"Gerüchte über meinen Tod sind etwas verfrüht"

10. März 2013, 15:30 Uhr

1,5 Millionen Euro Kopfgeld waren auf ihn ausgesetzt. In Florenz ging der Finanzjongleur Florian Homm den Fahndern in die Maschen - nach fünfjähriger Flucht. Wer ist der sagenumwobene Mann? Von Thomas Schmoll

Homm, Florian Homm, Hedgefondsmanager, Millionenbetrüger

Erst war Florian Homm (r.) Talkgast im ZDF und plauderte mit Moderator Peter Hahne über Erkenntnisse seines Lebens, dann brach der ehemals "psychopathische Finanzinvestor" (Selbstkritik) nach Italien auf, wo seine fünfjährige Flucht zu Ende ging.©

Selbst das Ende seiner fünfjährigen Flucht passt zu Florian Homm. Die Fahnder schlugen an einem spektakulären Ort zu, den Uffizien in Florenz, eine der bedeutendsten Gemäldesammlungen der Welt. Ob es Homm noch geschafft hat, all die wunderschönen Werke von Boticelli, Leonardo, Michelangelo und Raffael zu bewundern, ist nicht überliefert. Sicher aber ist: Vorläufig hat es sich für den 53-Jährigen in Sachen Kunstgenuss. Nun erwarten ihn erst einmal U-Haft, vermutlich ein Prozess und viele Jahre Gefängnis.

So spektakulär seine Flucht war, so banal wirkte sie am Ende. Rankten sich zunächst jede Menge Mythen um den Finanzjongleur - von der Gesichtsoperation bis zum Einstieg ins südamerikanische Drogengeschäft -, entstand zuletzt der Eindruck, als habe der Gesuchte, ein Schlacks von 2,03 Meter Höhe, die Nase voll gehabt vom Leben in Angst und aus Koffern, vom Versteckspiel und es darauf angkommen lassen, geschnappt zu werden. In sage und schreibe 130 Ländern will Homm sich aufgehalten haben. Seine Flucht möchte er nicht Flucht nennen, sondern "selbst gewähltes Exil": "Ich war seelisch und moralisch verloren. Ich musste abhauen." Sein Ende 2012 erschienenes Buch "Kopf Geld Jagd", in dem er sich geläutert zeigt, ist als Aufgabe und Bitte um Gnade gedeutet worden. Es ist sicher kein Zufall, dass er sich in der Rückschau selbst als ehemals "psychopathischen Finanzinvestor" bezeichnet.

"Reich an Millionen, aber arm an Charakter"

Noch im November gab er diversen Medien, darunter dem stern, der "Financial Times Deutschland" (FTD) und "Spiegel Online" Interviews, um sein Buch "Kopf Geld Jagd" zu promoten. Die Sicherheitsvorkehrungen waren so, wie sie der Normalbürger aus Agentenfilmen kennt. Stern-Reporter Lorenz Wolf-Doettinchem beschrieb sie so: "Als wir am Treffpunkt aus dem Taxi steigen, geht es mit einem Vertrauensmann weiter – zu einem ganz anderen Hotel. Security-Leute scannen uns beim Betreten der Suite mit einem mobilen Detektor auf Waffen, Mikrofone und Knopflochkameras und kontrollieren, ob die Mobiltelefone ausgeschaltet sind." Schon damals deutete Homm an, reinen Tisch zu machen, "mich den Problemen zu stellen". Jedenfalls: "Gerüchte über meinen Tod sind etwas verfrüht." Vergangene Woche war er zu Gast im ZDF und diskutierte sichtbar entspannt mit der Kommunistin Sahra Wagenknecht über dieses und jenes. Das Studio konnte er anschließend unbehelligt verlassen und nach Italien reisen.

Homm hatte jahrelang eine gute Nase für millionenschwere Geschäfte. Aber wie so viele andere Heuschrecken oder Investmentbanker überzog der Hedgefonds-Manager. Seine Gier war einfach zu groß geworden. Die FTD urteilte: "Florian Homm ist das Enfant terrible der deutschen Finanzszene, der Inbegriff der skrupellosen Heuschrecke. Reich an Millionen, aber arm an Charakter." Skrupel kannte er nicht. Homm selbst nennt sie in der Rückschau "total unterentwickelt". Der Großneffe des legendären Versandhändlers Josef Neckermann wollte noch reicher werden als sein Verwandter. "Ich war während der letzten Jahre meiner Finanzkarriere nur noch ein Automat, eine primitive Geldmaschine", gestand er dem stern. In der Szene hieß er früher "Der Plattmacher". Den Namen hatte er sich verdient. Homm agierte ohne Rücksicht auf Verluste - bei anderen. Hauptsache: Er scheffelte Moneten. Sein bekanntestes Opfer war in den 90er-Jahren die Bremer Vulkan-Werft.

"Ich bin ein Pitbull"

Der Spekulant wurde zur Hassfigur, weil er in Talkshows prahlte und seinen Turbokapitalismus nicht nur verteidigte, sondern schamlos als seligmachend pries. Daran änderte auch sein Einstieg bei Borussia Dortmund mit 20 Millionen Euro nichts. Sein System ließ jede Moral und jeden Anflug von Anstand vermissen. Geschickt trieb er Aktien ohne Potential in die Höhe. Über seine Fonds stieg Homm bei Unternehmen ein, denen er anschließend die Wahl zwischen Pest und Cholera überließ, entweder die Firma dem Fonds zu überlassen oder hohe Summen abzudrücken, um ihn abzuschütteln. Während Homm die Win-win-Situation genoss, brachte er andere zur Verzweiflung.

In all den Jahren des Geldscheffelns machte sich der Finanzjongleur jede Menge Feinde, darunter Anleger, die - selbst auf Reibach aus - Homm vertrauten und sich dann betrogen fühlten, ehemalige Geschäftspartner und frühere Freunde. Hinter dem Deutschen waren Kopfgeldjäger und Privatdetektive her in der Hoffnung, die 1,5 Millionen Euro zu kassieren, die auf ihn von privater Hand ausgesetzt worden waren. "Die kommen nicht zum Händchenhalten, das Kopfgeld ist ein verklausulierter Mordauftrag", meinte Homm vor wenigen Monaten immer noch selbstbewusst und kämpferisch: "Die wissen auch: Ich bin ein krasser Typ, ein Pitbull. Ich gebe denen nichts, die müssen mich schon foltern."

Ermittlungen des FBI

Im Sommer 2007 geriet Homms Fonds unter Druck - nicht zuletzt, weil Geld in Werte flossen, die wenig wert waren. Ein paar Wochen später gab er den Chefposten auf und setzte sich ab. Dass Homm vielen Menschen Leid gebracht hat, gibt er heute zu. Der Ex-Spekulant spricht von einem "Arschloch", wenn er über seine Zeit als Hedgefonds-Manager redet. Eine Schuld im strafrechtlichen Sinne bestreitet er. "Ich bin nicht vor dem Gesetz weggelaufen." Er sei kein Betrüger, sondern habe sich "oft in Grauzonen" bewegt. Ein Haftbefehl existiere nicht, hatte er im November dem stern gesagt. In der FTD meinte Homm: "Erstens haben wir nicht nur schlechte Sachen gemacht. 80 Prozent waren gut. Zweitens: Ja, vom Saulus zum Paulus. Da bin ich ja nicht der Erste." Tatsächlich hatten Ermittlungen in Deutschland zu keiner Anklage geführt.

In den USA allerdings liefen Ermittlungen wegen Börsenbetrugs. Seine Gegner, klagte Homm, wollten "mich zwingen, 30 Millionen Euro rauszurücken, ansonsten würde ich ans FBI ausgeliefert. Das ist lächerlich. Das FBI sucht mich gar nicht." Hier irrte Homm. Die US-Börsenaufsicht SEC verlangt von ihm rund 56 Millionen Dollar (44 Millionen Euro). Er soll Einzahlern in Hedgefonds seiner Gesellschaft Absolute Capital Management Verluste von rund 200 Millionen Dollar beschert haben. In Los Angeles liegt nach Angaben des FBI eine Strafanzeige gegen Homm vor: wegen Verschwörung und Betrugs.

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