehr soziale Kontakte und hält Belastungen besser aus. Vorfreude wirkt oft sogar positiver aufs Gemüt als das Ereignis selbst, allein durch die Kraft der Vorstellung. Here comes the sun, singen die Beatles, diese Tatsache überträgt sich auf alles andere, und plötzlich kann man vom ganzen Leben sagen: It’s allright.
Ich habe mal ein Jahr in Südfrankreich verbracht, in einem abgelegenen Haus am Hang mitten in den Pyrenäen. Man trug dort nur zwei Paar Schuhe: Bergstiefel zum Wandern und Flip-Flops für alles andere. Irgendein T-Shirt, olle Shorts, fertig. In dem Jahr hatte ich vergessen, wozu man Mützen, BHs oder sonst einschränkende Dinge braucht. Alles war Weite, Wärme, Leichtigkeit unter einem meist wolkenlosen Himmel.
Diese Sommer-Version von mir mag ich bis heute am liebsten. Da braucht es nur eine gute Wettervorhersage, um die Vorfreude anzuschalten. Vorfreude auf den ersten Sprung in die Alster. Auf den Eiskaffee an der Bude im Park. Darauf, dass die Kinder Marshmallows am Spieß rösten und abends höllisch nach Rauch stinken. Interessant ist noch: Psychologische Studien zeigen, dass die Vorfreude auf Erlebnisse glücklicher macht als die Vorfreude auf Dinge. Heißt: besser auf Konzerte gehen statt Klamotten kaufen. Städtetrips statt Sneaker-Shopping. Grillen mit Freunden statt neuem Airfryer.
Nun mögen kritische Geister fragen: Aber was, wenn es sich der Wettergott kurz vor dem Gloria noch anders überlegt und doch keinen Sommer schickt oder nur so einen kurzen, mickrigen? Ja, die böse kleine Schwester der Vorfreude ist die Enttäuschung. Eine verhagelte Antizipation, um im Bild zu bleiben. Dagegen hilft nur, die Sommervorfreude für Pfingsten breiter aufzustellen, sich also nicht allein auf blitzblauen Himmel und Bikini-Temperaturen zu freuen, sondern auch auf die Freunde im Schrebergarten, auf das kalte Bier, auf die Erholung. Die Sonne ist nur der Bonus, die Sahne auf der Erdbeertorte. Das wäre dann eine wetterfeste Vorfreude, notfalls behalte ich einfach meine Mütze auf.
Der Sticker der Woche...
…klebt an einem Ampelmast in der Hamburger Hafencity und kennt das Rezept für Vorfreude: Riesling, Sauvignon Blanc oder einen netten Sancerre zu gleichen Teilen mit Sprudel mischen. Eiswürfel rein, Gesicht Richtung Sonne halten. Prost, auf den Sommer!
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