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16. November 2007, 20:48 Uhr
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"Kein Rassismus im Werk Rudolf Steiners"

Wird an Waldorfschulen rassistisches Gedankengut gelehrt? Die Schulen weisen diese Vorwürfe weit von sich und argumentieren, heikle Zitate aus Rudolf Steiners Werken seien stets aus dem Kontext herausgerissen worden - Kritiker sehen das jedoch ganz anders. Von Sebastian Christ

Rudolf Steiner, der Vordenker der Waldorfschulen, aufgenommen um 1910© Hulton Archive/Getty Images

Bei einer Pressekonferenz in Berlin haben die Waldorfschulen am Freitag ein klares Signal ausgesendet. Und viele kleinere, die man schlicht als Rauschen im Äther deuten könnte - oder eben als ungewollten Störfunk, der in Zukunft aufs Neue missinterpretiert werden könnte. Zusammengefasst: Die Waldorfschulen distanzieren sich glaubwürdig von jeglicher Form von Rassismus - haben aber ganz offensichtlich ein Problem damit, die Geschichte ihrer eigenen Bewegung adäquat aufzuarbeiten.

In den vergangenen Monaten waren immer wieder Rassismus-Vorwürfe gegen einzelne Anthroposophen laut geworden. Kritiker glaubten, ebenfalls belegen zu können, dass rassistische Gedankenkonstrukte im Unterricht eine Rolle spielten. Dagegen verwahrten sich die Vertreter des Bundes der Freien Waldorfschulen am Freitag vehement: Sie lehnen Diskriminierung, Auslese oder "Sonderung" in jeglicher Form ab. So steht es in einer Erklärung, die auf der Mitgliedertagung des Bundes verabschiedet wurde. "Die Anthroposophie richtet sich gegen jede Form von Rassismus und Nationalismus", heißt es da.

Und sogar ein Bekenntnis im Hinblick auf das Werk des anthroposophischen Übervaters haben sich die Waldorfschulen abringen können: "Die Freien Waldorfschulen sind sich bewusst, dass einzelne Formulierungen im Gesamtwerk Rudolf Steiners nach dem heutigen Verständnis nicht dieser Grundrichtung entsprechen und diskriminierend wirken." Die Erklärung soll künftig in jeder Schule aufgehängt werden. "Schon bei ihrer Gründung sind die Waldorfschulen mit einem Ansatz angetreten, der im krassest möglichen Gegensatz zu den Beschuldigungen steht", sagte Henning Kullak-Ublick.

"Es gibt keinen Rassismus im Werk Rudolf Steiners"

Gleichzeitig wollten keiner der drei anwesenden Vorstandsmitglieder des Waldorf-Bundes zugeben, dass es Rassismus im Werk Rudolf Steiners gebe - wie es die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) in einem Indizierungsverfahren gegen zwei seiner Werke festgestellt hat. "Das Werk ist nicht rassistisch", sagte Albrecht Hüttig, auf den Gesamtcharakter von Rudolf Steiners Schriften bezogen. Und behauptet auch auf der Mikroebene: "Es gibt keinen Rassismus im Werk Rudolf Steiners." Weiter hieß es, dass die betreffenden Zitate "aus dem Zusammenhang gerissen" worden seien, wie Kullak-Ublick sagte.

Auf die Frage angesprochen, was der Bund der Freien Waldorfschulen tue, um die Geschichte der anthroposophischen Bewegung aufzuarbeiten, wich der Vorstand ebenfalls aus. "Als Bund der Freien Waldorfschulen sind wir nicht für das Werk von Rudolf Steiner verantwortlich", sagte Kullak-Ublick. "Wir sind da nicht der richtige Adressat." Der Vorstand begrüße es jedoch, dass die Werke Steiners künftig in kommentierter Form herausgegeben würden und stellte seine Mitarbeit dabei in Aussicht. Streitpunkt sind vor allem Zitate aus Steiners Schriften, in denen er etwa über Rassenentwicklungen und von "passiven Negerseelen" schreibt. "Diese Zitate werden uns immer wieder um die Ohren gehauen", sagte Kullak-Ublick. "Damit soll ein scheinbarer Beleg gegeben werden, dass diese Zitate an unseren Schulen eine Rolle spielen. Doch das ist komplett falsch."

Die Steiner-Zitate seien nicht aus dem Zusammenhang gerissen worden

Am Rande spielte auch das geplante, aber dann doch nicht veröffentlichte Buch von Anthroposophie-Vordenker Lorenzo Ravagli eine Rolle. Zusammen mit dem niedersächsischen NPD-Spitzenfunktionär Andreas Molau, einem ehemaligen Waldorf-Lehrer, hatte er ein Manuskript mit dem Titel "Falsche Propheten" verfasst, in dem es um die Auseinandersetzung mit nationalistischem Gedankengut und den Lehren Steiners geht. Erst knapp vor der Präsentation auf der Frankfurter Buchmesse im Oktober zog Ravagli seine Autorisierung zurück. stern.de berichtete exklusiv darüber. Kritiker werfen ihm nun vor, dem Rechtsextremisten Molau ein Forum für seine Thesen gegeben zu haben. Das Projekt sei auch im Vorstand der Schulbundes umstritten gewesen, sagte ein Waldorf-Vertreter. Hüttig kündigte außerdem an, dass der Schulbund Molau verklagen werde. Der NPD-Mann hatte im Sommer ein Landschulheim im Brandenburg geplant und wollte dafür die Bezeichnung "Waldorf" gebrauchen.

Für einen Fast-Eklat sorgten zwei Kritiker der Waldorf-Bewegung. Jana Husmann-Kastein und Andreas Lichte warfen den Vorstandsmitgliedern während der Pressekonferenz vor, Tatsachen unkorrekt darzustellen. "Es ist absolut falsch, dass die Steiner-Zitate aus dem Zusammenhang gerissen sind", sagte Husmann-Kastein. Nach kurzem, heftigem Wortwechsel konnte die Pressekonferenz allerdings fortgesetzt werden. Husmann-Kastein wirft in einer Stellungnahme dem Anthroposophen Ravagli vor, rassistische Standpunkte Steiners gerechtfertigt zu haben. Husmann-Kastein war Gutachterin in dem Indizierungsverfahren der BPjM. Als Basis für ihre Vorwürfe führt sie ein Buch an, das Lorenzo Ravagli in den Jahren 2001 und 2002 zusammen mit einem Ko-Autor herausgegeben hat. "Der Rassismus Steiners wird dabei von Bader und Ravagli nicht nur abgestritten, sondern zum Humanismus umgedeutet", schreibt Husmann-Kastein.

Von Sebastian Christ
KOMMENTARE (10 von 11)
 
Turmalin (18.11.2007, 17:08 Uhr)
Styrbjoern - für Sie...
...da Sie ja scheinbar mit dem Lehrplan einer Waldorfschule nicht vertraut sind - EIN AUSZUG:
1. – 3. Klasse
Sachkunde
Der Umraum
Die menschlichen Tätigkeiten
Rechnen
Zahlen und ihre Beziehung zur Welt
Grundrechnungsarten
Formenzeichnen
Form und Bewegung
Muttersprache
Laut -Bild -Buchstabe
Schreiben, Lesen
Erste Grammatik
Märchen, Fabeln
Altes Testament
9. Klasse
Naturwissenschaft:
Geologie
Sinnes- und Stoffwechselsystem
Chemie der Naturprozesse
Physik: technische Anwendungen
Mathematik:
Kombinatorik
Gleichungen
Zeichnen, Geometrie:
Darstellende Geometrie
Deutsch:
Klassik bis Moderne
Humor und Tragik
Geschichte:
Die Neuzeit
(Ideen, Impulse, Wirklichkeit)
Kunstunterricht:
Die bildende Kunst
12. Klasse
Naturwissenschaft:
Globale Kultur
Wirtschaftsgeographie
Biochemie, Prozesse
Optik
Theoretische Physik
Mathematik:
Analysis, Differential-,
Intergralrechnung
Vektorrechung
Deutsch:
Goethes Faust
Überblick über die Literaturgeschichte
Geschichte:
Die Gegenwart, Universalgeschichte
Kunstunterricht:
Architektur
Ehemalige Waldorfschüler wie Jennifer Aniston, BEN, Sandra Bullock, Michael Ende, Rainer Werner Fassbinder, Tita von Hardenberg, Martin Semmelrogge, Barbara Valentin, Michael Rogowski, Ferdinand Porsche, Heiner Lauterbach und viele andere können Ihnen das sicher bestätigen...! Lehrpläne und viel viel Information gibt es übrigens auch im Internet:
waldorfschule.de
Meinen Sie Leute wie Martin Walser, Ingmar Bergman, Otto Schily, Heinz Nixdorf, Udo Jürgens, Hans-Dietrich Genscher, Ottfried Fischer, Hans Magnus Enzensberger, Clint Eastwood und Helmut Kohl, die ihre Kinder in Waldorfschulen bilden ließen hätten nicht den Durchblick - wie, äähm SIE?
Styrbjoern (17.11.2007, 20:09 Uhr)
@Turmalin
Über 10 Jahre besucht Deine Tochter nun schon eine Waldorfschule und Du hast immer noch nicht gemerkt, daß da Steiner gelehrt wird? Die Ideen von Rudolf Steiner bilden die Basis der Waldorferziehung, er selbst ist der Begründer dieser Bewegung. Aber an Waldorfschulen wird kein Steiner gelehrt! Ja, watt denn sonst? Etwas mehr Interesse für die Ideen und Hintergründe der Waldorfpädagogik von Deiner Seite her wäre schon wünschenswert.
Die angesprochenen, ach so inhaltsschweren Sätze muß man in Kontext zu der Zeit stellen, in der sie geschrieben wurden. Vielleicht sollte waldörflicherseits überlegt werden, diese und ähnliche Formulierungen von Herrn Steiner im Unterricht zu besprechen.
Turmalin (17.11.2007, 13:50 Uhr)
Die Praxis ist anders!
Meine Tochter besucht eine Waldorfschule und das schon über zehn Jahre. Dort wird kein Steiner gelehrt. Das ist schlicht falsch, eine glatte Lüge. Es wird auch das gleiche Abi geschrieben wie in anderen staatlichen Schulen. Wenn meine Tochter jemals auch nur einen Ansatz von rechter Gesinnung erlebt hätte - aber dem war und ist nicht so - hätte sie sich mit allem dagegen gestellt. Diesbezüglich ist sie äußerst feinfühlig - undenkbar, das gibt es in unserer Familie nicht und auch nicht in unserer Schule! Das Gegenteil ist richtig. Waldorfpädagogik ist international mit weltweit 958 Schulen (208 davon in Deutschland)! Also nicht deutsch - Sie verstehen? Waldorfpädagogik gehört allen Menschen, ist allgemeines Kulturgut. Sie ist in ganz Europa, in Asien, Afrika, Nord- und Südamerika und auch Australien vertreten. Besuchen Sie doch einmal eine Waldorfschule in Schweden, Japan oder Estland, dann werden Sie vollkommen andere Eindrücke haben. Ich hab's bemacht (nur zur Vorbeuge: bin kein Lehrer und auch nicht in irgend einer Weise in diesen Zusammenhängen beschäftigt). Unerträglich und unverantwortlich finde ich, dass unsere Kinder durch diese markigen Sprüche, die vor Ignoranz und Selbstgerechtigkeit geradezu strotzen, mit stupider rechter Gesinnung in Verbindung gebracht werden!
Darüber hinaus hat Steiner schon 1924 eine Heilpädagogik begründet - auch für alle Menschen - und dies in einer Zeit, in der das Verhältnis zu Behinderungen alles andere als fortschrittlich und menschenwürdig war.
"Das Kind in Ehrfurcht aufnehmen,
in Liebe erziehen und
in Freiheit entlassen." - R. Steiner
Waldorfpädagogik ...ja bitte!
ganzbaf (17.11.2007, 10:38 Uhr)
Gut an Waldorf...
...ist der ganzheitliche, spirituelle-natürliche Ansatz. Schlecht ist der Absolutheitsanspruch und der Aspekt dass man glaubt, die Wahrheit für sich alleine gepachtet zu haben.
All das endet in einem Glaubenssystem, das als unhinterfragbar hingestellt wird.
Mithin kommt die Antrophosophie ziemlich unagenehm hierarchisch-elitär rüber.
Alex64 (17.11.2007, 10:10 Uhr)
... und was den Herrn Steiner
angeht: Ob er nun in seinen Büchern Wörter wie "Neger" und "Arier" gebraucht ist schlicht egal, da dies zur damaligen Zeit einfach üblich war und erst mal nicht den Generalverdacht "Rassismus" bestätigt. Aber die Anaichten über die "Intelligenz" und Verhaltensweisen der "Rassen" sind schlicht dumm - weil nicht modernem Kenntnisstand entsprechend. Mag für die damalige Zeit o.k. sein - bezogen auf heutige Bildung allerdings genauso zu werten wie die Alchimie.
Fazit: Wer die GedankenSteiners heute noch als Grundlage für moderne Bildung nutzt, sollte wohl zu differenzieren, kritisch zu werten und zu unterscheiden wissen ....
Alex64 (17.11.2007, 10:00 Uhr)
Putinki
... stell Dir vor, ich war auf einer öffentlichen Schule ganz ohne elitäres Gehabe und mit Leistungsdruck - und kann´s trotzdem.
Ausserdem habe ich gelernt, mit dem "Druck" zurecht zu kommen - und das ist für´s spätere Leben auch nicht ganz sooo ohne.
mramorak (17.11.2007, 09:56 Uhr)
Standrechtlich erschießen
Es geht mir nicht um die Waldorfschulen, es geht um das Prinzip, nach dem die "Kritiker" handeln: Jeder, der heute nicht links ist, in Deutschland, wird standrechtlich erschossen. Denn man braucht keine Gerichtsverhandlung, Ankäger, Richter und Schützen ist eine Person oder eine kleine ruppe von Leuten.
ganzbaf (17.11.2007, 09:26 Uhr)
Nanana, Waldorfpädagoik ist nicht ganz ungefährlich...
...wie man an der Person Joseph Martin Fischer leicht erkennen ann... ;-P
.
Na ja, es gibt vielleicht Schlimmeres, als die olle Waldorfbande... ;-)
Aber die sind schon ziemlich elitär und dünkelhaft. Ich hatte mal 2 Wochen das Vergnügen eine Einrichtung von innen kennen zu lernen...
.
Nein Danke!
H.P. (17.11.2007, 09:25 Uhr)
Schriften und Lehren
Jede Schrift und Lehre beinhaltet Texte die man kritisieren kann, selbst die hl. Schriften beinhalten Texte die man kritisch betrachten kann.
Schriften und Lehren sind keine Absolutheiden und sollten auch so behandelt werden.
Putinki (17.11.2007, 07:55 Uhr)
Waldorf-Schulen
Waldorf Schulen sind in der Welt etabliert und ein sehr gutes pädagogisches Konzept. Wenn jetzt "hochkarätige" Experten plötzlich nazistische Tendenzen zu erkennen glauben, dann wohl wegen ganz anderen Gründen. Vielleicht gelingt es ihnen, die Waldorf Schule durch die "moderne" Ganztags- oder Gesamtschule in Deutschland zu ersetzen, aber in der Welt ist die Waldorf Schule eine Institution. Ich bin überzeugt, dass dann für Deutschland die PISA Studien nicht mehr angewendet werden können, da die Kinder weder schreiben noch lesen können.
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